Schottland: Ein Sieg der Ökonomen

Blog20. September 2014, 09:33
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Die Wähler haben der wirtschaftlichen Vernunft gefolgt. Das sollte ein Vorbild für andere sein, auch für Österreich

Die klare Entscheidung der Schotten gegen die Unabhängigkeit war nicht nur ein Erfolg für die britischen Parteien und eine große Erleichterung für die Europäische Union. Das Referendum war auch ein Sieg für die Berufsgruppe der Ökonomen: Sie hatten fast geschlossen vor den wirtschaftlichen Gefahren eines unabhängigen Schottlands gewarnt. Und die Wähler haben auf sie gehört. Ihre Prognosen dürften letztlich den Ausschlag gegeben haben.

Das ist nicht selbstverständlich. Die Geschichte und die Gegenwart sind voll von Beispielen, in denen Menschen für nationalistische Gefühle und gegen ihre finanzielle Interessen entscheiden. 1910 hatte der britische Autor Norman Angell in seinem Buch "The Great Illusion" ("Die falsche Rechnung") erklärt, Krieg zwischen den europäischen Mächten sei wegen der engen wirtschaftlichen Verflechtung sinnlos und daher unmöglich. Er irrte sich.

Kriege lassen alle ärmer zurück

Auch die Konflikte im ehemaligen Jugoslawien sowie die Kriege und Bürgerkriege im Nahen Osten waren und sind von nationalistischen, ethnischen und religiösen Motiven getrieben und lassen alle Beteiligten ärmer zurück. Die Auseinandersetzung um die Ostukraine mag zwar auch wirtschaftliche Motive haben - schließlich war ein Zollabkommen zwischen der Ukraine und der EU der Auslöser -, aber widerspricht jeder ökonomischen Logik.

Die Auswirkungen eines Ja der Schotten wäre lang nicht so schlimm gewesen, und mit Gewissheit lässt sich die Zukunft nicht voraussehen. Aber nach allen Erfahrungen und vorliegenden Daten wäre ein unabhängiges Schottland in 20 Jahren weniger wohlhabend als eine autonome Provinz des Vereinigten Königreichs. Und das hätte nicht nur wohlhabende Investoren, sondern vor allem die Durchschnittsbürger und die Armen getroffen.

Gefahren für Schottlands Wirtschaft

Denn Schottland hätte keine eigene Währung, sondern hätte sich an den Pfund angehängt, ohne den Schutz der Bank of England zu genießen. Der große Bankensektor wäre zum Großteil nach England abgewandert, wo er mehr finanzielle Sicherheit hätte. Und die Einnahmen aus Öl und Gas werden allmählich versiegen, während Schottland dann die riesigen Kosten des Abbaus der Förderanlagen allein tragen müsste.

Diesen Argumenten konnten die Nationalisten wenig entgegensetzen – außer dem Beschwören des schottischen Nationalstolzes, der all diese Hürden schon irgendwie überwinden würde.

Ökonomen haben bekanntlich nicht immer recht. Das liegt auch daran, dass sie untereinander meist nicht einig sind, wie man etwa seit der Weltfinanzkrise sieht. Aber irrationales und schädliches Verhalten, das eine Gesellschaft ärmer macht, können sie meist sehr gut identifizieren.

Land des Kapitalismus und der Aufklärung

Der Ausgang des schottischen Referendums war ein Triumph des Hirns über Herz und Bauch. Im Land, das nicht nur der den Vater des Kapitalismus, Adam Smith, sondern auch andere der größten Denker der Aufklärung hervorgebracht hat, sollte das nicht überraschen.

Aber wir erleben allzu oft, wie Wähler den Versprechungen von Populisten folgen und damit sich gegen den Rat von Experten und letztlich ihre eigenen Interessen entscheiden. Und weil Politiker das wissen, tun sie oft nicht das, was eigentlich sinnvoll und notwendig wäre.

Österreich ignoriert Expertenrat

Das gilt auch für Österreich: Die Empfehlungen von Wifo, IHS, EU-Kommission, OECD, IWF etc. klingen alle ziemlich gleich. Die Regierung müsste in der Verwaltung sparen, die Frühpensionen rasch eindämmen, die Förderungen kappen, die Steuerbelastung auf Arbeit senken, das Bildungssystem reformieren sowie mehr Geld für Forschung und Entwicklung ausgeben.

Aber wer das zumindest teilweise tut, wie etwa die steierische SP/VP-Reformkoalition, wird vom Wähler abgestraft. Und deshalb schrecken Politiker dann davor zurück.

Die Schotten sollten daher mit ihrer Vernunft als Vorbild für alle europäischen Wähler dienen. Sie haben den Ökonomen zugehört und sich an ihren Rat gehalten. Das sollte öfter geschehen. (Eric Frey, derStandard.at, 20.9.2014)

  • Unabhängigkeitsgegner feierten nach dem Referendum, die meisten Experten auch
    foto: ap/dunham

    Unabhängigkeitsgegner feierten nach dem Referendum, die meisten Experten auch

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