Auf der Suche nach dem Konjunkturturbo

18. September 2014, 11:02
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Im Sog der internationalen Entwicklungen erwarten Wifo und IHS noch weniger Wachstum, Entspannung am Arbeitsmarkt ist erst 2016 in Sicht

Wien - Die prominentesten heimischen Ökonomen, Karl Aiginger (Wifo) und Christian Keuschnigg (IHS), sind es gewohnt, ihre kritische Energie auf die Regierung zu richten. Entbürokratisieren, Steuern senken, mehr in Bildung investieren: Die beiden Forscher wiederholen ihre Kernforderungen an SPÖ und ÖVP in regelmäßigen Abständen.

Doch bei der Präsentation ihrer neuen Konjunkturzahlen am Donnerstag in Wien gerieten Aiginger und Keuschnigg selbst ins Zentrum kritischer Nachfragen. Noch im März hatten die beiden Österreich ein gutes Jahr vorhergesagt. Das Wifo sprach von 1,7 Prozent Wachstum. Im Juni war nur mehr von 1,4 Prozent plus die Rede, und am Donnerstag hat das Wifo seine Prognose für 2014 wie das IHS auf magere 0,8 Prozent korrigiert.

Wachstum schmilzt weg

Wie aber konnten die Ökonomen derart falsch liegen? Aiginger und Keuschnigg argumentieren mit dem veränderten Umfeld. Die Konjunktur in Europa komme nicht vom Fleck. In Schwellenländern wie Brasilien und Argentinien habe die Straffung der US-Geldpolitik zu Kapitalabflüssen und somit zu einem Wachstumsknick geführt, sagt Keuschnigg. Deshalb importieren diese Länder weniger. Das Gleiche spiele sich in Russland ab, nur ist dort der Ukraine-Krieg verantwortlich.

Aber ist das alles so relevant? Österreichs exportiert allein nach Ungarn zweimal mehr Waren als nach Südamerika. Auch die Ausfuhren nach Russland sind nur ein kleiner Teil des Kuchens. Wichtig sind die Exporte in die EU.

Aber alles hängt zusammen. Österreichs Firmen können längerfristig weniger Waren in Europa verkaufen, wenn Schwellenländern schwächeln, heißt es bei IHS und Wifo. Ein Teil der nach Deutschland gelieferten Produkte wird von dort weiterverkauft.

Für die miese Konjunkturlage seien zudem zusätzliche Faktoren verantwortlich: Unternehmen haben zuletzt Investitionen aufgeschoben. Neben fehlenden Impulsen vom Export ist dafür der schwache Inlandskonsum verantwortlich. Dass die Österreicher nicht ausreichend einkaufen, ist für das Wifo wenig verwunderlich. Immerhin sinken die heimischen Pro-Kopf-Realeinkommen im Schnitt seit fünf Jahren.

Streit um die Versicherung

Umso dringender - und hier sind wir wieder bei den Ratschlägen an die Politik - werde eine Steuerreform, die den Faktor Arbeit entlastet, betonten Aiginger und Keuschnigg.

ÖGB und die Arbeiterkammer haben erst diese Woche ihre Pläne dafür vorgelegt. Sie empfehlen, den Eingangssteuersatz auf 25 Prozent (derzeit 36,5 Prozent) zu senken. Auch Jahreseinkommen bis 80.000 Euro sollen von niedrigeren Steuersätzen profitieren. Aiginger lobt das Modell zwar grundsätzlich, allerdings sei eine Entlastung allein über die Einkommensteuer zu wenig, um die Konjunktur anzukurbeln.

Die größte Wirkung auf das Wachstum hat es, wenn Geringverdienern mehr Geld bleibt, wie aus Wifo-Untersuchungen hervorgeht. Sie stecken jeden Euro zusätzlich in den Konsum. Doch die ersten 11.000 des Verdiensts sind steuerbefreit. Um hier zu entlasten, müsste man die Sozialversicherungsbeiträge sinken. Davon profitieren sollen neben Arbeitnehmern auch die Arbeitgeber, was zu einem Beschäftigungszuwachs führen würde, argumentiert Aiginger. Die Gewerkschaft hingegen will Niedrigverdiener mit einem Anstieg der Negativsteuer von 110 auf 450 Euro entlasten. Anspruch auf diese Steuergutschrift haben all jene, deren Einkommen unter der Freigrenze von 11.000 Euro liegt.

Keuschnigg will die Sozialabgaben nicht staffeln: Der Preis der Kranken- und Pensionsversicherung soll der Leistung entsprechen. (szi, derStandard.at, 18.9.2014)

  • Trübe Aussichten für die Wirtschaft, der Aufschwung wird immer weiter aufgeschoben.
    foto: apa/pleul

    Trübe Aussichten für die Wirtschaft, der Aufschwung wird immer weiter aufgeschoben.

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