Dörflicher Nazikater im Altweibersommer

19. September 2014, 17:20
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Die Hoffnung der ÖVP, mit dem Parteiaustritt der von Ulrich Seidl im burgenländischen Nazikeller gefilmten Funktionäre sei "die Angelegenheit" erledigt, könnte enttäuscht werden

Marz/Wien - Das burgenländische Dorf Marz, ein Vorort von Mattersburg, kommt, so es denn in die Medien kommt, stets mit reichlich Bizarrem ins Gerede. Vor ziemlich genau zwei Jahren dadurch, dass die örtliche SPÖ vor lauter Selbstbespiegelung darauf vergessen hatte, sich rechtzeitig für die Gemeinderatswahl anzumelden. Jetzt dadurch, dass zwei aus der dadurch übers eigentliche Maß hinaus aufgeblähten schwarzen Gemeinderatsfraktion sich 2009 nicht nur daneben benommen, sondern das vor laufender Kamera getan haben.

Ulrich Seidl hatte sich damals angesagt, der geduldige Zuschauer. Am Donnerstagabend hat er seinen Dokumentarfilm "Im Keller" in Wien präsentiert. Und tags darauf stöhnte ganz Marz, als litte es unter einem gehörigen Kater.

Einen Kellerraum voller Nazidevotionalien zeigt Seidl. Fünf ausgelassene, fröhliche Männer sitzen, einander zuprostend, am Tisch und singen, inbrünstig und wohlwollend bewacht von Adolf Hitler in Öl und zwei Kleiderpuppen in Naziuniform, "Ein Prosit der Gemütlichkeit". Zwei dieser fünf Männer in der Tracht des Musikvereins "Frohsinn Marz" sind ÖVP-Gemeinderäte in der burgenländischen Gemeinde und haben sich - so einer, verkatert, zum Standard - "nix" gedacht.

Das haben am Freitag dann andere für sie übernommen. Die zwei sind nicht bloß von ihrer kommunalen Funktion zurück-, sondern auch gleich aus der ÖVP ausgetreten. Auf sehr dringendes Begehr der Bundesführung, wie gemunkelt wurde. Parteiobmann Reinhold Mitterlehner betonte jedenfalls ausdrücklich, dass diese Angelegenheit, "sehr, sehr problematisch" sei. "Wir haben mit derartigem Gedankengut nichts, aber auch gar nichts am Hut."

Der Nachbar

Das sagen, wortident, nicht nur die burgenländischen, sondern klarerweise auch die Marzer Parteifreunde. Ja selbst die beiden im Nazikeller fröhlich singenden Gemeinderäte und der Kellerbesitzer selbst sagen das, tun sich freilich in Anbetracht der Bilder, die Ulrich Seidl da präsentiert, sehr schwer, das zu rechtfertigen.

"Das ist mein Nachbar", erzählt der nunmehr frühere Gemeinderat und Ex-ÖVPler. Dass "der Joe" alte Sachen sammelt, habe jeder gewusst, den Raum habe er klarerweise auch gekannt, "der Joe hat mich gebeten, mit ihm eine Musikerprobe nachzustellen". Jetzt, da er die Bilder gesehen habe, sei er allerdings selbst erschrocken. "Ich habe mit dem allem doch nix am Hut."

Für ein Nein - das nun alle so gerne laut gesagt hätten - hat es freilich auch nicht gereicht. Nicht bloß die innerdörfliche Gewöhnung ans Bizarre - dem zwar ein wenig spinnerten, aber weithin angesehenen Sammler wird so manches nachgesehen - ist dafür ausschlaggebend. Sondern auch der dadurch ins Dorf hineingebogene Blick. Die Bilder des Ulrich Seidl zeigen nun freilich auch den Marzern das Bild, das andere sich zwangsläufig machen müssen von diesem am Freitag so altweibersommerlich-idyllischen Dorf. Fast hilflos sagt eine: "Wenn ich so was seh von einem - sagen wir - niederösterreichischen Dorf, dann denk ich mir ja auch ..."

Nämlich, dass es Kellernazis gewesen seien, die sich da im Nazikeller zu feucht-fröhlicher Ausgelassenheit getroffen hätten. Für die ÖVP war spätestens nach der donnerstägigen Puls-4-Sendung, in der die Mandatare als solche enttarnt wurden, Feueralarm. Bis hinauf zum Generalsekretär Gernot Blümel verlangte man noch am Donnerstag zumindest den Rücktritt. Dieser erfolgte denn auch Freitagfrüh. Zu Mittag meldete das Bezirkssekretariat Mattersburg den "freiwilligen" Parteiaustritt, wodurch Landeschef Franz Steindl instand gesetzt wurde zu sagen: "Für die Landesorganisation ist die Angelegenheit damit beendet."

Da bringt freilich der Wunsch den Gedanken des Parteichefs auf Trab. Weder die politischen Mitbewerber (SPÖ und Grüne haben ihrer Empörung Ausdruck verliehen) werden "die Angelegenheit" einfach ruhen lassen, noch die Eisenstädter Staatsanwaltschaft, die seit einer Anzeige vor rund anderthalb Wochen "die Angelegenheit" von Amts wegen verfolgt. Gegen alle fünf von Seidl gezeigten Sänger im burgenländischen Nazikeller laufe, so die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Magdalena Wehofer, "ein umfassendes Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts nach Paragraf 3g Verbotsgesetz". Landläufig - außerhalb von Marz - wird das "nationalsozialistische Wiederbetätigung" genannt.

Kärntner Ermittlungen

Ein Verdacht, dem auch in Kärnten gerade nachgegangen wird. Die Staatsanwaltschaft Klagenfurt hat jedenfalls, erklärt ihr Sprecher Helmut Jamnig, "einen Akt angelegt" gegen den vor zwei Tagen aus der FPÖ ausgeschlossenen Bürgermeister von Gurk, Siegfried Kampl. Der schon einschlägig aufgefallene Kampl hatte gemeint, er distanziere sich nicht vom Nationalsozialismus, sondern nur von den "Taten". (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 20.9.2014)

  • In Ulrich Seidls neuem Film "Im Keller" lassen sich fünf Männer aus Marz im Burgenland dabei zuschauen, wie sie inmitten lauter NS-Devotionalien feuchtfröhlich anstoßen und ein Lied dabei anstimmen. Ganz ohne böse Absicht, wie sie betonen.

    In Ulrich Seidls neuem Film "Im Keller" lassen sich fünf Männer aus Marz im Burgenland dabei zuschauen, wie sie inmitten lauter NS-Devotionalien feuchtfröhlich anstoßen und ein Lied dabei anstimmen. Ganz ohne böse Absicht, wie sie betonen.

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