"Ich wollte immer schon ins Weltall"

20. September 2014, 09:28
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Claudia Kessler wusste bald, wohin sie wollte: ins Weltall. Noch war sie nicht dort, aber als Chefin von Hernandes Engineering Space Operations in Bremen vermittelt die Raum- und Luftfahrtingenieurin Personal ins Universum - am liebsten Frauen

Was Claudia Kessler tut, wird für die meisten Personalberater ein im Stillen gehegter Wunsch bleiben: Sie vermittelt Personal ins Weltall. Seit nunmehr zehn Jahren steht die gelernte Ingenieurin für Raum- und Luftfahrttechnik an der Spitze von Hernandez Engineering Space Operations (HE Space) in Bremen, der Deutschland-Dependance der in den 1980er-Jahren von den Nasa-Veteranen Scott Millican und Mike Hernandez in den USA gegründeten Mutter.

Kessler vermittelt hoch spezialisierte Raum- und Luftfahrttechniker für Projekte, die im Schnitt zwischen fünf und zehn Jahren dauern. Ihre Kunden sind etwa Weltraumagenturen wie die Esa (European Space Agency). Die meisten Experten werden danach "übernommen", sagt sie, oder widmen sich neuen Projekten.

Mit dem Aufbau von HE Space in Bremen konnte Kessler den "Kontakt" zum Weltall aufrechterhalten: "Das hatte Charme, und ich wollte immer schon mit Menschen arbeiten und auch eine kleine Firma führen", sagt sie heute. Kurz davor hatte Kessler eine Raumfahrtabteilung für ein deutsches Technologieunternehmen aufgebaut und davor Missionen zur Raumstation Mir mitorganisiert. Danach war sie als "Promoterin" für die Raumstation tätig, organisierte Grüße aus dem All zur 100-Jahr-Feier einer Firma bis hin zu Shootings für Bruno Banani im schwerelosen Raum. Es war wichtig, die Mir über diese Gelder weiter betreiben zu können - da war zuweilen Kreativität gefordert.

Vision: "Überflüssig werden"

HE Space jedenfalls wuchs innerhalb von zehn Jahren auf 150 Mitarbeiter - mit einem 50-Prozent-Frauenanteil, "auch unter den Ingenieuren", sagt Kessler nicht ohne Stolz. Viele Jahre sei es ihr nicht negativ aufgefallen, dass ihre Branche absolut männerdominiert gewesen sei, sagt Kessler. Sie habe sich - sinngemäß - auch ihr eigenes Umfeld aufgebaut, das sich eher branchenunüblich darstellte: "Frauen ziehen Frauen an." Aber nach fast 20 Jahren im Business habe sie sich mehr Veränderung auch im erweiterten Umfeld erwartet. Dem war aber nicht so - immer noch war sie eine von ganz wenigen.

Das wollte sie ändern. 2009 gründete sie deshalb gemeinsam mit Simonetta Di Pippo, damals noch Esa-Direktorin, heute bei der Uno "Director for Outer Space Affairs", den Verein Women in Aerospace Europe (www.wia-europe.org), der heute 350 Mitglieder zählt - Männeranteil: ein Prozent. Das Ziel: "Überall einen 50-Prozent-Frauenanteil zu erreichen", sagt Kessler. Und die Vision? "Dass wir irgendwann überflüssig sind. Das ist doch ganz einfach!"

Trotz ihrer Erfolge auf der Erde bleibt aber immer noch die Sehnsucht nach dem All. Überhaupt spricht die Deutsche mit einer Begeisterung über die Raumfahrt, die man als Europäer eher US-Amerikanern zuordnen würde. Die erste Bewerbung, die sie für eine deutsche Mission ins Weltall weggeschickt hatte, wurde abgelehnt - Kessler hatte damals ihr Studium noch nicht abgeschlossen - das war aber Voraussetzung. Und später gab es keine Gelegenheit mehr, sagt sie

Einmal rundherum

Aber irgendwann, da ist sie sicher, soll sich ihr Traum erfüllen. Dann, wenn die private Raumfahrt leistbarer wird: "Allerdings würde ich mich nicht für 250.000 Euro mit Virgin Galactic nur einmal rauf- und runterschießen lassen. Wenn ich schon mal oben bin, dann möchte ich die Erde zumindest einmal umrunden", so Kessler. Das dauert 90 Minuten. Kessler: "Ich war zwar noch nicht oben, allerdings wird mir nachgesagt, dass ich so begeistert vom Weltall spreche, als sei ich schon dort gewesen. Ich habe eine starke Fantasie, ein Erdoberflächengefühl. Ich kann mir bildhaft vorstellen, dass ich auf dem Planeten stehe, der sich um die eigene Achse dreht und der sich wiederum um die Sonne dreht etc., ohne dass ich 200 Kilometer höher bin." An diesem Bild hat sie seit ihrem vierten Lebensjahr festgehalten - seit der ersten Mondlandung am 21. Juli 1969. Als sie die gesehen hatte, wusste sie: "Da will ich hin." Vielfach, so sagt sie, "wurde ich für meinen Berufswunsch Astronautin belächelt" - die Faszination blieb, dazu machte sich Kampfgeist breit: "Denen zeig ich's!"

"Mein Mann ist der Trekkie"

Eine "Strategie", die Durchhaltevermögen abverlangt: als Einzige ihres Studiengangs und als eine der wenigen Frauen in ihrer Branche - "aber es werden mehr". Allerdings, das möchte Kessler betont haben, hatte sie die Unterstützung ihres Mannes, ebenfalls in der Raum- und Luftfahrt tätig, als Softwareingenieur. Er sei nämlich die ersten drei Jahre mit der gemeinsamen Tochter zu Hause geblieben.

Ob sie an extraterrestrisches Leben glaube? Ja, sagt Kessler, "so einzigartig sind wir nicht, und die wissenschaftliche Wahrscheinlichkeit, dass es weiteres Leben im Universum gibt, ist sehr hoch." Das sei jedenfalls eine Frage, die sie hoffe, im Rahmen der GlobART Academy mit den Philosophen diskutieren zu können, sagt sie. Und Science-Fiction? Wie steht's damit? Kessler: "Ich bin kein großer Science-Fiction-Fan. Der Trekkie in der Familie ist mein Mann. Aber Raumschiff Enterprise mit Kathryn Janeway als Kommandantin - das war meine Staffel!" (DER STANDARD, 20./21.9.2014)

Die GlobART Academy findet vom 23. bis 26. Oktober im Kloster Und in Krems statt. www.globart.at

  • Claudia Kessler, Chefin von HE Space in Bremen.
    foto: ho

    Claudia Kessler, Chefin von HE Space in Bremen.

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