Die heimischen Berge als Müll-Museum

21. September 2014, 17:00
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Roland Pohl ärgerte sich als passionierter Wanderer lange über den vielen Mist, der in der Natur einfach weggeworfen wurde

Kals/Wien - Es sind weltweit Berge auf den Bergen: Die Müllberge - zurückgelassen von Expeditionen und Alpintouristen. Allein auf dem Mount Everest kugeln laut Expertenschätzungen rund 50 Tonnen an Abfällen herum. Alte Zelte, Kartons, Seile, Sauerstoffflaschen, leere Dosen ... Bei einer Putzaktion im Jahr 2011 schleppten beispielsweise 29 nepalesische Bergsteiger sechs Wochen lang nur Mist hinunter ins Basislager, von wo dieser mit Yaks und Trägern weiter abtransportiert wurde - jeden Tag waren sie sieben Stunden und länger unterwegs, jeder von ihnen schleppte mindestens 30 Kilo. Insgesamt mehr als acht Tonnen konnten so entsorgt und die Metallteile auch recycelt werden.

Als Reaktion darauf schreibt die nepalesische Regierung seit April dieses Jahres nun vor, dass die Everest-Erklimmer ihren Müll wieder runtertragen müssen: Pro Person sind mindestens acht Kilo Mist im Basislager abzugeben - andernfalls drohen Strafen.

Umweltbaustellen

Aber auch die heimischen Berge werden derart verdreckt, dass der Mist immer wieder bei ehrenamtlichen Aktionen weggeputzt werden muss - etwa bei sogenannten Umweltbaustellen. Und beispielsweise bei der Aktion "sauberer Sonnblick": Da wurden - ebenfalls 2011 - mehrere Tonnen Dreck zusammengesammelt und dann in Bigbags via Hubschrauber zu Tal gebracht.

Trotzdem bleibt immer noch genug Abfall zurück - und bleibt lange, oft sehr lange liegen. Manchmal auch jahrzehntelang. Derartige fast schon archäologisch interessante Fundstücke dokumentiert und analysiert Ronald Pohl auf seiner Internetseite www.naturreinlich.at.

"Fast antike" Fanta-Scherbe

Pohl hatte sich schon jahrelang auf seinen Bergtouren über den Müll geärgert, der von Wanderern achtlos oder absichtlich weggeworfen worden war. Und dann fand er eines Tages im Nationalpark Hohe Tauern die "fast schon antike" Scherbe einer Fantaflasche. Die sah schon derart retro aus, dass er begann zu recherchieren. Und zu dokumentieren. Und aufzuzeigen, wie ewig lange es bei manchen Teilen braucht, bis das von Menschen Weggeworfene von der Natur wieder "verdaut" werden kann. Die Fundstücke werden übrigens von Pohl allesamt fachgerecht entsorgt.

Die Fanta-Scherbe beispielsweise zeigte so gut wie keine Alterserscheinungen. Doch das Logo darauf belegte, dass es sich um eine jener gerillten, braunen Fantaflaschen gehandelt haben muss, die 1955 entworfen - und bis in die 70er-Jahre des verwichenen Jahrhunderts verwendet wurden. Vielleicht auch ein bisschen länger.

Unbekannte Schartner-Dose

Oder eine Dose der Firma Schartner, die möglicherweise eine Billiglinie der Schartner Bombe beinhaltet hatte. Dieses Gebinde ist bereits in einem Zustand der Zersetzung, dass ihr Alter kaum noch eruierbar ist. Der Verschluss deutet allerdings darauf hin, dass dieses System in den 70ern, vielleicht noch Anfang der 80er-Jahre in Verwendung war.

In diesem Fall kontaktierte Pohl sogar die Firma Schartner - aber die ist bereits 1995 vom heutigen Unternehmen aufgekauft worden. Und daher kann sich keiner mehr erinnern, welches Produkt das gewesen sein könnte. So alt ist die vergammelte Mistdose schon. Anders bei einer im August 2014 gefundenen Captain-Morgan-Cola-Rum-Dose: Die zeigt zwar keinerlei Alterserscheinungen, weist aber trotzdem bereits das Ablaufdatum 2010 auf.

Die Erdbeereiserdbeere

Ein regelrechtes Faszinosum ist auch die "Erdbeereiserdbeere", die im September dieses Jahres bei Marz im Burgenland gefunden wurde: eine Plastikerdbeere, in der einstens von der Firma Eskimo Eis abgefüllt und verkauft worden war. Diese Eissorte kam im Jahr 1980 auf den Markt - und hielt sich "meiner Erinnerung nach maximal zwei Saisonen", sagt Pohl. "Witzigerweise habe ich das Schild der damaligen Produktpalette bei mir in der Küche hängen - ich konnte auf einem Flohmarkt diesem Kindheitserinnerungsstück nicht widerstehen." Das heißt: Diese Erdbeereiserdbeere kugelt schon mehr als 30 Jahre herum. Das Ding ist "zerquetscht, ausgebleicht, brüchig" - aber der Kunststoff ist im Wesentlichen immer noch intakt.

Diese Dimension gibt zu denken - sollte aber nicht verwundern, wenn man die durchschnittlichen Zeiten kennt, die Produkte zum Verrotten brauchen. Ein paar Beispiele führt Roland Pohl auf seiner Seite an: Eine Bananenschale braucht beispielsweise im Schnitt zwei Jahre, bis sie zersetzt ist. Ein Papiertaschentuch bereits fünf Jahre und ein Zigarettenstummel sieben. An Nylonfasern knabbert die Natur bereits 60 Jahre lang und an einem Plastiksackerl 120 Jahre. Eine weggeworfene Blechdose bleibt der Nachwelt noch 500 Jahre erhalten, Aluminiumpapier 700 Jahre - und eine Plastikflasche 5000 Jahre. Und die berühmte Glasflasche? Die ist erst nach rund 8000 Jahren weg. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, 20.9.2014)

  • Die Fantascherbe stammt wohl aus den 70er-Jahren.
    foto: roland pohl

    Die Fantascherbe stammt wohl aus den 70er-Jahren.

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