Ein Tablet für Blinde

19. September 2014, 14:02
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Blinde Menschen können zwar dank technischer Hilfsmittel das Internet nutzen. Doch diese sind teuer und wenig mobil. Das Start-up Blitab Technology will das ändern und entwickelt ein Tablet, mit dem man digitale Inhalte in Brailleschrift ertasten und selbst schreiben kann

Als Kristina Tsvetanova im Abschlussjahr ihres Masterstudiums an der Technischen Universität in Sofia von einem neben ihr sitzenden Studienkollegen angesprochen wurde, ob sie für ihn die Onlineanmeldung für einen Kurs erledigen könnte, war sie zunächst ein wenig überrascht über dessen Bitte. Denn schließlich sollte der Umgang mit Computer und Internet heutzutage für einen Studenten eine Selbstverständlichkeit sein. Erst dann realisierte sie, dass der junge Mann neben ihr blind war.

"Ich begriff erstmals, wie intensiv wir mittlerweile mit Technologien kommunizieren und arbeiten, die Bevölkerungsgruppen wie etwa Blinden nur eingeschränkt zur Verfügung stehen", sagt die heute 25-jährige Wirtschaftsingenieurin dem STANDARD.

Zwar gibt es technische Werkzeuge wie Bildschirmlese- und Vergrößerungsprogramme, elektronische Lese- und Eingabezeilen für die Blindenschrift Braille oder synthetische Sprachausgaben, die elektronische Informationen in Hörbares übersetzen. Abgesehen von den hohen Kosten, sind diese Hilfsmittel aber eher unhandlich im Gebrauch. Die Nutzung trendiger, leicht portabler Tablets ist Blinden bisher nur eingeschränkt möglich.

Die Begegnung mit dem blinden Kommilitonen war für Tsvetanova der Trigger, der schließlich in das herausfordernde Projekt mündete, ein Tablet für blinde und sehbeeinträchtige Menschen zu entwickeln. Ende des Jahres sollen die wesentlichen Schritte dafür abgeschlossen sein und der erste Prototyp des "Blitab" vorgestellt werden.

Die Patentanmeldungen für das spezielle Tablet, das unter dem Arbeitstitel Green Vision bereits mehrere Innovations- und Social-Impact-Preise einsammeln konnte, sind im Laufen. Um sich vor Nachahmern zu schützen, gibt Projektleiterin Tsvetanova nur wenige technische Details zu dem Gerät preis, das von ihr gemeinsam mit ihrem Freund Slavi und dessen jüngerem Bruder Stanislav Slavev (beide Experten im Software- und 3-D-Design-Bereich) konstruiert wird.

Ähnlich wie Knöpfe

Doch so viel verrät sie: Mit einer neuentwickelten Bildschirmtechnologie können glatte Oberflächen haptisch wahrgenommen werden. Dabei bilden sich auf der Oberfläche kleine physische Zylinder, ähnlich wie Knöpfe oder Bläschen, die den angesteuerten digitalen Inhalt in Blindenschrift darstellen. Beteiligt an dem Prozess ist eine Braille-Konvertierungssoftware, die Teil des Geräts ist.

Die Eingabe von Texten soll durch eine integrierte Perkins-Style-Tastatur, mit der Braille geschrieben werden kann, möglich sein. Der Corpus für das Zehn- bis Elf-Zoll-Gerät soll aus 60 Prozent recyceltem Aluminium bestehen. Als Energiespeicher sollen Zink-Luft-Batterien zum Einsatz kommen.

Anfang 2014 sind Tsvetanova und die beiden Slavev-Brüder von ihrem Heimatland Bulgarien in die österreichische Hauptstadt Wien gezogen, ins "Herz Europas". Nur mit ein paar Koffern und ihrem Ersparten. Weil es hier einfach bessere Voraussetzungen für ein Start-up gebe, wie sie erzählt.

Zunächst arbeiteten sie als Berater bei großen Unternehmen. In ihrer Freizeit werkten sie unermüdlich an ihrem Tablet-Projekt weiter und mussten dabei Sprach- und emotionale Barrieren überwinden lernen. "Wir wollten herausfinden, ob wir uns mit unserer Entwicklung auch tatsächlich auf dem richtigen Weg befinden und nicht an den Bedürfnissen der Zielgruppe, also den Blinden, vorbeiarbeiteten", berichtet Tsvetanova. Doch wie kommen Menschen aus Bulgarien in Wien mit blinden Mensch in Kontakt?

Es war Zufall, gepaart mit Mut, als sie eines Tages einen jungen Mann mit einem weißen Blindenstock an einer Haltestelle aus einer Straßenbahn aussteigen sahen und diesen ansprachen. Es handelte sich dabei um den 18-jährigen Maturanten Gerhard. Er erklärte sich daraufhin gern bereit, ein 3-D-Modell zu befühlen, ob sich etwa die Punktmuster der Braille-Schrift in leicht ertastbaren Abstände befänden. Der erblindete junge Mann gehört inzwischen ebenso zu den Unterstützern des Blitab-Projekts wie die Hilfgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen in Österreich.

Nachdem sie ihr Projekt bei einigen Wettbewerben eingereicht hatten, erregte es schnell große Aufmerksamkeit. Dank der Preisgelder, mit denen ihre Idee mittlerweile schon honoriert wurde, sowie der staatlichen Förderungen, konnten die jungen Wahlwiener inzwischen ihre Jobs kündigen, um sich voll auf die Entwicklung eines funktionsfähigen Geräts zu konzentrieren.

Großes Potenzial

Das Potenzial für ein derartiges Tablet scheint groß. Laut WHO-Zahlen von 2013 leben auf dieser Welt 39,8 Millionen blinde und 285,3 Millionen sehbehinderte Menschen. 20 Prozent davon beherrschen das 1825 von dem Franzosen Louis Braille entwickelte Punktschriftsystem. In jüngster Zeit kursieren Befürchtungen, dass sprechende Lesegeräte und dynamische Displays das Erlernen der Schrift unattraktiv werden lassen könnte.

Doch die Kenntnis der Brailleschrift sind eine wichtige Voraussetzung für die berufliche Integration blinder Menschen. Auch findet man die Brailleschrift inzwischen auf Medikamenten, einzelnen Lebensmitteln und endlich auch im öffentlichen Raum, beispielsweise in Aufzügen und auf Tafeln. Dadurch können sich Blinde in der Öffentlichkeit orientieren. Zusätzlich sind Kennzeichnungen in erhabener Schwarzschrift (in Ämtern, Bahnhöfen etc.) und die Verlegung von Leitlinien, die Einrichtung von Blindenampeln sowie die Vermeidung von unnötigen Hindernissen für die Selbstständigkeit der Blinden und Sehbehinderten entscheidend.

Die Jungunternehmer rechnen damit, bis Ende des Jahres einen marktfähigen Prototyp fertig zu haben. Dann wollen sie sich nach Investoren umsehen, um mit dem Blitab in Serie gehen zu können. Als Größenordnung für einen vorstellbaren Verkaufspreis des Geräts nennt Tsvetanova "so um die 2000 Euro". Um das Produkt dann ständig verbessern zu können, soll es Blindenhilfsgemeinschaften und in Bibliotheken zu Testzwecks zur Verfügung gestellt werden.

Dass der Erwartungsdruck mit jeder Auszeichnung und jedem Medienbericht steigt, ist Tsvetanova bewusst: "Doch das ist eine noch höhere Motivation, es auch zu schaffen." (Karin Tzschentke, DER STANDARD, Österreich)

  • Tablet hilft Blinden, das Internet zu ertasten. Im Bild: Slavi Slavev und Kristina Tsvetanova.
    foto: standard/hendrich

    Tablet hilft Blinden, das Internet zu ertasten. Im Bild: Slavi Slavev und Kristina Tsvetanova.

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