Kontroverse um Einsatz von US-Bodentruppen gegen "Islamischen Staat"

17. September 2014, 19:07
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Martin Dempsey, Chef des US-Generalstabs, hat Bodentruppen im Kampf gegen die IS ins Spiel gebracht

Es kommt nicht oft vor, dass das Weiße Haus Martin Dempsey zurückpfeifen muss. In aller Regel liefert der Stabschef der Streitkräfte Paradebeispiele rhetorischer Disziplin, ist er nicht bereit, auch nur einen Zentimeter abzuweichen von der verbalen Linie der Regierungszentrale. Obendrein symbolisiert er wie kaum ein anderer die Vorsicht einer Armee, deren Strategen nach den aufreibenden Feldzügen in Afghanistan und im Irak davor warnen, die erschöpften Soldaten zu überfordern, die Truppe zu überdehnen. Allein sein Mienenspiel, die Stirn meist in tiefe Sorgenfalten gelegt, wirkt wie eine Illustration akuter Kriegsmüdigkeit.

Nun aber lässt Barack Obama seinen Sprecher erklären, Dempsey stelle rein hypothetische Überlegungen an, wenn er erwäge, im Ringen mit der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) amerikanische Bodentruppen einzusetzen. Der Präsident werde keine Bodentruppen auf Kampfmission in den Irak oder aber nach Syrien beordern, sagt Josh Earnest. Es ist die Replik auf die Gedankenspiele des Generals, der bei einer Anhörung im Senat nichts ausschließen wollte. "Wenn wir an den Punkt kommen, wo ich glaube, unsere Berater sollten irakische Einheiten bei Angriffen gegen spezifische IS-Ziele begleiten, dann werde ich dies dem Präsidenten empfehlen", drechselte Dempsey einen Satz, mit dem er eine politische Lawine lostrat.

Hemmschwelle

Skeptische Demokraten sehen eine Hemmschwelle überschritten, ein Tabu gebrochen. Manche fürchten eine schleichende Eskalation. Was, wenn sich die irakische Armee, die sich den Fanatikern im Juni praktisch kampflos ergab, erneut nur als Papiertiger erweist? Sind dann die Amerikaner gefordert, die Kastanien aus dem Feuer zu holen? Muss das US-Kontingent, derzeit 1600 Mann in Bagdad und Erbil, immer weiter aufgestockt werden? Mit der Entsendung von Militärberatern, auch das erklärt die Heftigkeit der Bedenken, begab sich das Land einst auf die Rutschbahn, die geradewegs in den Sumpf des Vietnamkriegs führte.

Während John Kerry und Chuck Hagel, der Außen- und der Verteidigungsminister, auf Nahost- und Europareisen eine 40-Staaten-Koalition gegen die Glaubenskrieger zu zimmern versuchen, nimmt man in Washington ernüchtert zur Kenntnis, wie schwer sich speziell die Türkei und die arabische Welt mit konkreten Zusagen tun. "Handelt es sich um eine Pappmaché-Koalition oder um etwas Belastbares?", fragt Jon Tesler, ein Senator aus dem Rocky-Mountains-Staat Montana. Langsam zweifle er daran, dass die regionalen Spieler ähnliche Ressourcen in die Waagschale werfen wie die Vereinigten Staaten.

Auch Robert Gates, bis vor drei Jahren Chef des Pentagon, von Obama übernommen aus der Riege George W. Bushs, redet Tacheles. Man könne IS nicht besiegen, wenn man die Guerilla nur aus der Luft attackiere, wiederholt er die Meinung der Militärs. Doch statt einer großangelegten Offensive das Wort zu reden, empfiehlt Gates, ein Realpolitiker der alten republikanischen Schule, den Zweck der Mission bescheidener zu definieren. Die Miliz nicht nur zu schwächen, sondern sie zu zerstören, wie Obama es angepeilt hat, dürfte ein unerreichbares Ziel bleiben. "Ich glaube, der Präsident stellt sich selber eine Falle, indem er es ständig wiederholt."

Auf der anderen Seite fordern republikanische Hardliner das Oval Office auf, keine halben Dinge zu tun. Da er sich endlich durchgerungen habe zum Duell gegen IS, müsse er es auch bis zum Ende durchstehen, lautet der Tenor. Was überrascht, ist das Tempo, mit dem mancher Konservative ein Prinzip aufgibt, das lange – und zwar parteiübergreifend – sakrosankt schien: "No boots on the ground", keine amerikanischen Soldatenstiefel auf mittelöstlichem Terrain. Der Einsatz von Bodentruppen sei keine seriöse Option, hatte Lindsey Graham, ein Senatsveteran aus South Carolina, noch vor drei Monaten abgewiegelt. Heute sagt er: "Die Vorstellung, wir bräuchten keine Stiefel im Sand, um IS zu besiegen, ist pure Einbildung". (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 18.9.2014)

  • John Kerry lauscht den Ausführungen von Martin Dempsey. Nicht immer waren US-Außenminister und der Generalstabschef zuletzt einer Meinung.
    foto: ap / susan walsh

    John Kerry lauscht den Ausführungen von Martin Dempsey. Nicht immer waren US-Außenminister und der Generalstabschef zuletzt einer Meinung.

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