Was die heutige Jugend von den vorangegangenen Generationen unterscheidet 

7. Oktober 2014, 10:19
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Orientierungslose Jugend?

Wer eine Diagnose der heutigen Jugend erstellen will, muss sich zunächst mit einigen Widersprüchen herumschlagen: Der eine Meinungsforscher versucht es mit Begriffen wie traditionsbewusst und konservativ, der nächste spricht von Individualismus und Ehrgeiz als Eckpfeilern der jugendlichen Attitüde. In einigen Kernpunkten scheinen sich die Analysen jedoch zu treffen und somit das Bild einer leistungsorientierten, hedonistisch eingestellten Jugend zu zeichnen.

Entpolitisierung und Leistungsgedanken

Verglichen mit vorangegangenen Generationen wirkt die heutige zahm und angepasst, auch in politischer Hinsicht. Die Bereitschaft, sich für eine bestimmte Vision zu engagieren, ist gesunken - sei es als Demonstrant, als Mitglied einer Jugendorganisation oder wenigstens als Sympathisant einer Ideologie. Als Kinder der Postmoderne haben wir verinnerlicht, dass es unklug ist, sich allzu vehement für eine politische Richtung einzusetzen. Schließlich haben ja alle irgendwie recht – der Kompromiss als Ideallösung.

Da wir im Großen nichts ausrichten können (oder wollen), fangen wir nun im Kleinen an. Dem Jugendlichen von heute reicht es völlig, wenn es ihm später beruflich und persönlich gut geht. Die großen Visionen von Umstürzen und Revolutionen wurden eingetauscht gegen die des trauten Heims, der glücklichen Familie – auch im Sinne der Rollenerfüllung. Gerade was die Familie angeht, ist die Mehrheit der Jungen konservativ eingestellt, auch wenn sie alternative Familienmodelle theoretisch toleriert. Der Schlüssel zu alldem, was von meiner Generation als Glück gesehen wird, liegt in der Leistung. Wir sind davon überzeugt, dass Leistungswille und Anstrengung schlussendlich zum Erfolg führen.

Spaß statt Spiritualität

Glaube scheint für die Jugend ein Schlagwort zu sein – Glaube an Erfolg, Glaube an Familie, Glaube an Leistung. Doch mit Glaube im eigentlichen, spirituellen Sinn hat die Mehrheit der Jungen nichts am Hut. Schon allein deswegen, weil trotz des Konservatismus, welcher der Jugend bescheinigt wird, die Kirche zu reaktionär und verstaubt daherkommt. Doch an die Stelle des althergebrachten dogmatischen Glaubens tritt der Hedonismus. So stehen auf der Skala der Top-Lebensziele der 14- bis 19-Jährigen "gute Freunde haben", "Spaß im Leben haben", "einen Beruf haben, der Spaß macht" und "das Leben genießen" ganz oben.

Es scheint nicht verwunderlich, dass es auch in bewegten Zeiten wie diesen keine einheitliche Stimme der Jugend gibt. Die meisten fühlen sich nicht dazu imstande, ein Urteil beispielsweise über den Konflikt im Gazastreifen zu fällen, da sie durch die omnipräsente Berichterstattung den Überblick verlieren oder es schlicht für ihr eigenes Wohlbefinden belanglos ist.

Eine Armee von Pragmatikern

Für die junge Generation scheint vieles in der Zukunft unsicher zu sein, von der Pension bis zum gesicherten Arbeitsplatz. Die Schnelllebigkeit unserer Zeit führt zu einer Fokussierung auf das Persönliche und Private. Weltverbesserung war gestern, heute muss für die eigenen Grundbedürfnisse gesorgt werden. Die Jugend ist einerseits orientierungslos, andererseits weiß sie genau, was sie will - jedoch nur für sich selbst. Dieser Pragmatismus ist das große Markenzeichen einer Jugend, die angesichts einer instabilen Welt den Rückzug ins Häusliche und Sichere antritt und sich mit dem eigenen Wohl begnügt. Sie dafür verantwortlich zu machen oder zu verurteilen wäre jedoch falsch. Schließlich ist jede Generation auch das Produkt der Zeit, in der sie aufwächst. (Simon Erasimus, derStandard.at, 7.10.2014.)

Simon Erasimus (18), Schüler

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