Angewandte Ethik: Darf's ein bisserl mehr sein?

Blog18. September 2014, 10:13
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In Krisensituationen zeigt sich schnell, ob das durch quasi-ethische Bemühungen unterstützte Ethos trotz Sachzwängen wirksam bleibt

Was kann man sich unter angewandter Ethik vorstellen? Worin besteht ihr Nutzen für Wirtschaftsunternehmen? Leicht kommt es hier zu falschen Einschätzungen und Erwartungen. Liegt ein Grund dafür im Begriff der angewandten Ethik selbst (applied ethics)? Im Wirtschaftsjargon versteht man unter Anwendung doch eine prozessorientierte Verfahrensanleitung, die einen quantifizierbaren Output generiert. Aber was hätte das mit Ethik zu tun?

Games of Ethics

Jedes Unternehmen als Organisation hat sich, ob ausgesprochen oder nicht, Grundregeln gegeben. Diese nennt man philosophisch ihr Ethos. Das sind moralische Regeln, die gesetzt und gelebt werden. Seit Menschengedenken sind solche Regeln in allen sozialen Verbänden üblich, ob in einer Familie, einem Stamm, einer Religionsgemeinschaft oder ähnlichem.

In der Wirtschaft nähert man sich heute aus verschiedenen Blickwinkeln diesem konstituierenden Phänomen an. Man nennt es Corporate Identity oder Governance, möchte einen spezifischen Code of Conduct oder Code of Ethics entwickeln und gelebt wissen und befasst sich im Rahmen der Corporate Social Responsibility damit.

Verbindende Funktion

Annemarie Pieper gibt uns folgende Definition angewandter Ethik: "Die Wirtschaftsethik (...) versucht, die ethischen Prinzipien eines guten Lebens mit den Ansprüchen des Wirtschaftshandelns auf Effizienz, Nutzenwachstum und Wertsteigerung zu verbinden."

Die Ethik ist also jene Disziplin, die solche Regeln des geschäftlichen Erfolgs kritisiert. Man hinterfragt dabei nicht nur die Regeln, sondern auch die weiteren Rahmenbedingungen, wieso diese so gesetzt wurden und wozu und für wen sie gut sind.

Wirtschaftsethiker meinen, dass dadurch auch unternehmerisches Handeln gestärkt werde, da diese grundsätzlichen Reflexionen Weiterentwicklungen fördern, indem man die Vertiefung des eigenen Grundverständnisses anregt.

Ethos/Ethik-Palawatsch

Im Wirtschaftsjargon werden unter dem Begriff Ethik nun aber sowohl die Regeln, also das Ethos, als auch das konforme Verhalten im Sinne derselben und mehr oder weniger alle Marketings-, PR- und Vertriebsaktivitäten zusammengefasst, die die Integrität des Unternehmens und seiner Produkte nach innen und außen repräsentieren.

Der philosophische Fachbegriff der Ethik hat im Sinne seiner Utilisierung in der wirtschaftlichen Alltagssprache durch nutzenstiftende Spins andere, erweiterte Bedeutungen erhalten.

Was man eh weiß

Natürlich wissen fast alle Exekutives, Aufsichtsräte sowie Firmenchefs mittlerweile, dass Ethik in der Wirtschaft nicht nur ein Schönwetterthema ist. Die Feinheiten philosophischer Begriffsbestimmung scheinen aber in der Praxis vordergründig nicht wichtig. Die Bedeutung von ethischem Management, der zugehörigen Trainings- und Compliance Programme, ist jedoch bewusst.

Wer nicht darauf achtet, kann schwere Irritationen, sowohl im Unternehmen als auch im Umfeld auslösen. Das gilt nicht nur für große Konzerne wie Siemens oder Shell. Die Konsequenzen reichen von Anfeindungen durch enttäuschte Konsumenten bis hin zu durch NGOs gesteuerte Kampagnen und Strafverfahren vor internationalen Gerichtshöfen.

Dies verunsichert Investoren, Geschäftspartner und Mitarbeiter. Deshalb gehen die Bemühungen weit darüber hinaus nur Strafen bei Vernachlässigung oder Übertretung von Richtlinien zu vermeiden.

Wirkungswissen

Man weiß auch, dass die Reduktion ethischer Schwächen eine höhere Verbundenheit der Konsumenten mit den Produkten initiiert und damit letztlich hilft, die eigene Produktivität sicherzustellen.

Das kann man in den Publikationen zum Thema Compliance lesen, dagegen ist auch nichts zu sagen. Aber niemand sagt etwas darüber, dass man als Unternehmen die richtigen Dinge tun soll, weil es eben die richtigen Dinge sind. Hier berühren wir wieder die Sphäre der eigentlichen Ethik.

Wie ist das zu verstehen? Nicht nur Peter Drucker hat auf die Differenz von Effizienz (doing things right) und Effektivität (doing the right things) hingewiesen. Philosophiegeschichtlich ist das schon lange als Unterschied zwischen causa efficiens und causa finalis bekannt. Wieso ist das noch nicht durchgedrungen?

Wer ist hier der Buhmann?

Hätten die philosophischen Fakultäten nicht eine derartige Geringschätzung gegenüber der Wirtschaft und anderer Felder gezeigt, also mehr Verantwortung für ihre eigene Disziplin wahrgenommen, dann gäbe es reichlich Lehrstühle und damit Ausbildungen für philosophische d.h. auch ethische Praktiker.

Philosophische Institute sollten ihre Studenten verstärkt auf mögliche Karrierewege als ethisch Verantwortliche oder Berater in Unternehmen, wissenschaftlichen Institutionen und dem Gemeinwohl verpflichteten Körperschaften vorbereiten. Sie sollten Philosophen anspornen, Kurse in Wirtschafts- oder Wissenschaftspraxis zu besuchen, um etwa Grundkompetenzen in den Bereichen der Bio-, Umwelt- oder Technikdisziplinen zu erlangen, denn ohne Hintergrundwissen aus den empirischen Bereichen werden die Philosophen gar nicht wissen, welche Probleme sich dort stellen und welche Fragen sie zu stellen hätten.

Damit ist, was sein darf

Philosophische Reflexion bringt mittels der Ethik Fragestellungen auf den Punkt, kann Orientierung anbieten. Deshalb ist dieser Ansatz fundamental. Manche Fragen irritieren, denn sie gehen weit über die Alltagsperspektiven hinaus. Dazu braucht es fachliche Kompetenz und deshalb beunruhigen mich jene Ethikanstrengungen in Organisationen, wenn sie von Nichtphilosophen durchgeführt werden.

Oft baut man so Häuser ohne Fundament und beschwichtigt Führungskräfte und Mitarbeiter mittels rhetorischer Floskeln. Doch Konsumenten und Mitarbeiter riechen den Braten. In einer Krisensituation zeigt sich schnell, ob das durch quasi-ethische Bemühungen unterstützte Ethos trotz Sachzwängen wirksam bleibt.

Wenn der Fischkopf stinkt

Eine Haltung verwirklicht sich erst infolge kontinuierlicher Handlungsreihen. Wird in einer Organisation Wasser gepredigt aber Wein getrunken, entspricht also das Verhalten "oben" den immer strengeren Vorschriften für die unteren Ebenen nicht, dann hat das die Spaltung des Gemeinschaftsbewusstseins zur Folge, die Züge von Schizophrenie annehmen kann. Für eine Organisation wäre das ebenso fatal wie es für jene Menschen ist, die unter diesem Krankheitsbild leiden. (Leo Hemetsberger, derStandard.at, 18.9.2014)

Leo Hemetsberger ist Philosoph und Unternehmensberater, lehrt unter anderem Ethik an der Militärakademie und leitet den Universitätslehrgang Kultur & Organisation an der Universität Wien. Als EPU berät er Unternehmen zu Ethik und Compliance, ist Executive Coach und als Trainer in Unternehmen und im Verwaltungsbereich tätig.

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