Tannenhäher, die Eichhörnchen unter Europas Vögeln

29. September 2014, 11:57
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Die Vögel vergraben Samen der Zirbelkiefer im Boden, tragen allerdings weniger zur Verbreitung des Baumes bei als bisher angenommen

Frankfurt am Main - Die Zirbelkiefer (Pinus cembra) hat ein Problem mit der Fortpflanzung. Ihre Samen stecken in einem Zapfen, der sich - anders als bei den meisten Nadelbäumen - nicht von allein öffnet. Doch es gibt eine Lösung: Den Tannenhäher (Nucifraga caryocatactes).

Dieser Vogel ernährt sich fast ausschließlich von Zirbelkiefersamen und zieht sogar seine Jungen damit auf. Mit seinem Schnabel hackt er die Zapfen auf, um an die Samen zu gelangen. Als Vorrat für den Winter vergräbt er im Herbst zusätzlich Samen im Boden und trägt somit zur Ausbreitung der Pflanze bei.

Schlechte Keimbedingungen

Nun haben Forscher jedoch herausgefunden, dass der Tannenhäher die Samen bevorzugt an Stellen versteckt, wo sie nicht besonders gut keimen können. "Während Zirbelkiefersamen feuchten Boden und viel Licht brauchen, um aufzugehen, vergräbt der Tannenhäher sie dort, wo der Boden trocken und das Kronendach relativ dicht ist", sagt Eike Lena Neuschulz, Biologin am LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F) in Frankfurt/Main. Sie hat gemeinsam mit Kollegen aus der Schweiz das Verhalten der Vögel monatelang studiert.

Eichelhäher und Tannenhäher sind die einzigen Vogelarten Europas, die Samen in der Erde verstecken, um sie später zu fressen. Sonst ist dieses Verhalten eher von Nagetieren wie dem Eichhörnchen bekannt. Studien haben in der Vergangenheit gezeigt, dass Nagetiere Samen zumeist dort vergraben, wo es eher unwahrscheinlich ist, dass sie von Räubern gefunden werden. Für den Tannenhäher scheint dies, so die aktuelle Studie im "Journal of Animal Ecology", jedoch kein entscheidendes Kriterium zu sein.

Langfristige Verfügbarkeit

Für Tannenhäher scheint ein anderer Aspekt im Vordergrund zu stehen: Wenn der Samen nicht keimt, ist er länger haltbar und dadurch auch länger als Futter verfügbar. "Weil zudem die Samenproduktion der Zirbelkiefer von Jahr zu Jahr unterschiedlich ausfällt, müssen Tannenhäher möglicherweise auf Verstecke zurückgreifen, die sie schon vor langem angelegt haben", erklärt Neuschulz.

Dank seines exzellenten räumlichen Erinnerungsvermögens nimmt man an, dass die Vögel 80 Prozent ihrer versteckten Vorräte wiederfindet. "Wenn die übrigen 20 Prozent dann aber an Standorten vergraben sind, wo sie schlecht keimen können, dürfte der Beitrag des Tannenhähers an der Verjüngung der Bestände der Zirbelkiefer deutlich geringer sein als bisher angenommen", sagt Neuschulz

Depots anzulegen ist eine bekannte Strategie von Tieren, Zeiten geringer Futterverfügbarkeit zu überbrücken. Diese Depots werden meist gezielt an bestimmten Orten angelegt. Die Ausbreitung der Pflanzen ist dabei ein erfreulicher Nebeneffekt. Der Tannenhäher scheint jedoch eines der wenigen Beispiele zu sein, bei denen eine tierische Samenausbreitung für die Pflanze eher ungünstig verläuft. (red, derStandard.at, 28.9.2014)

  • Tannenhähers mit Zirbelkiefersamen.
    foto: eike lena neuschulz

    Tannenhähers mit Zirbelkiefersamen.

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