Stainer-Hämmerle: "Die Vorarlberger ÖVP kann Bedingungen diktieren"

Interview19. September 2014, 12:13
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Der Verlust der absoluten Mehrheit bedeute für die VP nicht unbedingt Machtverlust, sagt die Politologin

STANDARD: Warum sind in Vorarlberg noch so viele Wähler unentschlossen?

Kathrin Stainer-Hämmerle: Die Wechselwähler nehmen zu, die Gruppe der Stammwähler bricht dramatisch ein, das ist eine allgemeine Tendenz. Was in Vorarlberg aber zu beobachten ist: Es fehlt das emotionale Moment. Der Wahlkampf ist fad, auch wegen der hohen inhaltlichen Übereinstimmung. Prinzipiell ist das ja nicht schlecht, weil Parteienstreit eher die Politikverdrossenheit fördert. Aber natürlich erhöht Emotion die Entscheidungsfreudigkeit.

STANDARD: Sind die Vorarlberger Politiker langweilig?

Stainer-Hämmerle: Ja, wenn Sacharbeit damit gemeint ist. Sie sind weniger populistisch, weil Populismus im Ländle nicht ankommen würde. Es fehlt auch die Unzufriedenheit, die Wendestimmung. Was ja kein schlechtes Zeichen für die Landespolitik ist.

STANDARD: Warum muss Wallner dann um die absolute Mehrheit bangen?

Stainer-Hämmerle: Wallners Vorgänger Sausgruber hat 1999 auch die Absolute verloren. Sogar mächtige Politiker wie Pröll und Häupl mussten bei ihrer ersten Wahl Verluste einstecken. Bei der ersten Wahl sind Landeshauptleute noch keine beliebten Patriarchen. Treue und Überzeugung der Wähler sind noch nicht so stark, dass man es nicht doch einmal mit einer anderen Partei probiert. Außerdem kandidiert mit Neos eine neue Partei, die Stimmen abzieht. Wenn der Kuchen aufgeteilt wird, werden die Stücke kleiner.

STANDARD: Wird die ÖVP mit der Absoluten tatsächlich Macht verlieren?

Stainer-Hämmerle: Nur bedingt, weil die ÖVP in der komfortablen Situation ist, sich den Koalitionspartner aussuchen zu können. Wallner kann die Bedingungen mehr oder weniger diktieren. Die Neos wären sicher der einfachste Partner: Die ÖVP koaliert mit dem modernen Parteiableger, den Neos, es bleibt aber eine Familie. Vorausgesetzt, es geht sich rechnerisch aus.

STANDARD: Was spricht gegen eine Koalition mit den Grünen, FPÖ oder SPÖ?

Stainer-Hämmerle: Die Grünen wären der schwierigere Partner. Sie haben ja bereits Erfahrungen bei Koalitionsverhandlung und Mitregierung in Tirol. Zu Tode umarmen gelingt bei den Neos sicher besser. FPÖ-Chef Egger bemüht sich zwar sehr um einen Regierungssitz, aber eine Koalition mit der FPÖ würde bundespolitisch die größte Unruhe bedeuten. Die SPÖ hat sich erst sehr spät als Partner ins Spiel gebracht. Das war ein taktischer Fehler. (Jutta Berger, DER STANDARD, 19.9.2014)

Kathrin Stainer-Hämmerle lehrt Politologie an der Universität und Fachhochschule in Klagenfurt.

  • Die Grünen wären für die Vorarlberger VP ein schwierigerer Partner als die Neos, sagt Kathrin Stainer-Hämmerle.
    foto: standard/urban

    Die Grünen wären für die Vorarlberger VP ein schwierigerer Partner als die Neos, sagt Kathrin Stainer-Hämmerle.

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