Nazar: "Ich reise Schuhen sogar hinterher"

Ansichtssache21. September 2014, 17:00
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RONDO Exklusiv fragte vier Zeitgenossen, wann ihr Modeherz schneller schlägt

foto: julian mullen

Nadja Bernhard: "Cowboy-Boots fehlen mir noch"

In den letzten Jahren bin ich draufgekommen, dass ich zur Kategorie "Voller Kleiderkasten und nichts anzuziehen" gehöre. Weil ich aber unter Zeitdruck lebe, versuche ich es mit den Kleidern heute einfach anzugehen. Das heißt: Jeans zu T-Shirt zu Blazer. In Sachen Schuhe bin ich eine Spätberufene, setze sie dafür aber mittlerweile gern bewusst als Stilbruch ein. So wie meine Maus-Ballerinas von Marc Jacobs, von denen ich gleich drei Paar besitze. Oder meine Schuhe von Vivienne Westwood, die obenauf ein Herz ziert. Oder eben meine gelben Ankle-Boots von Gianvito Rossi, eine echte Investition (siehe Bild).

Die Schuhe, die ich während der ZiB trage, sind hingegen meist unauffällige mittelhohe Damenschuhe aus dem ORF-Fundus. Die Absätze erfüllen einfach ihren Zweck, die Kamera macht einen ja immer ein bisschen breiter. Dabei verstecke ich, wenn ich in der Sendung nicht vor die Videowall muss, ab und zu auch meine Converse hinter dem Tresen. Während meines Auftritts bei Willkommen Österreich hatte ich zuletzt ja auch welche an. Die waren damals recht neu und so ganz ohne Patina. Das war wohl fast ein Fauxpas: Besser, ich hätte in ihnen vorher noch eine Runde mit dem Hund gedreht.

Meine Schuhe haben sonst alle Gebrauchsspuren. Überhaupt kann ich mich nur schwer von ihnen trennen. Selbst meine 15 Jahre alten Miu-Mius, auf die ich lang gespart habe, warten noch auf ein Revival. Wenn meine Schuhe hinüber sind, wandern sie in einem Riesensack zu meiner Mutter in die Südsteiermark. Da gibt es einen alten Schuster, der sie repariert. Welche Schuhe in meinem Kleiderschrank noch fehlen? Cowboy-Boots, an denen arbeite ich noch.

Nadja Bernhard ist Fernsehjournalistin beim ORF. Sie war Italien- und USA-Korrespondentin und arbeitet seit 2011 in der Auslandsredaktion der ORF-Zentrale in Wien.

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foto: julian mullen

Christina Steinbrecher-Pfandt: "Die Farbe Weiß macht mich wach"

Während einer längeren Reise durch die USA habe ich angefangen, Vintage-Kleiderläden zu durchstöbern. Das war 2002, ich habe damals ganz viele Kleider aus den 50er-, 60er- und 70er-Jahren in intensiv leuchtenden Farben gefunden. Die gefallen mir bis heute. Das mintfarbene Kleid, das ich auf dem Foto trage, ist zum Beispiel handgenäht. Das habe ich einer älteren Frau in Austin, Texas, abgekauft. Innerhalb der zwölf Jahre, die ich es schon besitze, habe ich es schon zweimal flicken müssen. Der Stoff ist eben nicht mehr der allerneueste.

Je älter ich werde, desto weniger Lust habe ich, in normalen Geschäften einzukaufen. Die Sucherei empfinde ich als unheimlich lästig. Letztlich finde ich dort ja doch nicht das, was ich mir eigentlich wünsche. Deshalb gehe ich in Wien lieber in Secondhandläden oder erweitere meine Minikollektion aus selbstentworfenen Mantelkleidern. Bis Ende des Jahres will ich zehn Modelle fertig haben.

So etwas wie die "Farben der Saison" sind nicht so meine Sache. Nur die Farbe Schwarz habe ich vor acht Jahren ganz bewusst aus meinem Kleiderschrank und meinem Gefühlsleben verbannt. Ich habe beobachtet, dass sich Farben auf mein Befinden auswirken. Schwarz hat mich immer träge gemacht. Weiß macht mich wach. Letztlich ziehe ich morgens an, wonach ich mich fühle. Mehr Message haben meine Kleider nicht. In dem Kleid, das ich jetzt trage, sieht man mich auf einem Kunst-Opening genauso wie beim Kinderwagenschieben. Hauptsache, es ist unkompliziert und übersteht meine regelmäßigen Flüge einigermaßen unzerknittert.

Christina Steinbrecher-Pfandt ist die künstlerische Leiterin der Kunstmesse Viennafair The New Contemporary, die vom 2. bis 5. Oktober in der Messe Wien stattfindet.

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foto: julian mullen

Nazar: "Ich reise Schuhen sogar hinterher"

Ausgefallene Schuhe sind zu einem Hobby von mir geworden. Dafür reise ich ihnen sogar hinterher und kaufe sie gleich in verschiedenen Farben: Für die von Balenciaga, die ich gerade anhabe, bin ich nach London zu Harrods geflogen. Die schwarze Version habe ich zum Glück in Wien gefunden, ein drittes Paar habe ich in Barcelona gekauft. Sie alle werden zu Hause in Schuhkartons in meinem begehbaren Kleiderschrank aufbewahrt. Das war alles aber schon einmal ganz anders. Während mir solche Sachen heute oft geschenkt werden, habe ich als Kind von den Nike Air Max nur träumen können.

Als ich mit meiner Mutter aus Teheran nach Österreich geflüchtet bin, hatte ich krasse Komplexe. Ich wollte unbedingt verdecken, dass ich zwei Jahre lang jeden Tag den gleichen Mickey-Mouse-Pullover von der Caritas anhatte. So wie damals versuche ich noch heute, modisch mein Ding zu machen. Privat trage ich heute neben Balenciaga vor allem Givenchy und Balmain, auf der Bühne habe ich meist Nike-Schuhe an.

Außerdem liebe ich Lederjacken. Von Balmain besitze ich zwei Exemplare. Die müssen für jemanden wie mich, der mit Bomberjacken groß geworden ist, unbedingt hüftig geschnitten sein. Außerdem habe ich mittlerweile sechs Rolex-Uhren.

Die Klamotten, die ich für mein aktuelles Video Zeit & Raum besorgt habe, haben über 20.000 Euro gekostet. Mein nächstes Projekt, eine eigene Modekollektion, soll allerdings für meine Fans leistbar sein - und aus Bio-Baumwolle produziert werden. Ich hab mich nämlich schon zu oft über die schlechte Qualität teurer Designershirts geärgert.

Nazar, sein bürgerlicher Name lautet Ardalan Afshar, ist ein österreichischer Rapper. Vor kurzem erschien sein sechstes Album namens "Camouflage".

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Karin Lischka: "Ich mische alte Schätze mit Neuem"

Mit dem Sammeln von Vintage-Kleidern habe ich vor zehn Jahren begonnen. Schuld war ein Zufall. Ich habe bei meinen Eltern im Keller Schlittschuhe gesucht und bin auf alte Schuhkartons meiner Mutter gestoßen. In denen steckten ihre Schuhe aus den 60er- und 70er-Jahren. Bis ich begonnen habe, sie zu tragen, sind sie allerdings noch ein bisschen herumgestanden.

In die Schuhe meiner Mutter zu schlüpfen hat für mich eine ganz besondere Bedeutung, weil sie sehr früh verstorben ist: Als ich ihre Schuhe für mich entdeckt habe, hat sie nicht mehr gelebt. Mit der Zeit haben dann Freunde und Bekannte von meiner Sammelleidenschaft Wind bekommen. Von den Verwandten einer Freundin habe ich ein schwarzes Kleid von Valentino bekommen. Von einer Musikschuldirektorin, die meiner Familie nahesteht, einen Ring und eine goldene Halskette, die einmal die Uhrkette ihres Großvaters war. Und eine Freundin hat mir das Nerzcape ihrer Großtante, die vor dem Zweiten Weltkrieg nach New York emigriert ist, vermacht.

Auf alle diese Sachen gebe ich sehr acht. Das Nerzcape aus den 20er-Jahren hatte ich zu einer Filmpreisverleihung zu einem langen Abendkleid an. Während eines Drehs genieße ich es ebenso, historische Kostüme zu tragen. Zurzeit, während der Dreharbeiten zum Film Käthe Kruse, stecke ich ganze Arbeitstage in einem Korsett und einem tortenartigen Kleid von 1910. Das Kostüm hilft sehr beim Gestalten einer Rolle. Da macht es auch nichts, wie in Atmen in einer Velours-Jogginghose und einer Daunenjacke nicht sehr ansehnlich auszuschauen. Privat ziehe ich mich natürlich anders an, da mische ich meine alten Schätze am liebsten mit Neuem.

Karin Lischka ist Schauspielerin. Sie wurde durch die weibliche Hauptrolle im österreichischen Film "Atmen" aus dem Jahr 2011 bekannt.

(Anne Feldkamp, Rondo Exklusiv, DER STANDARD, 17.9.2014)

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