Funkenflug und Buchdruck im Hinterhof

18. September 2014, 16:48
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Do-it-yourself-Kultur zieht in Ex-Polizeizentrale: Herbst-Bar und Festivalzentrum im Palais Wildenstein

Das Stadtpalais Wildenstein in der Paulustorgasse hat im Laufe seiner Geschichte manche Verwandlung durchgemacht. Errichtet im 17. Jahrhundert wurde es 1786 zum Krankenhaus umfunktioniert, 1926 richtete man die bis heute bestehende Polizeizentrale ein. Die barocke Fassade blieb jeweils erhalten, nur das Innenleben änderte sich.

Nun steht eine weitere - vorübergehende - Metamorphose an, die auch das Äußere einbezieht: Derzeit ist der untere Teil der Fassade mit Trapezblech verkleidet, einem Wellblech ähnlichen Material, das man eher von Industriehallen kennt. Verantwortlich sind das Künstlertrio Supersterz und das Architekturbüro .tmp, die sich freuen, das "erhabene Gebäude transformieren" zu dürfen, wie Johannes Paar (Supersterz) sagt. In Auftrag gegeben wurde die Kooperation vom Steirischen Herbst, der 2014 das Palais als Festivalzentrum nutzen wird: für Interventionen, Ausstellungen, Konzerte, als Ort des Feierns.

Die straßenseitigen Blechwände fungieren auch als Leitsystem. Sie falten sich um den Eingang und erstrecken sich bis in den Innenhof, wo sie einen 300 Quadratmeter großen Bereich umgrenzen: Fortress of Backyards nennt sich jene architektonische Installation, die den Hinterhof zum Kunstraum macht. Das Konzept ist, die Atmosphäre einer "Garagenparty am Stadtrand" (Paar) zu schaffen, auf der Handwerker und Tüftler zusammenkommen, um zwanglos ihr Wissen auszutauschen.

Sich abgrenzen, um zu teilen

Der Doppeldeutigkeit des heurigen Herbst-Mottos - der an Herman Melvilles Verweigerer Bartleby erinnernden Zeile "I prefer not to ... share!" - wird im Herzstück also voll Rechnung getragen: Die minimalistisch-kühlen, fast drei Meter hohen Zäune sorgen für Trennung, etwa zur Polizei, die zwar kürzlich aus dem betreffenden Trakt ausgezogen ist, das restliche Areal aber nach wie vor nutzt. Im Inneren des abgetrennten Territoriums wird dafür jedoch das "Teilen zelebriert", wie Johannes Paar sagt.

Für das Werkstattflair hat man zwei namhafte Vertreter der Grazer Do-it-yourself-Szene eingeladen: Die Fahrradküche versteht sich als "Selbsthilfewerkstatt für Menschen, die sich gerne aus eigener Kraft fortbewegen". Ziel ist nicht zuletzt die Unabhängigkeit von Radlern bei der Wartung ihres Gefährts, angeboten werden aber auch Workshops zum Bau von Rädern. Im Hinterhof des Palais Wildenstein können, wenn die Flexscheibe rotiert, schon auch einmal die Funken fliegen.

Ungleich ruhiger ist das Geschäft des Vereins Druckzeug: Er bringt historische Druckpressen mit, an denen man selbst mit Holz- und Bleilettern setzen kann.

Der Hinterhof soll auch für spontane Aktionen genutzt werden und "pop-up-mäßig" bespielt werden.

Wie die in unmittelbarer Nähe arbeitende Polizei reagieren wird, wird sich zeigen. Die Blechbarrieren im Innenhof habe man seitens der Polizei jedenfalls begrüßt. Angesichts des "Moments der Unberechenbarkeit", vermutet Paar. Immerhin wird auch die diesjährige Herbst-Bar (mit verlängerten Öffnungszeiten), in der einstigen Polizeidirektion residieren. (Roman Gerold, Spezial, DER STANDARD, 19.9.2014)


Dieser Artikel ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit dem Steirischen Herbst. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Das Künstlertrio Supersterz und die ".tmp Architekten" vor der Blechfassade, die den Weg ins alte Palais weist.
    foto: raggam

    Das Künstlertrio Supersterz und die ".tmp Architekten" vor der Blechfassade, die den Weg ins alte Palais weist.

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