Schottland: Unionisten in der Kulturszene haben es schwer

17. September 2014, 17:23
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Die meisten britischen Künstler würden die Unabhängigkeit Schottlands begrüßen

Die Installationskünstlerin Ellie Harrison hat in der Talbot Rice Gallery von Edinburgh vier Konfettikanonen aufgebaut. Sollten ihre Landsleute am Donnerstag mit Ja stimmen, werden die Geschütze aktiviert. Prinzipiell wünscht sich die Künstlerin eine "sozialistische Republik"; davon wird der Norden wohl auch in Zukunft weit entfernt sein, aber immerhin sei ein unabhängiges Land doch ein Schritt in die richtige Richtung und ein Anlass zur Freude, glaubt die Konfettikünstlerin.

Neben solch berückender Schlichtheit gibt es unter schottischen Kulturschaffenden auch differenziertere Wortmeldungen. Eines haben die allermeisten gemeinsam: Die große Mehrheit engagiert sich, wenn überhaupt, für die Unabhängigkeit. Künstler, Schriftsteller, Entertainer trommeln für die Edinburgher Regionalregierung unter Ministerpräsident Alex Salmond. Warum das so ist? "Es scheint riskant zu sein, wenn man zum Nein-Lager zählt", analysiert der Autor Kenneth Roy, der die Onlineplattform Scottish Review leitet. "Skepsis wird nicht gutgeheißen."

Für die Union erhebt sich kaum eine Stimme. Der Musiker Bob Geldof und die Harry-Potter-Autorin Joanne Rowling sind die bekanntesten Ausnahmen. Die Schriftstellerin, eine überzeugte Schottin, wenn auch in England geboren und aufgewachsen, half der "Gemeinsam besser"-Kampagne mit einer Millionenspende und einer differenzierten Stellungnahme zugunsten der Union.

Übelste Beschimpfungen

Doch dafür musste sie sich aufs Übelste beschimpfen lassen - ein Schicksal, das auch anderen "auswärtigen" Künstlern wie dem Musiker David Bowie oder der Schauspielerin Judi Dench zuteilwurde, die sich für die Bewahrung der Union ausgesprochen hatten.

Die Separatisten im Kulturbereich haben eine Schirmorganisation gegründet, deren Name in deutschsprachigen Ohren befremdlich klingt: Nationales Kollektiv. "Es geht darum, jene bessere Gesellschaft aufzubauen, auf die wir hoffen", sagt Popsänger Aidan Moffat (Arab Strap, Lucky Pierre, The Reindeer Section). Vielleicht würde er von einem neuen Jerusalem reden, wenn das nicht schon durch William Blakes berühmtes Gedicht für England reklamiert wäre.

Von "wichtigtuerischem Agitprop", schrieb verärgert die rechte Intellektuellenpostille Spectator. Dummerweise erscheint sie in London, ist also aus Sicht der Separatisten ohnehin unberechtigt, sich an der Debatte zu beteiligen. Denn London vernachlässigt das Kulturleben nördlich des Hadrianswalls. Das glauben nicht nur Künstler und Autoren, sondern auch viele Kulturliebhaber.

Ignoriertes Kulturfestival

Jonathan Mills hat seine schottischen Freunde darin bestärkt: Acht Jahre lang leitete der Australier das Edinburgh International Festival. In diesem Sommer zählte es allein 877 Bühnenproduktionen. Und dennoch: In diesen acht Jahren habe die öffentlich-rechtliche BBC kein einziges Mal live aus der Usher Hall übertragen. Hingegen können britische Musikliebhaber jedes Jahr alle 60 Promenadekonzerte in Londons Royal Albert Hall live im Radio und teils auch im Fernsehen genießen.

Mills zur Londoner Times: "Immer wieder bringen Theater- oder Konzertveranstalter innovative, neue Produktionen in Schottland zur Aufführung. Aber erst wenn sie in London zu sehen sind, wird ihnen Bedeutung beigemessen."

Auf London zugeschnitten

Da schlägt der Australier in dieselbe Kerbe wie viele Briten, keineswegs nur schottischer Herkunft: Allzu viel ist auf der Insel auf die Metropole im Südosten zugeschnitten. Was Mills für die Produktionen aus dem hohen Norden beklagt, gilt gleichermaßen für Avantgardetheater aus Liverpool und Sheffield, für Musiktrends aus Newcastle oder Bristol.

Und wie die Medien, so auch die Politik: Kultur gilt vielen als suspekt. Den konservativen Premier David Cameron wird man meist vergeblich bei Kulturterminen suchen. Seit Gründung des Edinburgh Festival 1947 ist er der erste britische Regierungschef, der sich noch nie dort blicken ließ.

Über Kunst kenntnisreich und passioniert zu reden, das gilt unter Londoner Politikern als irgendwie uncool. Der letzte Premierminister mit entsprechendem Interesse war der versierte Hobbypianist Edward Heath, dessen Amtszeit vor 40 Jahren endete. Selbst Kulturminister müssen nicht unbedingt Ahnung haben: Der derzeitige Amtsinhaber Sajid Javid bekennt sich fröhlich zu seinem Banausentum.

Von Salmond hingegen weiß man, dass er gern Verse schottischer Lyriker zitiert oder sich begeistert mit Historikern über die korrekte Interpretation geschichtlicher Ereignisse streitet. Der Obernationalist spreche "überzeugend und nachvollziehbar über Schottlands Stellung in der Welt", kommentiert Mills. Na, da ist Konfetti nur recht und billig. (Sebastian Borger aus Edinburgh, DER STANDARD, 18.9.2014)

  • Musikerlegende Bob Geldof ist in der Minderheit: Auch wenn er vor hunderten Unionsbefürwortern auf dem Londoner Trafalgar Square spricht, so hat er doch fast seine ganze Kollegenschaft gegen sich.
    foto: ap / lefteris pitarakis

    Musikerlegende Bob Geldof ist in der Minderheit: Auch wenn er vor hunderten Unionsbefürwortern auf dem Londoner Trafalgar Square spricht, so hat er doch fast seine ganze Kollegenschaft gegen sich.

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