"Kompromiss ist Grundprinzip von Meyers Intendanz"

Interview17. September 2014, 16:16
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Bertrand de Billy legte alle seine Dirigate an der Wiener Staatsoper zurück. Grund waren Probleme mit Direktor Dominique Meyer

Nach dem Rücktritt von Franz Welser-Möst als Generalmusikdirektor folgte am Dienstag eine nächste Überraschung: Auch Bertrand de Billy wird nicht mehr an der Staatsoper dirigieren, solange Dominique Meyer als Direktor aktiv ist. Im "Kurier" sprach er von "Unehrlichkeit und Illoyalität" von Seiten Meyers, dieser wiederum warf ihm mangelndes Vertrauen vor. In einem Interview mit derStandard.at gab De Billy Details zum Hintergrund seines Abgangs bekannt.

derStandard.at: Wann genau ist die Niederlegung Ihrer Dirigate bei Dominique Meyer erfolgt?

Bertrand De Billy: Mein Manager hat ihm im Juli bereits erklärt, dass ohne die bereits fix zugesagten Neuproduktionen die abgemachten Repertoirevorstellungen ohne die vereinbarte Grundlage wären. Anfang September wurde das auch schriftlich nachgereicht und von der Staatsoper umgehend bestätigt.

derStandard.at: Was genau meinen Sie mit "Unehrlichkeit und Illoyalität" von Dominique Meyer?

De Billy: Es gab für meine Bereitschaft die "Lohengrin"-Neuproduktion relativ kurzfristig zu übernehmen - und dafür eine Reihe anderer Verpflichtungen aufzugeben - klare Voraussetzungen. Diese hat Herr Meyer ohne Wenn und Aber akzeptiert; das wurde auch in einer Produktionsbesprechung in Anwesenheit des Regisseurs (Anm.: Andreas Homoki) so festgehalten und an alle Beteiligten schriftlich kommuniziert. Als der Regisseur von diesen Vereinbarungen während der Arbeit nichts mehr wissen wollte, hat sich Herr Meyer ausschließlich hinter ihn gestellt, als ob es nie irgendwelche Vereinbarungen gegeben hätte. Wenn er das heute versucht umzudrehen, leugnet er die Tatsachen und verdreht die Wahrheit! Wenn ausgerechnet er mir dann Illoyalität vorwirft, dann ist das - euphemistisch gesprochen - eine sehr selektive Wahrnehmung. Oder realistischer gesagt: entweder völlige Amnesie oder eine bewusste Verdrehung der Wahrheit. Beides ist für einen Direktor der Wiener Staatsoper eher ungünstig.

derStandard.at: Gab es ein Entgegenkommen von Seiten der Direktion?

De Billy: Es gab ein Entgegenkommen von mir, indem ich die "Faust"-Vorstellungen nach der "Lohengrin"-Produktion noch dirigiert habe. Das war allerdings ein Fehler.

derStandard.at: Ist alleinig Dominique Meyer für ihren Abgang ausschlaggebend gewesen?

De Billy: Für mich ist ausschließlich Herr Meyer ausschlaggebend! Wie ich aus einer Reaktion von Herr Meyer entnehme, ist offensichtlich der Kompromiss das Grundprinzip seiner Intendanz. Möglicherweise ist er da aber als Leiter eines Kunstinstitutes nicht ganz am richtigen Platz - hätte ich das früher gewusst, hätten wir uns wahrscheinlich alle viel erspart. (Lina Paulitsch, derStandard.at, 17.9.2014)

Bertrand De Billy ist ein französischer Dirigent und wurde 1965 in Paris geboren. Von 1996 bis 1998 war er erster Kapellmeister der Wiener Volksoper, von 2002 bis 2010 Chefdirigent des RSO Wien. Neben internationalen Engagements in New York, Berlin und Paris dirigierte er bei den Salzburger Festspielen und ab 1996 an der Wiener Staatsoper.

Nachlese

De Billy über Meyer: "Unehrlichkeit und Illoyalität"

  • Bertrand de Billy wird nicht mehr an der Staatsoper dirigieren, solange Dominique Meyer als Direktor aktiv ist.
    foto: reuters/herwig prammer

    Bertrand de Billy wird nicht mehr an der Staatsoper dirigieren, solange Dominique Meyer als Direktor aktiv ist.

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