Vergangenheitsbewältigung: Im Keller und anderswo

Kommentar19. September 2014, 17:43
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Mit dem Rücktritt der beiden ÖVP-Funktionäre im Burgenland ist die Angelegenheit längst nicht erledigt

Wie blöd muss man sein, sich in einem Keller voll NS-Devotionalien unter ein Hitler-Bild zu setzen und dort feuchtfröhlich ein paar Lieder anzustimmen? Und sich dabei filmen zu lassen? Zwei der fünf Männer aus dem burgenländischen Marz waren bis Freitagfrüh Gemeinderäte der ÖVP. Offenbar traten sie auf Druck der Parteiführung in Wien zurück.

Die Einsicht in die Dummheit ist beschränkt, auch beim dortigen Bürgermeister: Es sei ein Fehler gewesen, sich dabei filmen zu lassen. Das Sammeln von NS- Emblemen empfindet offenbar keiner als Problem. Prost, meine Herrschaften! Vielleicht wirkt das Verfahren wegen NS-Wiederbetätigung ernüchternd.

Es gibt sie immer noch: Menschen, die Kriegsverbrechen und das Leid, das Adolf Hitler und die Nationalsozialisten über die Welt gebracht haben, verharmlosen. Menschen, die 50 Millionen Kriegstote und den organisierten Mord an sechs Millionen Juden wegwischen und meinen, dass doch nicht alles so schlimm gewesen sei.

Sie sitzen nicht nur im Keller und stoßen auf die eigene Dummheit an. Sie sitzen in Gemeindestuben, in der Politik, nebenan und unter uns. In Marz, in Gurk und anderswo. Mit dem Rücktritt der beiden ÖVP-Funktionäre im Burgenland ist die Angelegenheit längst nicht erledigt, wie die Partei behauptet. Nicht, solange es solche Keller, solche Funktionäre, solche Bürgermeister, so eine Gesinnung gibt. (Michael Völker, DER STANDARD, 20.9.2014)

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