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19. September 2014, 17:26

Am Cover seines Debütalbums sieht er aus wie Al Pacino in dem Mafiaepos "Der Pate". Aber das wusste damals noch niemand. Man schrieb das Jahr 1967 und "Der Pate" kam erst fünf Jahre später in die Kinos. Als Leonard Cohen "The Songs of Leonard Cohen" veröffentlichte, betrat einer der originellsten Charaktere die Welt der Popmusik. Das Folkrevival war in voller Fahrt, und Cohen spielte Folk. Doch nicht aus trendsportlichen Gründen.

foto: kezban ozcan/sony

Der 33-Jährige entsprach weder den Vorgaben des zeitgeistig politischen noch dem traditionellen Folk. Weder verwahrloste Hippies noch singende Bauern oder die Harmonika blasende Hobos auf Güterzügen waren seine Welt. Er trug dunkle Anzüge, ein Buch in der Sakkotasche und strahlte eine Ruhe aus, wie der Pate beim Hinterzimmertreffen mit gegnerischen Familienoberhäuptern. Dieses Wesen schlug sich in einer zurückhaltenden Instrumentierung nieder. Weniger ist mehr, heißt es, und nur wenige können aus wenig so viel machen wie Cohen.

Leonard Norman Cohen gelangte über den Umweg der Literatur in die Welt des Pop. Dort wuchs er zu einer Figur, die man Instanz nennt. Zu einer monolithischen Erscheinung, dessen Bedeutung nur knapp hinter Bob Dylan rangiert. Wobei er im Vergleich zu Dylan als Fauler Willi einzuordnen ist. Aber nur so wird aus wenig viel. Fast fünf Jahrzehnte ist Cohen im Geschäft. Am Sonntag wird er 80 Jahre alt, am Freitag veröffentlichte er sein 13. Studioalbum. Es heißt "Popular Problems".

Der Popzirkus war ihm eigentlich zu banal. Der aus der kanadischen Mittelklasse stammende Leo wuchs in der Zeit vor dem Rock-’n’-Roll-Urknall auf. Sein Erweckungserlebnis trat nicht in Gestalt des Elvis Presley in sein Leben, sondern mit der Entdeckung des Werks des spanischen Schriftstellers Federico García Lorca. Nach einer Zeile aus einem seiner Gedichte, sagt Cohen, war er für das bürgerliche Leben als Erbe des Textilgeschäfts seines Vaters für immer verloren.

Während sich die Weltjugend bereitwillig vom Virus des Rock-’n’-Roll infizieren ließ, veröffentlichte Cohen 1956 seinen ersten Gedichtband. In den nächsten zehn Jahren folgten drei weitere, dazu zwei Romane. Zwar wirbelte sein 1966 erschienener Roman "Beautiful Losers" ob sexuell freizügiger Passagen Staub auf – darin entwickelt ein Vibrator ein Eigenleben -, doch der finanzielle Durchbruch stellte sich nicht ein, Cohen lebte weiter vom Nachlass seines Vaters.

100.000 Zigaretten tiefer

Denkt man an Cohen, denkt man an eine Stimme. An einen Kellerbariton, der im Laufe der Jahre tiefer und tiefer wurde. Als er einmal nach längerer Karrierepause auf seine tiefer gewordene Stimme angesprochen wurde, sagte er, sie sei um 100.000 Zigaretten tiefer als beim letzten Album. Dann lächelte er dieses milde Patenlächeln und nahm einen tiefen Zug.

foto: sammlung sullivan
Die "Buckskin Boys" mit Leonard Cohen (ganz unten), 1952.

Mit der Zuschreibung Sänger hat er sich schwergetan. Beim Newport Folk Festival war er zu Beginn seiner Karriere in heller Panik angesichts der Menschenmassen im Publikum. Er vertraute sich einem Anwalt seiner Plattenfirma an. Der sagte nur, "ihr seid doch alle keine Sänger. Wenn ich Sänger hören will, gehe ich in die Oper". Das habe das Verständnis für seine Rolle geprägt, behauptete Cohen später. Natürlich ist das eine charmante Tiefstapelei. Doch Cohen legt mehr Wert auf die Geschichte als dessen perfekte Umsetzung. Daraus wurde ein Stil, sein Stil. Und niemand hat je ernsthaft versucht, ihn zu kopieren.

Die Faszination an Cohen ist ungebrochen. Selbst wenn man die heute zu Buche schlagende Autorität des Alters abzieht, bleibt da ein Künstler, der etwas völlig Neues geschaffen hat. Dabei hat er nichts anderes getan, als Tradition zu seinen Bedingungen fortzuführen, ist brav den Evolutionsgesetzen des Pop gefolgt.

foto: privatsammlung cohen
Cohen 1960.

Aus der kulturellen Isolation der englischsprachigen jüdischen Minderheit Montreals stammend, entdeckte er als junger Mann weltliche Versuchungen, wie sie Philip Roth literarisch festhielt. Neben der Literatur war es die Direktheit der Country Music, die ihn prägte. Zuvorderst jene von Hank Williams, daneben die allumfassende Kunst des Ray Charles und die Chansons des Jacques Brel. Cohen thematisiert in seinen Liedern Beziehungen und Einsamkeit – oft unter dem Einfluss seiner Depressionen. Er singt über Sexualität und Spiritualität, über elementare Ängste und Seelenpein. Er bringt das in drei, vier Minuten unter seinen Hut und würzt es mit Zweifeln. Nur die Anmaßung haut ihre Texte in Stein. Nicht Cohen, er weiß, dass die Poesie vom Leben jederzeit über den Haufen geworfen werden kann.

Allein – mit solchen Themen, ist nicht leicht Popstar werden. All die Schwere, all die Bürden lockert der zweifache Vater mit Humor auf. Der ist meist trocken, oft subtil, manchmal unerwartet derb. In Chelsea Hotel, einem lakonischen Nachruf auf die 1970 verstorbene Janis Joplin, saubartelt er über den Oralsex, mit dem sie ihn erfreute, obwohl sie eigentlich hübschere Männer vorziehen würde.

Noch deutlicher ist er auf dem 1977 erschienenen Album "Death of a Ladies‘ Man", das Phil Spector produziert hat. Spector ist als Erfinder des Wall of Sound der Inbegriff instrumentaler Ausschweifung und stand somit in krassem Gegensatz zu Cohens Minimalismus. Mit Spector entstand der gesungene Herrenwitz "Don’t go Home with your Hard-On", bei dem Bob Dylan und Allan Ginsberg im Background grölen.

foto: privat
Fanticket: 2008 konzertierte Cohen nach 15 Jahren wieder in Österreich.

Doch Cohen mochte Spectors Produktion nicht. Für ihn war da zu viel von allem, doch der sperrte ihn aus dem Studio und mischte das Album ohne ihn ab. Später, im gemeinsamen Rausch, soll der heute wegen Mordes im Gefängnis sitzende Produzent Cohen eine Knarre an den Hals gehalten und gesagt haben: "Leonard, ich liebe dich." Cohen antwortete: "Das hoffe ich."

"Death of a Ladies‘ Man" gilt als eines der besten Werke Cohens, selbst wenn sich sein Schöpfer nie damit anfreunden konnte. Doch die Generation Punk hatte mit dem Album dieselbe Freude wie mit dem mattschwarzen Klassiker Songs about Love and Hate, Cohens Meisterstück aus seinem Frühwerk (1971). Schon dessen Opener "Avalanche" führt ins Herz der Finsternis: Ein getriebenes Gitarrenspiel. Ein bildgewaltiger Text. Unheilbringende Streicher. Die Ruhe vor dem Sturm, sie endet gerade. Nick Cave hat 1984 mit einer Coverversion dieses Lieds seine Karriere mit den Bad Seeds begonnen.

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Leonard Cohen: "Almost Like the Blues" aus dem neuen Album "Popular Problems".

Trotz aller Weltlichkeit nimmt die Spiritualität einen hohen Stellenwert in Cohens Leben und seiner Kunst ein, ohne diese je zu missionieren. In den 1990ern hat sich Cohen zum buddhistischen Mönch ausbilden lassen, gleichzeitig hält er bis heute den Sabbat ein. "Ich suche keine neue Religion", sagte er einmal über sein Judentum, "mir genügt die alte".

Während Cohen im Kloster Buddhismus lernte, erlag seine langjährige Managerin Kelley Lynch der Versuchung. Sie verkaufte hinter seinem Rücken Songrechte und veruntreute umgerechnet vier Millionen Euro, Cohens Altersvorsorge. Das Geld ist verloren und Lynch sitzt zurzeit im Gefängnis. Doch ausgerechnet dieses Ungemach bescherte der Welt Cohens Wiederkehr. Seit Mitte der Nullerjahre tourt er wieder und veröffentlicht neue Alben.

Die Langsamkeit im Blut

"Popular Problems" ist das Beste in diesem Spätwerk. Es beginnt mit dem manifesten Stück "Slow". Darin eröffnete er dem Publikum seine Vorliebe für Langsamkeit. "Slow is in my blood", singt er, so als wäre einem das bisher nicht aufgefallen. Die Instrumentierung ist warm, die Orgel kokettiert offen mit Soul. Unterstrichen wird diese Neigung von "Almost the Blues". Im Zentrum steht wie immer die Stimme des Erzählers wie ein alter Freund, ein Vertrauter für ein Publikum aus mehreren Generationen. Die Stimme ist auch ohne Zigaretten tief, klingt rau und erzählt mit einer Eindringlichkeit, die die Intimität amourösen Ohrengeflüsters besitzt. Das muss man mit 80 einmal schaffen. Cohen gelingt das ohne Mühe immer noch.

Im Alter, heißt es, würden die Menschen zu schrumpfen beginnen und kleiner werden. Das mag so sein, aber anhand von Cohens Werk lässt sich das nicht bestätigen. (Karl Fluch, DER STANDARD, 20.9.2014)