Anlegereuphorie geht mit Rohstoffpreisen unter

18. September 2014, 18:41
6 Postings

Vom "Superzyklus" gelockt investierten Anleger in Rohstoffe. Doch die Preise sind stark gefallen

Wien - Anleger entfremden sich immer mehr von einer lange Zeit beliebten Anlageklasse. Die Rohstoffpreise haben, gemessen am breitgestreuten Bloomberg Commodity Index, den niedrigsten Stand seit fünf Jahren erreicht, um 30 Prozent niedriger als noch zu ihrem Höchststand 2011 und knapp 50 Prozent niedriger als 2008. Mehr noch, institutionelle Anleger wie große US-Pensionsfonds oder europäische Versicherungen haben der Anlageklasse zusehends den Rücken gekehrt.

Es ist nicht lange her, da investierten sie, gelockt von einem "Superzyklus", einem prognostizierten jahrzehntelangen Preisanstieg dank einer wachsenden Weltbevölkerung, in den Rohstoffsektor. Doch laut einer aktuellen Umfrage der Bank of America unter professionellen Investoren sind Rohstoffe aktuell die unbeliebteste Anlageklasse überhaupt. "Die Wachstumserwartungen sind gerade wegen China auf den niedrigsten Stand in einem Jahr gefallen", so Michael Hartnett, Chefanlagestratege bei Bank of America in New York.

Flucht von Investoren

Tatsächlich ist das Wachstum nur ein Grund für die Flucht von Investoren. Denn warum Öl, Gold oder Kupfer heute billiger sind als noch vor einem Jahr, hat verschiedene Gründe:

  • Schwellenländer Große Rohstoffverbraucher wie China bleiben bei ihrer Nachfrage zurückhaltend, zumindest wächst sie nicht so dramatisch, wie von vielen Investoren erwartet. Zuletzt haben schwache Importzahlen aus China die Preise von Eisenerz und Kupfer fallen lassen. Das für chinesische Verhältnisse niedrige Wachstum hat diese Woche auch die chinesische Zentralbank dazu verleitet, die Konjunktur mit Geldspritzen zu befeuern.
  • Schweinezyklus Dazu kommt der Schweinezyklus. Auf die Preisexplosion der Jahre 2007 und 2008 reagierten Unternehmen und Bauern mit Investitionen und Produktionsausweitung. Im Falle des Eisenerzes konnten die Minen in Australien - das wichtigste Förderland - ihre Eisenerzproduktion seit 2010 um mehr als 40 Prozent steigern. Auch das Angebot bei Lebensmitteln ist groß. Die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft verkündete angesichts guter Wachstumsbedingungen in den Hauptanbaugebieten 2014 erneut ein Rekordjahr für die Weizen- und Maisproduktion, damit dürften die weltweiten Getreidevorräte auf den höchsten Stand seit 15 Jahren steigen.

Treiber brechen weg

  • Spekulanten Auch Finanzinvestoren als umstrittene Treiber des Rohstoffmarktes brechen weg. Laut Daten von Société Générale haben Anleger in den vergangenen zwei Jahren ziemlich genau 100 Milliarden Dollar aus ihren Wetten auf die wichtigsten Rohstoffindizes (wie den Bloomberg Commodity Index) abgezogen. Das entspricht ungefähr einem Viertel des Geldes, das über börsengehandelte Fonds und indirekt in Rohstoffindizes investiert worden war.
  • Dollar Dazu kommt noch die Geldpolitik. "Der US-Dollar bricht aus, die Rohstoffpreise brechen ein", beschreibt Louis Gave vom Hongkonger Analysehaus Gavekal einen wesentlichen Treiber für die Schwäche an den Rohstoffmärkten. In den vergangenen Monaten hat der allmähliche Rückzug der US-Notenbank Fed aus ihrer extrem lockeren Geldpolitik den Dollar erstarken lassen. Weil die Rohstoffmärkte allerdings in dieser Währung notieren, ist die Geldpolitik der USA damit ein wichtiger Treiber. Ein stärkerer US-Dollar hält damit die Rohstoffmärkte insgesamt zurück - und trägt so zu einem weiteren Rückzug von Investoren bei. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 19.9.2014)
  • Dämmerstimmung auf vielen Rohstoffmärkten.
    foto: reuters

    Dämmerstimmung auf vielen Rohstoffmärkten.

Share if you care.