Netflix-Start: "Nicht länger Gefangene des Programms sein"

17. September 2014, 16:49
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Ein Drittel aller Haushalte in weniger als sieben Jahren: Das ist das Österreich-Ziel von Netflix-Gründer Reed Hastings. Heimisches ist in der Onlinevideothek vorerst nicht abrufbar. Dafür soll sich Piraterie bald von selbst erledigen. Ein massiver Markteinstieg

Wien - Am Mittwoch, Punkt sechs Uhr früh, hat auch in Österreich begonnen, was in den vergangenen Wochen vollmundig als "neues Zeitalter des Fernsehens" versprochen wurde: Netflix ist gestartet.

Der wunderbaren Welt des Glotzens sollen mit der Onlinevideothek fortan keine Grenzen mehr gesetzt sein: Jede Österreicherin, jeder Österreicher kann noch mehr als früher selbst bestimmen, wann wo was und auf welchem Gerät er oder sie schauen will.

Wie Netflix sich Fernsehen mit Netflix vorstellt, davon erhielten Medienvertreter einen Eindruck: Eine zur Wohnung umfunktionierten Suite im noblen Ritz Carlton spiegelte die geplante totale Durchdringung aller Lebensräume wider: Netflix im Wohnzimmer am Fernseher, im Büro am PC, in der Küche am Tablet, im Kinderzimmer als Spielkonsole, im Schlafzimmer auf Apple TV und Google Chromecast. Die personalisierte Benutzeroberfläche hält nach individuellem Sehergeschmack Ausschau. Nutzer können Filme und Serien auf Englisch und Deutsch mit und ohne Untertitel schauen. Sie sind über Facebook verbunden, können eigene Profile anlegen, das Gesehene teilen und werten. Ein Monat gratis, danach geht der Dienst in den Bezahlmodus über. Das Abo ist jederzeit kündbar. Massiver lässt sich der Wille zur Marktführerschaft kaum demonstrieren.

Technikaffine Österreicher

Entsprechend optimistisch zeigt sich Netflix-Gründer Reed Hastings im STANDARD-Gespräch: Er ist überzeugt, dass auch in Österreich genügend Menschen "nicht länger Gefangene des Programmschemas sein wollen."

In den USA verfügt nach sieben Jahren bereits ein Drittel aller Haushalte über ein Netflix-Abo. Sieben Jahre für ein Drittel der Haushalte plant er auch für Deutschland. In Österreich will er die Marke schneller schaffen: "Das österreichische Publikum ist technikaffiner", sagt Hastings. Kenner allerdings sind skeptisch, ob das schemagewohnte heimische Publikum ähnliche Einsatzbereitschaft bei der Wahl seines Fernsehkonsums zeigen wird.

Für 7,99 Euro im Monat kann man den Dienst auf einem Gerät in Standardauflösung nutzen, HD-Inhalte auf zwei Geräten gibt es um 8,99 Euro. 11,99 Euro ist der Zugriff von vier Devices wert, darunter auch mit Ultra-HD. Das Preis-Leistungs-Verhältnis scheint vorerst unschlagbar. Nur Sky liegt mit Snap beim Preis darunter.

Den Markteinstieg begleitet ein starker Werbeauftritt, sagt Content-Manager Ted Sarandos: Bei ProSiebenSat.1Puls4 etwa ist Netflix im vierten Quartal 2014 einer der größten Werbekunden: Noch einige Jahre werde die eigene Abrufplattform Maxxdome nicht so viel Gewinn einspielen, wie Netflix als Werbekunde bringen wird, erwartet Manager Markus Breitenecker.

Österreichisches fehlt - vorerst

Illegale Downloads seien da kein Problem, sagt Hunt: "In den Ländern, in denen Netflix aktiv ist, geht Piraterie zurück", sagt Hunt. "Wir bieten einen einfachen Zugang, niedrige Preise und gute Inhalte - ohne Viren oder andere Malware." Von Netzsperren hält man wenig. Sie könnten leicht mit technischen Hilfsmitteln umgangen werden.

Alle eigenen Serien werden in UHD gedreht, sagt Produktmanager Neil Hunt, darunter auch die dritte Staffel von "House of Cards". Dass just diese nicht auf Netflix, sondern beim Konkurrenten Sky läuft, ist für Hastings eine "Tragödie", der er freilich auch Gutes abgewinnen kann: "Jeder weiß, dass 'House of Cards' eine Netflix-Serie ist. Sky wirbt so für uns."

Österreichisches fehlt - vorerst, betont Sarandos. Aus Deutschland sind "Mord mit Aussicht", "Stromberg" und "Weissensee" dabei. Hastings schließt zudem nicht aus, dass Netflix irgendwann auch in Österreich produziert. Neues kommt hauptsächlich aus den USA: das Epos "Marco Polo", der "Breaking Bad"-Nachfolger "Better Call Saul", Marvel's "Daredevil", Jane Fonda und Lily Tomlin in "Grace and Frankie", Tom Tykwers "Sense 8" und ein noch titelloses Projekt mit Sissy Spacek. Aaron Paul in "Bojack Horseman" startete. In Frankreich entsteht "Marseille".

Mit dem Österreich-Start ist Netflix in 44 Ländern vertreten. In dieser Woche ging der Dienst in Frankreich und Deutschland on air, am Donnerstag startet Netflix in der Schweiz, am Freitag in Belgien. Als nächste Märkte steuert Hastings Süd- und Osteuropa an. (Doris Priesching, Markus Sulzbacher, DER STANDARD, 18.9.2014)

  • Bewarben Netflix in Wien: Gründer Reed Hastings, ....
    foto: apa/epa/herbert neubauer

    Bewarben Netflix in Wien: Gründer Reed Hastings, ....

  • ... Produktmanager Neil Hunt ...
    foto: hooke photo / netflix

    ... Produktmanager Neil Hunt ...

  • ... und Contentmanager Ted Sarandos.
    foto: netflix

    ... und Contentmanager Ted Sarandos.

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