Europäisch denken, regional fühlen

Kommentar19. September 2014, 18:01
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Die Politik muss die Unabhängigkeitsbewegungen in Europa ernst nehmen

Die Schotten haben entschieden: Sie werden an die bisher schon drei Jahrhunderte dauernde Beziehung mit England zumindest noch ein paar Jahrzehnte anhängen. Doch in London hat man erkannt, dass man sich nun nicht erleichtert zurücklehnen kann, denn schließlich hat fast die Hälfte für eine Abspaltung gestimmt. Das war also mehr als eine banale Trotzreaktion der verhassten Hauptstadt gegenüber. So wie David Camerons Zugeständnisse hinsichtlich mehr Autonomie für die Regionen eine richtige Reaktion war, so muss das Schottland-Referendum auch an anderen Regierungssitzen in der EU die Alarmglocken schrillen lassen: in Madrid, in Brüssel, in Rom. Die Entscheidung, den Status quo zu erhalten, bedeutet nicht automatisch auch dessen Billigung und Absegnung.

National anders gelagert, aber im Prinzip nicht unähnlich, ist die Lage in Spanien. Dort bereitet Katalonien für den 9. November ebenfalls ein Referendum vor. Wäre das schottische Votum anders ausgegangen, hätte das die katalanische Kampagne zusätzlich befeuert. Die Rhetorik, mit der Madrid am Freitag den Sieg der schottischen Unabhängigkeitsgegner feierte, ist bestenfalls kurzsichtig und könnte sich rächen.

Auch in Italien hat man Schottland beobachtet. Und wenn der Südtiroler Landeshauptmann Arno Kompatscher sagt, er hätte sich ein Ja zur Abspaltung gewünscht, dann spricht das Bände für den innenpolitischen Zustand des gesamten Landes: So wie im Falle Schottlands handelt es sich bei der autonomen Provinz im Norden Italiens um eine wohlhabende und sozial sehr gut abgesicherte Region. An wirtschaftlicher Schieflage und Chancenlosigkeit kann es also nicht liegen.

Kompatschers Zusatz, er hoffe, die EU verstehe den starken Wunsch regionaler Bewegungen nach Eigenständigkeit, ist fast schon als Arbeitsauftrag zu verstehen - nicht nur für Rom, sondern auch für Brüssel: Überdenkt gründlich das Konzept der Nationalstaatlichkeit!

Solche Gedankengänge mögen prinzipiell legitim sein, während Slogans wie "Besser ein Tag als Braveheart als hundert Jahre ein Diener der Banken" von Lega-Nord-Politiker Mario Borghezio schon eher in die Schublade des flachen Populismus gehören. Doch auch die norditalienische Separatistenpartei trifft einen Nerv, sonst wäre sie in der Region kaum seit Jahrzehnten so erfolgreich.

Und dann Belgien: Dort verfolgt man die Idee eines konföderalistisches Konzepts für Flandern im Norden und Wallonien im Süden. Das Resultat wäre auch hier die Absicherung regionaler Identitäten.

Im 15. Jahr des 21. Jahrhunderts werden nationalstaatliche Grenzen im vereinten Europa immer mehr obsolet. Gleichzeitig ist aber das Bedürfnis vieler seiner Bewohner festzustellen, sich in einer Identität zu finden, die eben nicht "europäisch" oder nationalstaatlich, sondern regional - oder gar nur lokal - verwurzelt ist.

Solche Anzeichen geflissentlich zu übersehen, nicht ernst zu nehmen, als rückständig abzutun oder gar polternd drüberzufahren, das birgt ein großes Risiko. Die Regierungen täten gut daran, Europa nicht nur als (de facto) Wirtschafts- und (idealerweise) Sicherheitsgemeinschaft zu verstehen, sondern auch als Raum für das persönliche Leben. Und das bedingt die Rücksichtnahme auf ein fundamentales menschliches Bedürfnis: sich irgendwo zugehörig fühlen zu können - und sei es bloß im Kleinen. (Gianluca Wallisch, DER STANDARD, 20.9.2014)

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