Amsterdam räumt sein Rotlichtviertel auf

18. September 2014, 05:30
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Das berühmt-berüchtigte Viertel auf den Wallen soll entkriminalisiert und durch Restaurants und Kindergärten aufgewertet werden. Der Bürgermeister der Stadt betont dabei aber, dass die Prostitution nicht verboten werden soll

Amsterdam - "Quartier Putain", Hurenviertel, heißt das kleine Café gleich gegenüber der Oude Kerk, der alten Kirche in der Amsterdamer Altstadt. Es liegt mitten auf den Wallen - dem berühmten Rotlichtviertel, flankiert von einer Kindertagesstätte links und Prostituierten in Reizwäsche hinter Fenstern rechts. Dazwischen serviert Luc de Kok zusammen mit seinem Bruder Sahnetörtchen.

"Auch hinter unseren Fenstern standen vor kurzem noch leichtbekleidete Mädchen, aber die mussten verschwinden. Daraufhin konnten wir hier einziehen und haben alles renoviert", erzählt der junge Niederländer. "Mit den Prostituierten, die geblieben sind, verstehen wir uns gut, sie passen nachts auf unser Café auf, falls jemand einbrechen will. Tagsüber passen wir auf sie auf."

Platz für Cafés

Luc hat die Existenz seines Cafés den Stadtvätern von Amsterdam zu verdanken: Die haben 2008 auf den Wallen zu einer großen Aufräumaktion aufgerufen: 40 Prozent aller Fenster mit Prostituierten sollen verschwinden, Sexclubs und Coffeeshops müssen schließen. Prostituierte und Zuhälter, Dealer und Kiffer - alle machen Platz für Boutiquen, Ateliers, Cafés und Restaurants.

Von den 480 Rotlichtfenstern wurden bereits an die 100 geschlossen, weitere 100 sollen folgen. Die Stadt kauft die betreffenden Gebäude zusammen mit einer Wohnungsbaugesellschaft auf und lässt sie renovieren. "Auf diese Weise wollen wir das Rotlichtviertel aufwerten und entkriminalisieren", erklärt Bürgermeister Eberhard van der Laan.

Immerhin gehe es um den ältesten und malerischsten Teil von Amsterdam, der zu den größten Touristenattraktionen der Stadt zählt. Aber bereits 1995 hatte eine Untersuchung ergeben, dass auf den Wallen mindestens 16 kriminelle Banden agieren. Für Investoren war das Gebiet bis vor kurzem eine No-go-Area. "Zum Glück ändert sich das jetzt", so der Bürgermeister. "Es gab zu viele Bordelle, zu viele Fenster - und mit ihnen kriminelles Potenzial. Die Polizei hatte die Oberhand verloren. Das Viertel muss in Balance kommen."

Menschenhandel blüht

Für Entkriminalisierung hätte eigentlich die Legalisierung der Prostitution vor rund 15 Jahren sorgen sollen. Seitdem sind Prostituierte, Sexclubbesitzer und Fenstervermieter legale Unternehmer in der sogenannten Relaxbranche - vorausgesetzt, es geht um volljährige Frauen, die sich freiwillig prostituieren und aus der EU stammen. Doch schon zehn Jahre nach dieser Legalisierung ergab eine Untersuchung, dass Menschenhandel und Zwangsprostitution nach wie vor blühen: Minderjährige Prostituierte aus Nicht-EU-Ländern verschwanden unkontrollierbar auf dem Strich oder unerreichbar in illegalen Sexclubs.

Ein Schicksal, von dem in Amsterdam durch das Schließen der Fenster nun weitere Frauen betroffen sind. Denn damit verlieren sie ihren transparenten und dadurch relativ sicheren Arbeitsplatz. Überall an den Fenstern sieht man Protestschilder: "Hände weg von den Wallen!" steht etwa darauf. Die Frauen selbst geben sich zurückhaltend. Sobald sie ein Mikrofon oder eine Kamera sehen, ziehen sie die Vorhänge zu.

Bürgermeister: "Auf dem richtigen Weg"

Gesprächiger ist der 71-jährige Loek, der rund um den pittoresken Oudekerksplein Fenster vermietet. Tagsüber von neun bis 19 Uhr kosten sie 90 Euro, nachts von 19 Uhr abends bis sechs Uhr morgens 140 Euro. Doch mit diesem lukrativen Geschäft ist es bald vorbei: Auf dem Kirchplatz will die Stadt sämtliche Fenster schließen lassen. "Unerhört!", schimpft Loek: "Die sind doch gestört im Rathaus! Seit Menschengedenken gibt es hier auf dem Kirchplatz Huren!"

Bürgermeister van der Laan räumt ein, dass mit dem Lösen bestimmter Probleme neue entstehen können. Aber er betont: "Wir sind auf dem richtigen Weg." Der größte Teil der Bevölkerung stehe hinter ihm. Vorwürfe, die Toleranz und Liberalität der Stadt stünden auf dem Spiel, fegt er vom Tisch: "Wir wollen der Kriminalität einen Riegel vorschieben und nicht die Prostitution abschaffen! Amsterdam ist und bleibt die liberalste Stadt der Welt!" (Kerstin Schweighöfer aus Amsterdam, DER STANDARD, 18.9.2014)

  • Tausende Touristen besuchen das Rotlichtviertel in Amsterdam vor allem wegen der  Sexarbeiterinnen hinter den Fenstern und der Coffeeshops. Diese Dinge sollen  aber aus dem Viertel weichen und Platz für hippe Cafés und schöne Restaurants  machen.
    foto: ap photo/evert elzinga

    Tausende Touristen besuchen das Rotlichtviertel in Amsterdam vor allem wegen der Sexarbeiterinnen hinter den Fenstern und der Coffeeshops. Diese Dinge sollen aber aus dem Viertel weichen und Platz für hippe Cafés und schöne Restaurants machen.

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