Der unschuldige Spaß am Schlitzen

18. September 2014, 17:24
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Bis 28. September fließt im Wiener Filmcasino ziemlich viel Blut über die Leinwand: Zum fünften Mal findet das Slash-Filmfestival statt

Wien - Achtung! Wenn Sie dieser Tage von einem Zombie angegurgelt werden, greifen Sie nicht gleich zur Schrotflinte. Unter Umständen handelt es sich gar nicht um einen Wiedergänger, der es auf Ihre innersten Werte abgesehen hat, sondern um einen freundlichen Mitmenschen, der - mit Schminke und ausreichend Tagesfreizeit ausgestattet - einfach nur spielen möchte.

Das Slash-Festival, das am Donnerstag mit der Österreich-Premiere von Ulrich Seidls Im Keller eröffnet wird, zelebriert bereits zum fünften Mal den fantastischen Film. Der obligatorische Zombie-Walk am Freitag darf da natürlich nicht fehlen. Doch nicht nur das Rahmenprogramm wendet sich ans innere Kind der Besucher. Neben einem zweitägigen Workshop mit Filmemacher Lloyd Kaufman, dem Mitbegründer der Trash-Fabrik Troma Entertainment, stehen eine Schnitzeljagd, eine nächtliche Exkursion in den Tiergarten Schönbrunn und eine Einführung ins Vampir-Rollenspiel auf dem Programm.

Keine verkrampften Bemühungen, den Beuschelreißerfilm auf eine paraintellektuelle Diskursebene zu hieven; es regiert der unschuldige Spaß an Untoten, Serienmördern, Zeichentrickfilmen. Das Filmprogramm im Wiener Filmcasino, das auch drei Anime-Streifen umfasst, ist das Herzstück des Festivals. Neben Kaufmans Studio Troma ist den französischen Filmemachern Julien Maury und Alexandre Bustillo ein Special gewidmet. Bekannt wurden die zwei mit dem Schocker À l'intérieur , Hauptdarstellerin Béatrice Dalle ist neben Maury als Stargast geladen.

Ungleich fröhlicher wird in Jérôme Sables Stage Fright gemetzelt. In einem Musical-Ferienlager wollen Jugendliche eine vom japanischen Kabuki-Theater inspirierte Version des Stücks The Haunting of the Opera aufführen. Ein maskierter Irrer mit Schwäche für schlechten 80er-Jahre-Metal sabotiert die Bemühungen jedoch bald auf blutige Weise. Was als überdrehte Parodie ganz witzig beginnt, wird leider bald lähmend. Immerhin findet man jedoch bestätigt, dass, wo Meat Loaf auftaucht, der Horror nie weit ist.

Künstlerische Ambitionen der Jugend sind auch Thema in Starry Eyes von Kevin Kolsch und Dennis Widmyer, die Daumenschrauben werden jedoch um einige Umdrehungen fester angezogen. Sarah, von Alex Essoe eindrucksvoll verkörpert, will den Durchbruch in Hollywood, selbst wenn sie dafür Körper und Seele verkaufen muss. Der völlige Verfall einer angehenden Schauspielerin wird durchexerziert, wobei sich der Film vom Psycho- zum Bodyhorror und schließlich zum Slasher wandelt. Ein guter Magen kann den Besuchern nicht schaden.

Ebenfalls eine Domäne der Adoleszenz ist klassischerweise die Verwandlung zum Werwolf: die Haare! Die Triebe! Adrián García Bogliano verbindet diese Verwandlung in Late Phases mit einem anderen, ebenfalls von körperlichen Veränderungen geprägten Lebensabschnitt: Bei Vollmond kommt es in der Senioren-Community zu Gewaltexzessen, der blinde Neuankömmling Ambrose will dem Spuk ein Ende setzen. Ruhig, mit Fokus auf die inneren Konflikte des Eigenbrötlers werden die Vorbereitungen auf die nächste Vollmondnacht geschildert. Wenn die CGI-freien Zottelviecher schließlich toben, dürfen Genrefreunde jubilieren.

Allen anderen bleibt die Frage, warum die Werwölfe wie mit Steroiden gefütterte Chihuahuas aussehen. (Dorian Waller, DER STANDARD, 19.9.2014)

  • Immer schön hinschauen: "A l'interérieur" von Julien Maury und Alexandre Bustillo. Schocker aller Qualitäts- und Grauslichkeitsstufen beim Slash-Filmfestival in Wien.
    foto: slash festival

    Immer schön hinschauen: "A l'interérieur" von Julien Maury und Alexandre Bustillo. Schocker aller Qualitäts- und Grauslichkeitsstufen beim Slash-Filmfestival in Wien.

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