Von Tanz zu Tanz: Was den Wiener Kongress bewegte

Ansichtssache18. September 2014, 05:30
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Wien - Es war wohl die erste massive Vorform des Event-Tourismus. Es wurde erstmals eine Corporate Identity für einen ganzen Fuhrpark geschaffen. Und es war vor allem eines: Eine transportlogistische Leistung der Sonderklasse. Das ergaben die Forschungen, die Monica Kurzel-Runtscheiner schon seit Jahren für das heurige 200-Jahr-Jubiläum des Wiener Kongresses vorantrieb. Heute, Donnerstag, eröffnet die Direktorin der Kaiserlichen Wagenburg in Schönbrunn die Ausstellung Der Kongress fährt.

"Man muss sich diese Dimension wirklich vor Augen führen", erläutert Kurzel-Runtscheiner im Standard-Gespräch: "Wien war damals eine Stadt mit 250.000 Einwohnern. Die Menschen hatten gerade 20 Jahre Krieg hinter sich und zwei Besatzungen - und dann kommen mit einem Schlag 100.000 Menschen zum Wiener Kongress, 100.000 Menschen, die verpflegt, unterhalten und vor allem transportiert werden mussten." Erst dachte man, für sechs bis acht Wochen - doch dann dauerte der Wiener Kongress ganze neun Monate.

Zu große Reisekutschen

Das erste große Problem: All die Herrscher - Zar, Kaiser, Könige, Fürsten - sowie Diplomaten, Schaulustige, sie alle kamen in Reisekutschen, mit denen man sich in der beengten Innenstadt unmöglich fortbewegen konnte. Für die hunderten Kutschen wurde eine Remise vor den Stadttoren eingerichtet - und für die Innenstadt wurde binnen vier Wochen ein eigener Fuhrpark mit einheitlichen Farben und Verzierungen aus dem Boden gestampft.

170 zusätzliche Wagen wurden gebaut, 700 zusätzliche Pferde mussten im vom Krieg ausgemergelten Land aufgetrieben werden. Und so wusste dann auch jeder, dass die Fahrgäste dieser dunkelgrünen Kutschen Kongressteilnehmer waren, die Vorrang genossen. Und: Je reichhaltiger die Kutsche mit Gold verziert war - desto wichtiger war der Status.

40.000 registrierte Fahrten

Und sie waren viel unterwegs, diese Kutschen. Abend für Abend fanden bis zu fünf Veranstaltungen in der Stadt statt - die von Lobbyisten abgeklappert wurden. Allein in den offiziellen Listen finden sich 40.000 registrierte Fahrten während der Kongresszeit.

Die nächste Herausforderung: Mit Fortdauer des Kongresses gingen langsam, aber sicher die geplanten Festivitäten aus - und es mussten neue erfunden werden. Ein derartiger Höhepunkt war eine Schlittenfahrt durch die Stadt und nach Schönbrunn - von dieser winterlichen Prozession mit zwei Kaisern, zwei Königen und unzähligen Fürsten gingen die Berichte um die ganze Welt.

Ein Spitzelbericht

Nicht alle waren hingerissen: Der preußische König beschwerte sich, er fühle sich zur Schau gestellt - und ein Spitzel berichtete von diesem Ereignis, dass das schaulustige Volk ob der enormen Kosten zu murren begann. Einer dieser Prachtschlitten kann in der Ausstellung noch im Original bewundert werden.

Weitere Infos: Kaiserliche Wagenburg in Schönbrunn

foto: kunsthistorisches museum

Die offiziellen Kongresskutschen hatten alle die gleiche Farbe (Dunkelgrün) und im Straßenverkehr generell Vorrang.

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foto: kunsthistorisches museum

Je reichhaltiger die Wagen mit echtem Gold verziert waren, desto höher war der Rang der Person, die befördert wurde.

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foto: kunsthistorisches museum

Eine Pirutsche aus dem Kongress-Fuhrpark: Sie waren die Sportwagen ihrer Zeit. Diese war dem Kaiser Franz I. vorbehalten.

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foto: kunsthistorisches museum

Auch die Pferde - sechs bis acht pro Kutsche - waren je nach Rang opulent verziert.

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foto: kunsthistorisches museum

Auch ein Originalfahrzeug von der Schlittenfahrt in Wien und nach Schönbrunn ist in der Ausstellung zu sehen.

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foto: kunsthistorisches museum

Wie auch prachtvolle Gewänder. Hier das Ornat des französischen Heiliggeist-Ordens von Kaiser Franz I.

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