Die meisten Neo-Wiener kommen aus EU-Ländern

19. September 2014, 12:21
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Im Jahr 2030 werden Wiener mit Migrationshintergrund im Arbeitsprozess die Mehrheit stellen

Wien - Im Umgang mit der migrationsbedingt zunehmenden Vielfalt in Wien sagt der Soziologe Kenan Güngör "mehr Aufgeregtheit" vorher. Je zahlreicher Zuwanderer und ihre Communitys, umso "irritierbarer" seien die Stadtbewohner, also die Gesellschaft insgesamt.

Für Integrationspolitik, die Güngör heute lieber als "inklusive Herangehensweise an Diversität" bezeichnet, würden sich dadurch neue Handlungsfelder ergeben. Das zeige sich etwa an einem aktuellen Unruhe-Symptom: jihadistischen Jugendlichen, die mit der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) sympathisieren.

foto: bianca blei

Die meisten Zuwanderer kommen aus dem EU-Ausland.

Solch radikalisierte Milieus in einer Stadt wie Wien seien ein Beleg, "dass Einwanderung immer auch mit Konfliktimport einhergeht", sagt der 45-Jährige. Darauf müsse rechtzeitig reagiert werden, im Grunde schon bevor sich bedenkliche Folgen zeigen.

Dazu müsse man auseinanderhalten, was an der bestehenden Vielfalt wünschenswert und was problematisch sei. Das setze schwierige Entscheidungen voraus. "Ein islamischer Kindergarten kann ein Recht sein. Werden die Kinder dort aber im Sinne eines autoritären Islam beeinflusst, ist er dysfunktional", sagt Güngör.

Derlei Handlungsanleitungen gehören laut dem Experten zu den wichtigsten diversitätspolitischen Herausforderungen, auch in Wien. Die Vielfalt nämlich werde weiter zunehmen. Derzeit, 2014, sind 32,8 Prozent aller Stadtbewohner in einem anderen Land als Österreich geboren. 2030, wenn Wien die Zwei-Millionen-Einwohner-Marke übertroffen haben soll, soll ihr Anteil auf 36,2 Prozent gestiegen sein.

grafik: standard

Zusammen mit den Kindern früherer Zuwanderer werden Wiener "mit Migrationshintergrund" dann endgültig in der Gesellschaftsmitte angelangt sein. In den Altersgruppen im Arbeitsprozess werden sie die Mehrheit stellen, während unter Pensionisten die Alteingesessenen dominieren: eine Generationenfrage mit Handlungsbedarf.

Die meisten Neo-Wiener werden künftig indes aus der EU kommen. Schon jetzt stellen Unionsbürger die meisten Einwanderer. Dem habe man Rechnung getragen, heißt es im Büro von Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger (SP).

Das Start-Wien-Programm, das Zuwanderern ein Coaching und Deutschkurs-Gutscheine gewährt, wurde auf EU-Bürger ausgeweitet. Wichtig dabei sei die leichte Zugänglichkeit, erläutert ein Frauenberger-Sprecher: "Nach Überreichen der Aufenthaltskarte muss man zu Start Wien nur ein Zimmer weitergehen". Den Klagen der Wiener FP über Migranten, die nicht Deutsch lernen wollen, zum Trotz würden die Kurse gut angenommen.

Keine Mitbestimmung

Trotzdem gebe es Probleme, denn kommunale Beratung könne bundesrechtliche Integrationsdefizite nicht aufwiegen. Etwa das harte Einbürgerungsrecht, das bereits ein Viertel der wahlfähigen Wiener Bevölkerung - die Drittstaatenangehörigen - von Mitbestimmung über Parlament, Landtag und Bezirksvertretungen ausschließt.

Sollte das Staatsbürgerschaftsgesetz gleich streng bleiben, werde sich dieser Bevölkerungsanteil bis 2030 weiter erhöhen. Ein Umstand, den auch Experte Güngör als bedenklich einschätzt. Es gelte, neue Formen kommunaler Mitbestimmung zu entwickeln - "auch für die zunehmende Zahl von vorübergehenden Zuwanderern", sagt er: Menschen, die nur auf ein paar Jahre nach Wien kommen und dann, meist berufsbedingt, weiterziehen. (Irene Brickner, DER STANDARD, 19.9.2014)

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