Erinnerung an das Vietnam-Trauma wird wieder aktuell

20. September 2014, 10:00
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Eine Tochter Robert F. Kennedys hat fürs Kino die Flucht der Amerikaner aus Saigon dokumentiert. Der Film führt die Gefahr nicht zu Ende gedachter Militäroperationen vor Augen.

Als Laie staunt man immer wieder aufs Neue, wie groß der Kennedy-Clan ist. Und wie es sich immer wieder bewahrheitet, das Wort vom Kennedy-Fluch, dem ständigen Wechselspiel zwischen glänzenden Erfolgen und furchtbaren Schicksalsschlägen, das sich mit dieser Familie verbindet wie mit kaum einer zweiten. Kürzlich stand Rory Kennedy vor der Leinwand des E Street Cinema, eines Kinos in Washington, um ihren neuesten Film zu präsentieren.

Der Name taucht selten in den Schlagzeilen auf, es handelt sich um das elfte Kind Robert F. Kennedys, der seinem Bruder John F. ab 1961 als Justizminister diente und 1968 selbst fürs Weiße Haus kandidierte. Als ihre Mutter Ethel schwanger mit ihr war, wurde RFK im Ambassador-Hotel in Los Angeles von einem Palästinenser namens Sirhan Sirhan erschossen.

Als Rory im Juli 1999 heiraten wollte, verunglückte John F. Kennedy junior, ihr Cousin, beim Absturz seines Privatjets auf dem Weg zur Feier am Atlantikstrand von Hyannis Port. Später war Rory die Erste am Unfallort, als ihr Bruder Michael auf einer Skipiste in Aspen gegen einen Baumstamm fuhr und verstarb. Die Tragödien des Clans, sie scheinen gebündelt im Leben der Frau mit dem charakteristischen Kennedy-Lächeln. Nun hat sich die 45-Jährige in einem Dokumentarfilm eines Traumas angenommen, an dessen Entstehungsgeschichte ihre Familie nicht unbeteiligt war.

Wissen, wie man rauskommt

Es geht um zwei dramatische Tage 1975, als die USA ihre Segel in Saigon streichen mussten. Ein Foto, das die Flucht vor den heranrückenden Nordvietnamesen illustriert, gehört seither zu den Symbolbildern der US-Geschichte. Auf dem Dach des CIA-Quartiers parkt ein Helikopter, während dutzende Menschen, viel zu viele, darauf warten, an Bord klettern zu dürfen.

Last Days in Vietnam heißt der Streifen, in dem Kennedy dokumentiert, welche Kette von Irrtümern dem improvisierten Exodus vorausging. Da ist Graham Martin, der Botschafter der USA. Dass Saigon fallen könnte, wollte er nicht wahrhaben, bis es zu spät war. Die sture Realitätsverweigerung hatte eine chaotische Evakuierung zur Folge, bei der Martin dann aber stoisch Haltung bewies. Einem Piloten, der ihn auf ein Kriegsschiff bringen sollte, ließ er ausrichten, er gehe erst dann, wenn so viele südvietnamesische Flüchtlinge wie möglich ausgeflogen seien.

Noch heute Schuldgefühle

Da ist der Captain der Armee, den noch heute Schuldgefühle plagen, weil die Amerikaner 420 Vietnamesen neben einem Swimmingpool zurückließen. Da sind die letzten elf Marineinfanteristen, die am 30. April 1975 abgeholt wurden. Sie hatten die Stahltüren hinter sich verriegelt, damit die Zurückbleibenden das Dach nicht erreichen konnten.

Ihr Vater Robert, begründet Rory Kennedy ihr Interesse an den Dramen der Niederlage, hätte den Vietnamkrieg sicher rascher beendet, wäre er ins Oval Office gewählt worden. Zudem könne man eine Lektion lernen aus dem April 1975, nämlich wie schnell alle Szenarien über den Haufen geworfen werden, wenn ein Krieg seine Dynamik entfaltet. Egal ob in Vietnam, im Irak oder in Syrien. "Bevor du hineingehst in einen solchen Konflikt, musst du die Dinge bis zu Ende denken. Gleich am Anfang musst du entscheiden, wie du wieder herauskommst aus so einem Konflikt." (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 20.9.2014)

  • Die Evakulierten landen an Bord der USS  Kirk.
    foto: ap photo / american experience, hugh doyle

    Die Evakulierten landen an Bord der USS Kirk.

  • Filmemacherin Rory Kennedy
    foto: herrmann

    Filmemacherin Rory Kennedy

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