Queere Schattierungen des steirischen Reichtums

18. September 2014, 17:13
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Der New Yorker Künstler Rashaad Newsome zeigt sein neuestes Stück "Shade Graz", für das er vor Ort Menschen castete, im Orpheum. Die lokale Sprachenvielfalt überraschte ihn schon während der Proben.

Graz - Diese Frage hat Tragweite: Wie queer verhält sich ein Dialekt zu "seiner" Hochsprache? Queerness, das bedeutet Abweichung von der Norm. Üblicherweise wird dieser Begriff auf Abweichungen von Geschlechterstereotypen verwendet. Damit hat der 1979 in New Orleans geborene New Yorker Künstler Rashaad Newsome hauptsächlich zu tun.

Markiger Dialekt

Mittlerweile - also spätestens im Lauf der vergangenen 30 Jahre - ist diese Queerness in der Kunst und in der Performance zu einer eigenen Norm geworden. Eine spannende Norm wie die Queerness des Dialekts, der ja auch von Festlegungen und Gemeingültigkeit bestimmt ist. Für die Uraufführung seiner jüngsten Performance Shade Graz beim Steirischen Herbst hat sich Newsome mit der in diesem Sinn queeren Sprache der Steirer, also mit dem berühmt-berüchtigten Dialekt der als eher markig bekannten Bevölkerung dieses Bundeslandes, auseinandergesetzt. Shade Graz ist die jüngste Blüte einer ganzen Reihe performativer Arbeiten unter dem Titel Shade Compositions, die Newsome seit 2005 produziert und die mit einfa-chen Screen-Tests begonnen haben.

Es folgten Adaptierungen für unter anderem Paris, Moskau und New York. Jetzt ist Graz dran. So hat sich Newsome auch mit den Mundarten der hier lebenden Leute befasst.

Die Werkreihe des 35-Jährigen, der an der Tulane University von New Orleans Kunst studiert und sich in New York einem Filmstudium gewidmet hat, geht stets von einem Chor aus, der Gesang und Schnalzlaute rhythmisch miteinander verbindet. Je nach Version wird dieser Chor in verschiedenen Inszenierungen eingesetzt. Dabei geht es um den menschlichen Körper als Träger von Zeichen, deren System nur in ihren "Schattierungen" (shades) lesbar wird. Um den Körper einerseits als Identität, die nicht so einfach festzulegen ist, und zum anderen als kulturelle Gestaltung, die in ihrer Vielfalt grenzenlos scheint.

Die Konsequenz: Das Steirische als Spracheigenheit gehört zum steirischen Körper im engeren und zur steirischen Gesamtidentität im weiteren Sinn. Ein in der Steiermark erblühter Mensch wird des Steirischen, das nicht so einfach zu sprechen ist, mit der Zeit mächtig. Zusammen bilden die steirisch sprechenden Menschen den Chor der Steirer: Austro-Steirer, Afro-Steirer, Sino-Steirer, gebürtige und zugezogene Steirer. Es gibt auch Steirer, die gar nicht steirisch sprechen, sondern zum Beispiel das von vor Jahrhunderten zugezogenen Deutschen beeinflusste Grazerisch. Oder ein vom Kroatischen und Slowenischen geprägtes Steirerdeutsch.

Identität bildet sich meist - so das Thema von Rashaad Newsomes Shade -Serie - durch Überkreuzungen und Vermischungen. Newsome selbst ist Afroamerikaner, und damit lebt er eine Geschichte, die mit den Schattierungen dessen, was Identität bedeuten kann, viel zu tun hat.

Ghetto-Gestures

Als er 2000 nach New York zog, entdeckte Newsome den Stadtteil Brooklyn für sich. Dort schmiss er mit Leidenschaft Partys, in denen er sich, um seine Miete bezahlen zu können, als DJ betätigte. Dieses DJing ist seinen Performances noch heute anzusehen. Nicht nur in ihrer Musikalität, sondern auch in ihren charakteristischen choreografischen Elementen, in die Newsome unter anderem seine "ghetto gestures" integriert.

Aus Sounds, Bewegungen, Videofilmen, Körper- und Dresscodes sampelt der außergewöhnliche Künstler lebendige und leichte Stücke, die den immensen Reichtum des Menschseins intensiv erfahrbar machen - jetzt eben auch den steirischen Reichtum und seine Schattierungen. (Helmut Ploebst, Spezial, DER STANDARD, 19.9.2014)

Orpheum, Uraufführung 27. 9., 21.30, weitere Aufführung 28. 9., 19.30


Dieser Artikel ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit dem Steirischen Herbst. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Rashaad Newsomes "Shade"-Serie (im Bild jener Teil aus San Francisco) arbeitet mit lokalen Sprachkörpern. In Graz fand der New Yorker neben Steirisch auch westafrikanische und slawische Sprachen.
    foto: rashaad newsome

    Rashaad Newsomes "Shade"-Serie (im Bild jener Teil aus San Francisco) arbeitet mit lokalen Sprachkörpern. In Graz fand der New Yorker neben Steirisch auch westafrikanische und slawische Sprachen.

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