Digitaler Brückenschlag zwischen Jung und Alt

18. September 2014, 11:18
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Viele ältere Menschen haben das Internet noch nie genutzt, weil es ihnen viel zu kompliziert erscheint. Jugendliche wiederum verwenden digitale Geräte häufiger als ihre Zahnbürste. Was passiert, wenn man diese beiden Gruppen zusammenbringt?

Frau T. klingt am Telefon leicht verzweifelt: "Stell dir vor, ich habe gerade in meinem Ding nach den Bildern gesucht, die du mir gestern geschickt hast – sie sind auf einmal plötzlich weg. Habe ich etwas kaputtgemacht?" Bei dem "Ding" handelt es sich um ein Tablet, das ihr ihre Tochter vor einiger Zeit geschenkt hat – um ihr einerseits digitale Kommunikationsmöglichkeiten schmackhaft zu machen und andererseits sie geistig fit zu halten.

Die 79-jährige Dame schreibt mittlerweile eifrig E-Mails an ihre Enkel und andere Verwandte, googelt gelegentlich und kann an sie geschickte Fotos auf dem Gerät sichern. Der Rest aber ist ihr eher unheimlich – und verunsichert sie. Mit den fernmündlichen Anweisungen der Tochter fängt sie wenig an, deren genervter Unterton ist zudem nicht zu überhören.

So wie Frau T. geht es vielen Senioren, aber auch anderen Menschen, die in ihrem bisherigen Leben mit digitaler Technologie nicht viel zu tun hatten. Der Weg in die digitale Welt gleicht für sie einer Besteigung des Großglockners in Filzpatschen.

"Es geht oft um ganz kleine Dinge, an denen Menschen, die nicht damit aufgewachsen sind, bei der Nutzung von Computer und Internet scheitern", stellen Daniela Weinholtz und Kornelius Pešut vom Verein für Medienarbeit und Generationen (MuG) fest. Eine Erfahrung, die sie im Laufe ihrer mehrjährigen Tätigkeit als Trainer im "Internet-für-alle-Campus", einem Schulungsangebot für Nutzer und Nutzerinnen jeden Alters des österreichischen Mobilfunkbetreibers A1, gemacht haben.

Nachfrage nach leistbaren Einzelcoachings

Derartige Workshops würden zwar gern angenommen. Was aber verstärkt nachgefragt werde, seien leistbare Einzelcoachings. Um Menschen zu unterstützen, die aufgrund von sozioökonomischen Gründen, ihres Alters oder der Sprache keinen oder nur einen eingeschränkten Zugang zu digitalen Medien und deren Nutzung haben, haben die 34-jährige Medienpädagogin und der 31-jährige Mediendesigner deshalb das Projekt "qualitätszeit" ins Rollen gebracht.

Damit sollen zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden: Einerseits will man die digtiale Kluft in der Bevölkerung verringern, andererseits Brücken zwischen den Generationen schlagen. Interessierte Jugendliche sollen als "digitaler Coach" ausgebildet werden und Arbeitserfahrungen im Projekt sammeln können.

"Junge Menschen bringen oft ein quasi natürliches Verständnis für elektronische Medien mit", sagt Weinholtz. "Diese Dinge gehen ihnen leicht von der Hand." Das Gefühl, hier kompetent zu sein und für andere einen wertvollen Beitrag leisten zu können, soll ihr Selbstvertrauen stärken und ihnen helfen, einen Weg in die Berufswelt zu eröffnen.

In ein- bis zweitägigen Workshops, deren Inhalte gemeinsam mit der von der EU geförderten Initiative saferinternet.at erarbeitet werden, soll interessierten Jugendlichen unter anderem das nötige Verständnis für die Großelterngeneration vermittelt werden. Zum Beispiel, dass Ältere nicht schlechter, aber in einem langsameren Tempo lernen. Viele Kinder können solche Erfahrungen heute nur noch selten machen – die Großeltern wohnen zu weit weg oder sind noch berufstätig.

Vice versa soll das Projekt älteren Menschen einen anderen Blick auf die "Jugendlichen von heute" eröffnen als jenen, dass diese oft respektlos und desinteressiert seien – worüber übrigens schon Sokrates geklagt haben soll.

Aber billigen Ältere den jungen Menschen so einfach zu, kompetente Vermittler von Wissen sein zu können? "Das Fazit aus vielen Fachgesprächen und Tagungen lautet: Einer der wenigen Bereiche, in denen die ältere Generation Jugendliche als Experten und Expertinnen akzeptiert, ist der Bereich der neuen Medien", sagt dazu Pešut.

Im Sinne einer Win-win-Situation will das Projekt "qualitätszeit" für beide Gruppen eine niederschwellige Begegnungsmöglichkeit für technische Fragen eröffnen. Die Motivation der Entrepreneurs? "Auch wenn es kitschig klingt, aber das Internet ist ein Fenster zur Welt, das wir möglichst vielen Menschen öffnen helfen möchten", sagt Weinholtz. Die digitale Kluft sei auch in einem Land wie Österreich kein Mythos, betont sie. Ein Blick in die Statistik zeigt: Knapp 61 Prozent der Österreicher und Österreicherinnen im Alter zwischen 65 und 74 Jahren haben das Internet noch nie genutzt.

Barrierefreies Ladenlokal

Als passenden Rahmen stellen sich die beiden Projektverantwortlichen ein nettes, barrierefreies Ladenlokal vor, in dem in Kaffeehausatmosphäre gelernt – und miteinander gelacht – werden kann. Jeder Techniklaie soll hier dann vorbeikommen können, wenn er spezielle Fragen zu Laptops, Smartphones, Digitalkameras und anderen elektronischen Geräten hat oder sich Tipps zum Beispiel für die Erstellung eines Fotobuchs oder zum Skypen mit entfernt wohnenden Familienmitgliedern und Freunden holen möchte. Anfang kommenden Jahres hoffen Weinholtz und Pešut, mit ihrer Lernwerkstatt durchstarten zu können.

Kurze Beratungen sollen nach dem Motto "pay as you wish" abgegolten werden. Für Einzelcoachings und Hausbesuche, die bereits jetzt angeboten werden, werden 25 bzw. 35 Euro pro Stunde berechnet. Menschen mit kleinen Pensionen, Mindestsicherung oder Asylwerber sollen die Kurse zu Anerkennungsbeiträgen zur Verfügung gestellt werden.

Ein Preis, den das Team von "qualitätszeit" nur mit der Hilfe von Förderungen und Sponsoren offerieren kann. Eine Förderzusage vom österreichischen Bundesministerium für Familie und Jugend im Juli hat Weinholtz und Pešut Zuversicht verliehen, das Projekt zeitgerecht auf Schiene bringen zu können. Die Startkosten belaufen sich für ein Jahr auf etwa 120.000 Euro, haben sie berechnet. Was für manches Unternehmen ein Klacks ist, bedeutet "Top" oder "Flop" für ein Projekt, das der digitalen Kluft entgegenwirken und Generationen zusammenbringen will. (Karin Tzschentke, DER STANDARD, Österreich)

  • Im Projekt qualitaetszeit helfen zum digitalen Coach ausgebildete arbeitssuchende Jugendlichen Senioren beim Umgang mit Computer und Internet.
    foto: fritz harich

    Im Projekt qualitaetszeit helfen zum digitalen Coach ausgebildete arbeitssuchende Jugendlichen Senioren beim Umgang mit Computer und Internet.

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