Medientage: Von der Sehnsucht nach Nähe und der Suche nach neuen Modellen

17. September 2014, 14:14
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Wirtschaftlicher Erfolg mit unterschätzten lokalen und regionalen Medien - "Ich weiß nicht, ob die Verlagsbranche derzeit auf der Gewinnerseite ist"

Wien - Unterschätzte lokale und regionale Medien sowie Perspektiven eigentümergeführter Medienunternehmen standen im Fokus mehrerer Gesprächsrunden am zweiten Tag der Österreichischen Medientage in Wien. So berichtete Moser-Holding-Vorstandschef Hermann Petz, dass die 2009 von Moser und Styria gegründete Regionalmedien Austria AG (RMA) inzwischen auf 110 Millionen Euro Umsatz komme.

Für Petz eine Erfolgsgeschichte, die auch soziologisch begründet sei. "95 Prozent der Menschen verbringen 95 Prozent ihrer Zeit innerhalb eines Radius von 25 Kilometern." Lokale und regionale Medien lieferten dabei die entsprechende Information. "Wir sind wirtschaftlich erfolgreich unterwegs", ergänzte RMA-Vorstand Stefan Lassnig. Dies obwohl regionale und lokale Medien vor allem von Wien aus unterschätzt würden.

"Wir haben alle eine gewisse Sehnsucht nach Nähe", begründete Marcin Kotlowski, Geschäftsführer des Wiener Regional-TV-Senders W24, den Zuspruch für Regionalmedien. Vor kurzem habe man deshalb einen Verbund der größten Regionalsender gegründet, der schon jetzt über dem Businessplan liege.

Objektive Berichterstattung wesentlich

Dass Inhalte in regionalen Gratismedien leichter zu beeinflussen oder gar zu kaufen seien, wiesen die Medienmacher zurück. "Es wird den Gratiszeitungen einiges nachgesagt, bei uns gibt es aber eine saubere Trennung. Das ist eine Frage der Glaubwürdigkeit und des Überlebens", so Lassnig. Wünsche von Werbekunden oder seitens der Politik gebe es. Man stehe als Gesprächspartner zur Verfügung, aber es gebe Grenzen dort, wo es um den "journalistischen Kern" oder die Kennzeichnung nicht-redaktioneller Beiträge geht.

Objektive Berichterstattung sei auch für regionale Kaufmedien wesentlich und unerlässlich, sagte auch NÖN-Chef Harald Knabl. "Schließlich leben wir vom Lesermarkt." Unabhängiger Journalismus sei auf Lokalebene oft viel schwieriger, weil man die Leute, über die man berichtet, ständig trifft, gab Moser Holding-Vorstand Petz zu bedenken. "In unseren Medien gibt es jedenfalls keine Einflussnahme."

Uschi Pöttler-Fellner, Herausgeberin der "Bundesländerinnen", wies unterdessen auf die schwierige wirtschaftliche Lage der Medien hin: "Der wirtschaftliche Druck ist enorm geworden. Die Vermischung zwischen Redaktionellem und Werbung nimmt zu. Es wird immer schwieriger die Grenze zu halten." Die Folge: Kritischer Journalismus habe es zunehmend schwerer.

Kritik an Presseförderung

Lassnig, Knabl und Petz übten auch Kritik am derzeitigen System der Presseförderung. Diese sei "wettbewerbsverzerrend" und gehöre "dringendst reformiert", so Knabl. "Wir werden im Kreis geschickt, und am Ende wird es immer weniger", meinte Petz, der sich für eine deutliche Erhöhung der Medienförderung in Österreich aussprach. 50 Millionen Euro pro Jahr schweben Petz vor, und als Hauptkriterium für die Vergabe sollte künftig die Anzahl angestellter Journalisten herangezogen werden.

Druck auf die traditionellen Geschäftsmodelle der Medien ortete unterdessen "Standard"-Vorstand Alexander Mitteräcker. "Ich weiß nicht, ob die Verlagsbranche derzeit auf der Gewinnerseite ist", so Mitteräcker. Teile des Geschäftsmodells würden wegbrechen. So gelte es mit neuen Entwicklungen und Einnahmen erodierende Werbeumsätze zu ersetzen. Max Dasch junior von den "Salzburger Nachrichten" konnte noch keine Erholung auf dem Medienmarkt erkennen. "Die wirtschaftliche Flaute hält an", so Dasch. Werte und weitsichtiges Wirtschaften, wie es ein eigentümergeführtes Unternehmen wie die "SN" praktiziere, sei angesichts dieses Umfelds von Vorteil. Eugen B. Russ vom Vorarlberger Medienunternehmen Russmedia glaubt jedenfalls an die Zukunft von Qualitätsjournalismus - "auf welcher Plattform, da bin ich relativ agnostisch". (APA, 17.09.2014)

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