Teilen und Verschweigen im Reich der Asozialität

18. September 2014, 16:44
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Christiane Kühl kuratiert beim Steirischen Herbst die "Akademie der Asozialität". Hier setzen sich Künstler, Historiker und Soziologen mit erzwungener Teilhabe und Geheimnissen aller Art auseinander

Graz - Würde man heute sein Mobiltelefon abmelden, E-Mail-Adresse sowie diverse Accounts auf Facebook, Twitter und Instagram löschen - man würde für den sich wichtig nehmenden Teil der Gesellschaft nicht nur unsichtbar werden, sondern sich wahrscheinlich sogar verdächtig machen. Denn mittlerweile ist es ein Statussymbol, ob, wem und wo man sich mitteilt und was man alles "teilt". Das Leitmotiv, das sich durch alle Produktionen des Steirischen Herbstes zieht, lautet heuer "I prefer not to ... share!" Ein leicht adaptiertes Zitat aus Herman Melvilles Bartleby.

Es geht auch um dieses sogenannte Teilen virtueller Art, für das man auf nichts verzichten muss. Während wir Gedanken, Bilder und diverse Links "sharen", wird in der realen, "festformatigen" Welt noch immer ausgebeutet, was das Zeug hält - gerade auch in jenen Industriezweigen, die Geräte herstellen, mit denen wir teilend durch die Social Media surfen. Auch so ein Wort: "Soziale" Medien. Was man unter sozial versteht, hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt.

Geordneter Rückzug

Während sich namhafte Künstler aller Sparten im Festival mit diesem vielschichtigen Thema von Inklusion und Exklusion, von Teilhabe, aber auch vom freiwilligen Rückzug und der Utopie alternativer Lebensentwürfe beschäftigen, werden auch theoretische Räume jenseits der Kunst eröffnet: Die Berliner Journalistin und Theatermacherin Christiane Kühl kuratierte eine zweitägige Konferenz, die "zum Rücktritt von aller nicht gewählten Teilhaberschaft" ermuntert: die Akademie der Asozialität. Gemeint ist auch der geordnete Rückzug aus einem Gefüge, das laut Kühl "so wenig durchschaubar ist wie Facebooks Geschäftsbedingungen".

Neben einer Konferenz, Vorträgen und Diskussionen, an denen man auch selbst "teilhaben" kann, werden innerhalb der Akademie auch Expeditionen angeboten. In seiner Keynote am ersten Tag fragt der deutsche Soziologe Harald Welzer "Do you want to let this thing into your life?" Wer da frohen Herzens mit "No!" antwortet, dem präsentiert Welzer gerne seine "Übungen zur Resozialisierung".

Welzer forscht zu Geschichte, Gedenkkultur, Demokratie und Klima und veröffentlichte zuletzt das Buch Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand.

Die Philosophin Alice Lagaay spricht einerseits über das Paradoxon, dass ein Geheimnis mit jemandem geteilt werden muss, um als solches zu gelten und über die Macht kreativer Gleichgültigkeit. Auch Künstler, wie die Leute vom Nature Theater of Oklahoma werden sich in den Diskurs über das Teilen einbringen.

Aus dem Volkskundemuseum hinaus zieht es Teilnehmer der Akademie bei den Expeditionen. Etwa mit dem Historiker Leo Kühberger, der in einen meist unsichtbar bleibenden Bereich der Stadt führt, wo jene leben, die an der Gesellschaft nicht mehr teilhaben dürfen: in die Justizanstalt Karlau.

Weniger weit gehen muss man da mit dem Historiker Heimo Halbrainer: Gleich gegenüber des Volkskundemuseums liegt das Palais Wildenstein, wo dieses Jahr das Festivalzentrum untergebracht ist. Halbrainer wird das tun, was er seit Jahrzehnten tut, nämlich Geschichte (mit)teilen, die, obwohl im Zentrum einer Stadt liegend, vergessen wurde oder zumindest wenig bekannt ist.

Im Palais Wildenstein war nämlich nicht nur bis vor kurzem die Polizeidirektion und vor hundert Jahren ein Krankenhaus untergebracht. Es war auch sieben Jahre lang eine der Schaltzentralen des Naziterrors in Graz. In unmittelbarer Nachbarschaft ging die Gestapo ihren Verbrechen nach. An der Fassade des Hauses erinnert nichts daran. Erst 1995 pflanzte der damalige Innenminister Caspar Einem hier einen Kirschbaum - doch der Baum und die Tafel, die kommenden Generationen "zum mahnenden Gedächtnis" dienen soll, steht gut verborgen im Innenhof des Areals. (Colette M. Schmidt, Spezial, DER STANDARD, 19.9.2014)

Volkskundemuseum, Konferenz 11.-12. 10., 11.00-19.00. Expeditionen 11. 10., 15.00-17.00. Eintritt frei


Dieser Artikel ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit dem Steirischen Herbst. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Die da draußen sieht man nicht. Noch nie wurde der Begriff des Teilens so inflationär gebraucht wie heute im Internet. Ein Großteil der Menschen bleibt vom Share-Kult aber exkludiert. Andere suchen Alternativen.
    foto: christiane kühl

    Die da draußen sieht man nicht. Noch nie wurde der Begriff des Teilens so inflationär gebraucht wie heute im Internet. Ein Großteil der Menschen bleibt vom Share-Kult aber exkludiert. Andere suchen Alternativen.

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