Das neue Leben der Bettlerinnen von Bali

19. September 2014, 14:37
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Lange Zeit zogen die Frauen von Muntigunung mit ihren Kindern in die Touristenzentren Balis, um zu betteln. Nun hat die Richtung geändert: Die ehemaligen Bettlerinnen führen Touristen auf einer Trekking-Tour in ihre Dörfer

Ein typischer Banker war Daniel Elber nie. Er führte zwar bei einer Zürcher Großbank mehr als 1200 Mitarbeiter, doch stieg er immer wieder eine Weile aus: zu Fuß über die Anden, Borneo, Tibet. Doch als der 52-Jährige vor zehn Jahren entschied, in Bali ein neues Leben anzufangen, erstaunte das seine Freunde trotzdem.

Dahinter steckte eine Frau: Ketut. Daniel Elber wurde auf Ketut und ihre Tochter Komang aufmerksam, als er von Muntigunung im Norden Balis über die Berge Richtung Batursee joggte. Tags zuvor hatte er sie und andere Bettlerinnen in den Strassen Ubuds gesehen. Nun kehrten sie mit ein wenig Geld und einem Sack Reis in ihr Dorf zurück. Die Begegnung liess Daniel Elber keine Ruhe. Er fragte sich: Warum müssen Frauen in einem Paradies auf Erden betteln? Mitten in blühender Natur, rundum boomt der Tourismus? "Das passt einfach nicht zusammen".

Elber ging der Sache nach und erfuhr, dass die Bettlerinnen aus den 36 Weilern in Muntigunung stammten und es für ihre Familien in diesem wasserarmen Gebiet kein Auskommen gab. Er fragte sich: Was könnten diese Frauen stattdessen tun? Damit kommt eine andere Frau ins Spiel: Karin Vogt. Die Marketing-Fachfrau hatte eben den europäischen Markteintritt einer grossen US-Kaffeekette gemanagt und besuchte Elber in Bali. Sie sagt: "Die Idee ist simpel. Wir ändern die Richtung." Statt dass die Frauen von ihren Dörfern in die Touristenzentren zum Betteln reisen, begleiten sie Touristen aus den Zentren in ihre Dörfer. Das war der Anfang von Muntigunung-Trekking.

Mittlerweile arbeiten fünfzig Frauen aus Muntigunung Teilzeit als Führerinnen. Sie begleiten Touristen auf einer Tagestour auf Trampelpfaden zu ihren Dörfern. Die Tour kostet knapp achtzig Franken. Ein Teil davon fließt direkt an die ehemaligen Bettlerinnen und in ihre Dörfer. "Anfangs wagten sie den Touristen kaum in die Augen zu schauen", erzählt Karin Vogt. Das hat sich mittlerweile geändert. Die Frauen sprechen mit den Fremden ein paar Brocken Englisch und zeigen ihnen stolz, was aus ihren Dörfern geworden ist.

Denn in Muntigunung ist eine neue Zeit angebrochen, und das Trekking ist das Scharnier, das unterschiedliche Hilfsprojekte verbindet. Unterdessen wurde in der Schweiz der von der massgeblichen Stiftung Zewo zertifizierte Verein "Zukunft für Kinder" gegründet, dessen Präsident Fritz Lienhard ist. Der Vorstand definierte Strategien, um die Armut in Muntigunung zu bekämpfen.

Erstens – Wasser. Diese Gegend ist während neun Monaten im Jahr so trocken, dass viele Frauen mehrere Stunden im Tag unterwegs waren, um vom Batursee oder von der Küste her Wasser zu holen. Das Ziel: täglich 25 Liter Wasser pro Kopf. So errichtete man zusammen mit den Dorfbewohnern grosse Wassertanks und Dächer, die den Regen in darunter liegenden Zisternen sammeln.

"Wir machen Schritt für Schritt", sagt Fritz Lienhard. Meilenschritt für Meilenschritt: Bereits haben 17 der 36 Dörfer eine Wasserversorgung – und die Frauen, die nicht mehr Wasser schleppen müssen, freie Zeit. Damit sind sie fit für die zweite Stufe. Ziel: Ein Einkommen von monatlich 120 Dollar pro Familie. Für die 5.500 Einwohner braucht es etwa tausend Arbeitsplätze.

Elber und sein Team suchten Produkte, welche die Dorfbewohner mit einheimischen Materialien fertigen können. Tee aus Hibiskusblüten, geröstete Cashewnüsse, geflochtene Körbchen, seit kurzem werden Hängematten gewoben. Und die Produkte brauchen Abnehmer. Elber konnte die in der Bali Hotel Association vereinigten Spitzenhotels dafür gewinnen, diese Produkte zu kaufen und ihren Gästen anzubieten. Zwischenbilanz: 220 Arbeitsplätze.

Und all das passt fast wundersam zusammen. Karin Vogt sagt: "Wenn die Gäste auf den Touren hautnah erleben, unter welchen Bedingungen die Menschen in dieser Region leben, werden sie ein Teil unseres Projekt." Und da sie nicht nur das Problem, sondern auch einen Ausweg sehen, wird das Trekking zum besten Werbeträger für das Entwicklungsprojekt Muntigunung. Karin Vogt ist überzeugt, dass das Modell Munigunung-Trekking sich bestens auch auf andere Regionen übertragen ließe. "Wo neben reichen Touristenzentren Menschen in großer Armut leben, können solche Brücken geschlagen werden." Das Projekt hat mittlerweile international von sich sprechen gemacht. So wurde es mit dem Eco Tourismuspreis der SKAL ausgezeichnet, einem weltweiten Netzwerk für verantwortungsvollen Tourismus.

Mittlerweile hat der Verein "Zukunft für Kinder" das Trekking als eigenständige Firma einem Einheimischen übergeben. Projektleiter Pande Ketut Pica sagt: "Ich bin sehr glücklich, dieses Unternehmen zu führen, weil die Frauen von Muntigunung damit ihr Leben ändern können." Aber auch, weil er den Gästen zeigen könne, wie schön diese noch weitgehend unberührte Landschaft sei.

Und was ist aus Ketut und Komang geworden? Ketut führt regelmäßig Touristen in ihr Dorf, wo aus den Blättern der Lontarpalme Körbchen geflochten werden. Sie ist stolz, dass sie für ihr Geld arbeiten kann. Damit sei sie ihrer Tochter ein gutes Vorbild. Komang geht in die Schule – Teil des jüngsten Projekts des Vereins "Zukunft für Kinder". (Helene Arnet, Tagesanzeiger, Schweiz)

  • Farmer auf dem Weg zurück in ihr Dorf.
    foto: karin vogt (verein zukunft für kinder)

    Farmer auf dem Weg zurück in ihr Dorf.

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