Diabetes: Neues gegen zu viel Zucker

19. September 2014, 16:47
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Unblutige Insulinmessgeräte, Gliptine und Gliflozine als Hoffnungsträger in der Therapie

Stolz und kritisch, wissbegierig und fordernd – das waren die durchaus gegensätzlichen Stimmungen, die in den vergangenen Tagen am Messegelände Wien herrschten. 18.000 Teilnehmer aus 100 Ländern konnten mehr als 150 Vorträgen, Diskussionen und Veranstaltungen besuchen. Mehr als 1.300 Studien wurden vorgestellt und erstmals konnten Interessierte auch via App den 50. Kongress der European Association for the Study of Diabetes (EASD) am Smartphone verfolgen.

Zwei wesentliche Trends waren am EASD-Kongress zu beobachten: einerseits die immer besser funktionierende Technik für Messgeräte, Insulinpumpen, Sensoren und Computeranwendungen, andererseits die neuen Wirkstoffe als zukunfsträchtige Optionen in der Diabetes-Behandlung, die so genannten GLP1-Inhibitoren (Gliptine) und SGLT2-Inhibitoren (Gliflozine) und die damit verbundenen Verbesserungen für Patienten.

Tabletten und Spritzen

Ihr großer Vorteil: Im Gegensatz zu Insulin, das gespritzt werden muss, sind beide Wirkstoffe Tabletten. Beide Substanzen greifen auf unterschiedliche Art und Weise in den Zuckerstoffwechsel ein: Gliptine stimulieren die Insulinproduktion in er Bauchspeicheldrüse, Glifozine verstärken die Glukoseausscheidung – und beide Medikamente verhindern die lebensgefährliche Unterzuckerung.
"Ich bin überzeugt, dass in den nächsten fünf Jahren das Stechen für jede einzelne Blutzucker-Messung der Vergangenheit angehören wird", ist Internist Raimund Weitgasser vom Diakonissenkrankenhaus Salzburg und EASD-Kongresspräsident überzeugt.

Tatsächlich arbeiten verschiedene Hersteller, wie etwa der Pharmakonezern Abbott mit ihrer Freestyle Libre-Innovation an "unblutigen" Systemen zur Blutzuckermessung. Dabei wird ein Sensor-Patch am Oberarm mit einer einzigen Injektion befestigt und misst zwei Wochen lang ohne einen einzigen weiteren Stich.

Hochsensible Daten

Doch die Technik hat noch ihre Schwächen. Nicht nur weil chinesische Firmen billige Nachbauten von Messgeräten und Pumpen anbieten. Bei der Qualität der Messungen hapert es noch. So sind 15 Prozent Schwankungen zwar schon eine Verbesserung gegenüber früher erlaubten 20 Prozent, aber anders als bei Autos gibt es keinerlei Überprüfungen der sensiblen Geräte nach ihrer Auslieferung. Hier fordern die Experten ein verpflichtendes Service.

Claudia Francesconi, Leiterin der Diabetesambulanz im Gesundheitszentrum Wien Mitte, forderte mehr Awareness für die Erkrankung: "Diabetes ist ein gesellschafts- und gesundheitspolitisch relevantes Thema und sollte mehr Aufmerksamkeit in Öffentlichkeit und Politik haben, damit effiziente Strategie gegen die drohende Epidemie des Diabetes Typ II entwickelt werden können", sagt die Vertreterin der Österreichischen Diabetesgesellschaft.

Wissenschaftlich waren für Francesconi die beiden Inhibitoren besonders interessant. "Mit diesen neuen Wirkstoffen können Typ-II-Patienten gerade zu Beginn der Erkrankung effizient therapiert werden. Es kommt dabei zu keinen Unterzuckerungen und die körpereigene Insulinproduktion kann durch den Schutz der Betazellen lang erhalten werden."

Österreich steht nicht gut da

Die Experten waren sich einig: Es besteht Handlungsbedarf. Im Euro Diabetes Index 2014, der von der schwedischen Forschungseinrichtung Health Consumer Powerhouse (HCP) veröffentlicht wurde, steht Österreich unter 30 europäischen Ländern auf Platz 13. Beatriz Cebolla, die für den Index zuständige Direktorin, sieht einen Fokus in der Patientenaufklärung.

Das Österreichische Gesundheitssystem biete zwar durch den einfachen Zugang zu verschiedenen Spezialisten und Pflegekräften sowie den richtigen Hilfsmitteln wie Pumpen oder Teststreifen einen angemessenen Rahmen für den Umgang mit der Krankheit, allein es nutzen ihn zu wenig.

Und: Österreich führt kein nationales Diabetesregister. Das schadet der Transparenz und macht es unmöglich, festzustellen, wie gut verschiedene Behandlungsmaßnahmen wirken.

Erfahrungen zeigen, dass ein fehlendes Register die Qualität und Effizienz der Behandlung beeinträchtigen. "Österreich muss die Nachsorge verbessern, um die Zahl der Sekundärkomplikationen wie Niereninsuffizienz und Fußamputationen zu verringern, die über dem europäischen Durchschnitt liegen", betont Cebolla. (Peter Hopfinger, DER STANDARD, 19.9.2014)

  • Visualisiertes Insulin, der Stoff, der Diabetikern fehlt.
    foto: picturedesk

    Visualisiertes Insulin, der Stoff, der Diabetikern fehlt.

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