Ausgebeutete Textilarbeiterinnen auch mitten in Europa

26. September 2014, 14:00
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Die Clean-Clothes-Kampagne hat mehr als 300 Interviews im osteuropäischen Raum geführt. Ausbeuterische Arbeitsbedingungen gibt es nicht nur in Fernost

Wien/Dhaka/Bukarest - Zwei Jahre sind seit dem verheerenden Brand in der pakistanischen Textilfabrik Ali Enterprises in der Hafenstadt Karatschi inzwischen vergangen: 254 Menschen starben damals in den Flammen, 55 wurden verletzt. Doch die Entschädigungen für die Hinterbliebenen lassen immer noch auf sich warten. Der deutsche Textildiscounter Kik - Hauptauftraggeber dieser Textilfabrik - habe zwar Soforthilfe gezahlt, verzögere seither aber die Verhandlungen über langfristige Entschädigungen, wie die Organisation Clean-Clothes-Kampagne berichtet.

Die Verhandlungen waren Mitte Juli dieses Jahres wieder einmal gescheitert - im September wurden sie nun wiederaufgenommen. Im Juli hieß es, Kik wolle nicht mehr geben als die eine Million US-Dollar an Soforthilfe (rund 740.000 Euro), die an die Betroffenen bereits ausbezahlt worden sei: Das Unternehmen vertrat die Ansicht, "dass wir durch die Zahlung von einer Million US-Dollar sowohl zur kurzfristigen als auch zur langfristigen Unterstützung der Betroffenen bereits einen anteiligen Beitrag geleistet haben". Dabei hatte sich Kik im Dezember 2012 angesichts des hohen öffentlichen Drucks vertraglich zu Verhandlungen über langfristige Entschädigungen verpflichtet.

Haarsträubende Arbeitsbedingungen

Der Brand bei Ali Enterprises hatte der westlichen Welt neuerlich die haarsträubenden Arbeitsbedingungen der Näherinnen in Fernost vor Augen geführt. Doch unter derart ausbeuterischen Zuständen wird nicht nur weit weg produziert, wie der Report "Im Stich gelassen" der Clean-Clothes-Kampagne drastisch vor Augen führt.

Laut diesen Recherchen werden auch in der Bekleidungsindustrie Osteuropas und in jener der Türke Näherinnen mit Löhnen abgefertigt, "die unterhalb der Armutsgrenze liegen". Die Studie zeigt auf, "dass der offizielle Mindestlohn in Ländern wie Bulgarien, der Ukraine oder Mazedonien nur etwa 14 Prozent eines existenzsichernden Lohns beträgt.

Was dies bedeutet, belegen Berichte aus den mehr als 300 Interviews, die in den untersuchten Ländern geführt wurden. In Rumänien beispielsweise bewegen sich die Nettogehälter der Näherinnen zwischen 560 und 975 Lei (124 bis 216 Euro) - aber nur wenn die Überstunden dazugerechnet werden. Viele Arbeiterinnen bekommen - die Überstunden miteinbezogen - exakt den Mindestlohn von 133 Euro netto. Ältere und langsamere Arbeiterinnen verdienen oft noch weniger. "In einer untersuchten Fabrik verdienten Arbeiterinnen im Jahr 2012 nur in zwei von zwölf Monaten den Mindestlohn, obwohl sie zweimal pro Woche und an Samstagen Überstunden machten", wie es im Report heißt.

Es bleiben ein paar Cent

Es sei "unmöglich", mit ihrem Lohn die Familie durchzubringen, berichtet eine rumänische Näherin. "Wir arbeiten die ganze Zeit durch, und am Ende des Monats komme ich mit ein paar Cent nach Hause. Die Hälfte meines Lohns geht nur für das monatliche Busticket und die Telefon- und Internetrechnung drauf. Ich brauche jeden Monat einen Gehaltsvorschuss, um sie rechtzeitig zu bezahlen. Und Taschengeld für die Kinder oder ein Zahnarztbesuch? Unvorstellbar."

Ähnlich auch der Bericht einer Qualitätsprüferin in einer kroatischen Bekleidungsfabrik: Sie verdient nur den Mindestnettolohn von etwa 2300 Kuna (300 Euro), der zusammen mit dem Zuschlag für die Anreise von etwa 450 Kuna (59 Euro) ausbezahlt wird. Um als alleinerziehende Mutter zweier Kinder über die Runden zu kommen, muss sie mit ihrem Bruder und ihren Eltern zusammenleben, die sich um die Kinder kümmern. Allein die Kinderbetreuung würde nämlich mindestens 5000 Kuna (653 Euro) kosten.

Firmen im Check

Der größte Teil des Einkommens muss für Wohnkosten und Lebensmittel ausgegeben werden - je nachdem, wie die Ernte im Garten ausfällt. Urlaub? Geht sich nicht mehr aus. Entstehen unvorhergesehene Kosten - müssen Schulden gemacht werden.

Die Clean-Clothes-Kampagne hat übrigens auch einen großen "Firmencheck 2014" erstellt, der aufzeigt, welche Textilunternehmen sich für die Bezahlung existenzsichernder Löhne einsetzen - und welche nicht. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, 20.9.2014)

  • Der Alltag von Textilarbeiterinnen ist grau: In Rumänien werden beispielsweise teils Gehälter unter dem Mindestlohn ausbezahlt. Der Bericht einer kroatischen Textilarbeiterin zeigt auf, dass ihr Gehalt unmöglich zum Leben reicht.
    foto: reuters/bobby yip

    Der Alltag von Textilarbeiterinnen ist grau: In Rumänien werden beispielsweise teils Gehälter unter dem Mindestlohn ausbezahlt. Der Bericht einer kroatischen Textilarbeiterin zeigt auf, dass ihr Gehalt unmöglich zum Leben reicht.

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