Die Feier unser aller glorreichen Normalität

18. September 2014, 16:54
posten

Das Nature Theater of Oklahoma stellt Teil sechs des Durchschnittsleben-Epos "Life and Times" beim Steirischen Herbst vor. Diesmal hält die New Yorker Gruppe inne und reflektiert über ihr Privatleben auf Tour.

Graz - Die Mitglieder des Nature Theater of Oklahoma haben ein ganz spezielles Faible. Sie telefonieren gern. Das kann schon einmal 16 Stunden dauern. Dafür kommt am Ende auch etwas dabei heraus. Auf Telefongesprächen (vorwiegend) basieren die Theaterstücke der New Yorker Gruppe. Wie war das noch einmal bei Romeo und Julia? Auf Tonbändern wurden die entsprechenden, fernmündlich gegebenen Antworten im Wortlaut samt all ihren Verhaspelungen und Lücken gespeichert. Diese bildeten in weiterer Folge die Grundlage für eine performative Annäherung an den Klassiker von Shakespeare.

Entdeckung im "Herbst"

Gar 100 Stunden Telefonieren (Festnetz!) waren notwendig, um das Material für das melodramatische Arbeitsalltagsspektakel No Dice! zu sammeln. Damit gaben sie bereits 2007 ihr Österreichdebüt beim Steirischen Herbst. Das war eine verdienstvolle Entdeckung durch das Festival.

Das telefonische Rechercheverfahren hat die 1996 von Pavol Liska und Kelly Copper gegründete Gruppe weiter vertieft. Seit sechs Jahren arbeiten sie nun an Life and Times, einem Durchschnittsleben-Epos, das auf den Erzählungen von Schauspielkollegin und Freundin Kristin Worrall beruht. Ihre Biografie bzw. was an Erinnerungen davon in den Telefongesprächen zutage getreten ist, bildet die Textgrundlage dieser auf ganze zehn Teile angelegten Theaterserie.

Bedeutsam ist dabei der Ansatz und das Bestreben, das Alltägliche, das Durchschnittliche, das mäßig Aufregende unseres Lebens durch formal unterschiedliche Bühnenlösungen zu erhöhen. Sprich die unser aller Leben eigene Normalität gerade in ihrer Durchschnittlichkeit zu feiern.

Life and Times 1 begann 2009 mit den Erfahrungen im Kindergartenalter, Teil 2 deckte die Jahre bis zum Teenageralter ab: die ersten Küsse, Modesorgen, eigentümliche Lehrer, peinliche Musik, die Ängste um die Ehe der Eltern. Für diese Lebensspanne wählte das Regieteam Pavol Liska und Kelly Copper das Squaredance- und Highschool-Chor-Genre. Die Teile 3 und 4 umfassten die Jahre bis zur Volljährigkeit. Und um diesem Teenager-Alltag jene Spannung zu verleihen, die er für das betreffende Individuum innerlich automatisch hat, borgte sich das Nature Theater eine Krimi-Inszenierung aus, nicht irgendeine, sondern die unkaputtbare, seit Menschengedenken (1956) tagtäglich im Londoner Westend laufende, legendäre Mausefalle von Agatha Christie.

Ein genialer Kniff, der zeigt, wie radikal und zugleich verspielt die vielfach ausgezeichnete Gruppe unterwegs ist, u. a. erhielt sie den Young Directors Award bei den Salzburger Festspielen 2008.

In den jeweils unterschiedlichen formalen Bühnenlösungen liegt die Herausforderung. War Teil 4.5 ein gezeichneter Animationsfilm, so geriet Teil 5 zu einem Buch. Nach Jahren des klassischen Führungsstils (Schauspieler geben ihr Innerstes, die Regie arrangiert) wurde der Spieß umgedreht, und Pavol Liska und Kelly Copper dienten als Protagonisten. Da das Regieduo auch privat ein Paar ist, oblag es ihnen, für die Lebensphase mit dem ersten Sex ihre Körper zur Verfügung zu stellen. Nur gezeichnet, versteht sich: in Form einer aufwändig gestalteten und geschmückten mittelalterlichen Handschrift samt pornografischen Zeichnungen. Alles selbstgemacht, zu Hause im Atelier in Queens.

Immer auf Tournee sein

Um einen Eindruck von der Verschiedenartigkeit des Erzählens bei Life and Times zu geben, zeigt das Nature Theater of Oklahoma beim Steirischen Herbst nun gleich ganze drei Teile: 4.5, 5 und 6. Das Leben als tourende Gruppe rückt ins Zentrum des Interesses. Kristin Worrall, die edle Spenderin der Lebensgeschichte, ist schließlich auch Teil der Schauspielertruppe, die infolge des großen Erfolges seit Jahren den Großteil des Jahres auf Tour ist (Australien, Singapur, Japan, Korea und natürlich Europa).

Episode 6 basiert auf Gesprächen, die in den letzten zwei Jahren auf Tour geführt wurden: eine performative Theaterfamilienaufstellung, auf die man sich nur freuen kann. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 19.9.2014)

Ab 16 Jahren

"Life and Times - Episodes 4.5 - 5 - 6", Mumuth, 2.-4. 10., 19.30


Dieser Artikel ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit dem Steirischen Herbst. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Das eigene Leben singen, zeichnen, tanzen, turnen und als Suspense-Geschichte im Agatha-Christie-Stil erzählen: "Life and Times", eine Theaterserie der Gruppe Nature Theater of Oklahoma.
    foto: steirischer herbst

    Das eigene Leben singen, zeichnen, tanzen, turnen und als Suspense-Geschichte im Agatha-Christie-Stil erzählen: "Life and Times", eine Theaterserie der Gruppe Nature Theater of Oklahoma.


Share if you care.