Äthiopien: Am Fluss der Völker im Omo-Tal

18. September 2014, 17:21
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Nirgendwo sonst leben so viele Kulturen auf so engem Raum wie im Omo-Tal in Äthiopien. Reisende aus aller Welt kommen dorthin, doch sie haben Schwierigkeiten, mit diesem Reichtum umzugehen

Addis Abeba bedeutet "Neue Blume". Und Äthiopiens Hauptstadt ist tatsächlich neu. Kaiser Menilek II. gründete sie erst vor 125 Jahren. Doch schön und duftend wie eine Blume ist die Metropole, die von ihren Bewohnern meist nur Addis genannt wird, nicht überall.

"Unter Kaiser Haile Selassie war Addis noch schön. Aber jetzt bauen sie hier überall diese Wolkenkratzer und vergessen ihr Erbe, ihre Kultur, ihre Geschichte. Aber auf mich hört ja keiner." Fekade Selassie Bezabeh ist eigentlich ein besonnener Mann. Aber wenn es darum geht, was man mit "seinem" Addis macht, wird der Bauingenieur, Maler und Universalgelehrte böse. Vielleicht, weil er weiß, dass es "sein" Addis bald nicht mehr geben wird.

foto: ken hermann
Eine Karo-Frau am Omo-Fluss im südlichen Äthiopien. Das Volk der Karo ist mit einer geschätzten Zahl von nur 1.000 bis 3.000 Angehörigen verhältnismäßig klein.

Bezabeh sitzt im Café Ras Mekonnen in Piazza, dem alten Stadtzentrum, tief über ein Notizbuch gebeugt. Was er da aufschreibt? "Die Geschichte Addis Abebas", antwortet er. Es gibt wohl kaum ein Volk, das von Geschichte so besessen ist, wie die Äthiopier. Das Land ist der älteste durchgehend unabhängige und heute noch bestehende Staat Afrikas und einer der ältesten der Welt. Äthiopien wurde mit Ausnahme der Besetzung durch Mussolinis Truppen von 1935 bis 1941 als einziges afrikanisches Land nie kolonialisiert, darauf ist das Volk sehr stolz. In den Augen vieler Äthiopier haben andere Völker demnach nur eine Vergangenheit, sie selbst hingegen haben eine Geschichte. Und Geschichte, das sind Geschichten, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Oft mündlich. Immer noch.

Die gute, alte Zeit

Nachdem Bezabeh auf Englisch ein bisschen über Geschichte philosophiert hat, sagt er plötzlich: "Wir können auch Deutsch sprechen, wenn Sie möchten." Als Haile Selassie der letzte Kaiser Äthiopiens war, besuchte der Hobbyhistoriker sechs Jahre lang die deutsche Schule in der äthiopischen Hauptstadt. Das ist ungefähr vierzig Jahre her, doch der Mann mit dem Notizbuch lebt gern in der Erinnerung, in der Vergangenheit. "Die Lehrer hießen Frau Hämele, Herr Maschmeyer, Herr Büsner, Herr Becker", sprudelt es fast akzentfrei aus dem Mann heraus, der nie in einem deutschsprachigen Land war. Schon lange hat ihn niemand mehr nach der guten, alten Zeit gefragt.

Seit wann es das Café, in dem er die Geschichte Addis Abebas aufschreibt, gibt, weiß der Monarchist genau, wie alt er selbst ist, weiß er nicht auswendig. Nicht so wichtig. Wenn es jemand dennoch wissen möchte, holt er einen kleinen Taschenrechner aus der Hosentasche und rechnet es aus: 51 Jahre. Ein knappes halbes Jahrhundert Erinnerungen.

Wiege der Menschheit

600 Kilometer südöstlich von Addis, in Jinka, würde Bezabehs Taschenrechner vermutlich heiß laufen. Die Marktstadt Jinka ist das Tor zu einer der ältesten Weltgegenden, zum unteren Omo-Tal, das oft als die "Wiege der Menschheit" bezeichnet wird. Hier wurden die Fossilien Omo 1 und Omo 2 gefunden, die dem frühen anatomisch modernen Menschen, dem Homo sapiens, zugeschrieben werden und mit bis zu 195.000 Jahren zu den ältesten Funden ihrer Art zählen.

Der 760 Kilometer lange und erst 1896 kartierte Omo-Fluss entspringt in Nek’emte, 300 Kilometer westlich von Addis in 2400 Metern Höhe. Durch tosende Stromschnellen und über donnernde Wasserfälle fließt er Richtung Süden, gen Kenia. Bevor er wenige Kilometer vor der Grenze auf 375 Metern Höhe in den Turkana-See mündet, wird aus dem in seiner Jugend ungestümen Fluss ein breiter, brauner und träger Strom. Im schlammigen Wasser des Unterlaufs leben Nilpferde, die sich farblich kaum vom Wasser abheben, an den sandigen Stränden liegen Krokodile mit weit aufgesperrten Mäulern faul in der Sonne. Wenn Vögel ihnen die Zähne reinigen, sind die Tiere meist satt und lahm.

foto: ken hermann
Eine junge Frau vom Volk der Mursi. Für die Formung von Tellerlippen, einem Schönheitsideal, bekommen sie von älteren Frauen Tonteller eingesetzt. Auf dieselbe Art werden häufig die Ohrläppchen verziert.

Doch wenn nur ihre wachen Augen aus dem Wasser des Omo lugen, sind sie oft hungrig und angriffslustig. Die Menschen an den Ufern wissen das. Doch manchmal siegt die brütende Hitze über die kühle Vernunft. Kurz, nur ganz kurz soll die Abkühlung sein. Es wird schon gut gehen. Nicht immer geht es gut. In jedem Dorf am Omo können die Menschen davon Geschichten erzählen, in jedem Dorf am Omo gehen sie doch wieder ins Wasser.

"Museum der Völker"

Der Unterlauf des Omo ist nicht nur für seine Tiere, sondern hauptsächlich für seine Menschen bekannt. Nirgendwo auf der Welt leben so viele verschiedene Völker mit so unterschiedlichen Kulturen auf so engem Raum zusammen. 220.000 Menschen, sechzehn Ethnien, darunter die Kara, Dassanetch, Arbore, Bodi, Mursi, Surma und Hamar. Sie sind Jäger und Sammler, Halbnomaden und sesshafte Bauern. Viele von ihnen leben noch fast wie vor Tausenden von Jahren. Auch mit Blick auf das Omo-Tal bezeichnete der italienische Historiker Carlo Conti Rossini Äthiopien 1937 als ein "Museum der Völker".

Mehr als 75 Jahre später ist die abgeschiedene Region immer noch ein riesiges Freiluftlabor für Ethnologen. 1980 erklärte die Unesco das untere Omo-Tal zum Weltkulturerbe, doch das Erbe ist in Gefahr. Hier entsteht mit dem Gibe-III-Staudamm einer der größten Dämme der Welt. Mit seinen 243 Metern Höhe ist er bereits der größte in Afrika.

Verstörende Menschensafari

Der Damm soll nach seiner Fertigstellung genug Strom liefern, um den steigenden Energiebedarf in Äthiopien zu decken. Zusätzlich könnten Plantagen ausländischer Investoren das Leben am Fluss schon bald für immer ändern, die kulturelle Vielfalt an den Ufern auslöschen. Doch noch kommen Menschen aus aller Welt ins "Museum der Völker". Allerdings erleben manche den Trip nicht als einen lehrreichen Besuch im Museum, sondern als eine teilweise verstörende Menschensafari.

Die Mursi sind auf dieser Safari die größte Attraktion, sie sind der Inbegriff dessen, was sich viele Reisende noch immer unter dem "exotischen, afrikanischen Eingeborenen" vorstellen. Um Fotos der Mursi mit zurück in ihre Zivilisation zu nehmen, sind sie bereit, viel Geld zu zahlen. Der Reisende als Voyeur. Viele Mursi machen mit bei diesem Geschäft, das sich für beide Seiten oft falsch anfühlt.

Schönheitsideal

Die Grundlage für das unwürdige Geschäft sind die Lippen der Mursi-Frauen oder, besser gesagt, die "dhebi" genannten Lippenteller aus Ton. In der Pubertät durchtrennt eine Frau den Mädchen des Stammes mit einer scharfen Klinge die Haut unterhalb der Unterlippe. Mit einem Stöckchen wird die Wunde offen gehalten. Sind die Narben verheilt, wird ein kleiner Teller, den die Mädchen oft selbst getöpfert haben, in den Schlitz zwischen Kinn und Lippe eingesetzt und dehnt so die Haut.

foto: ken hermann
Auch wenn sich als Fotomotiv schneller Geld verdienen lässt, arbeiten die meisten Mursi immer noch als Bauern.

Ist sie nach einigen Wochen nicht mehr zum Zerreißen gespannt, kommt ein größerer Teller, dann ein noch größerer, schließlich haben die Tonplatten einen Durchmesser von oft mehr als 15 Zentimeter. Nehmen die Frauen die Platte raus, schlabbert die vernarbte Unterlippe oft bis weit über das Kinn. Älteren Frauen wird der Hautwulst manchmal so lästig, dass sie ihn einfach abschneiden. Noch immer kursiert die Sage, dass die Mursi das tun, um die Frauen für andere Männer möglichst unattraktiv zu machen, sie so vor Raub und Entführung zu schützen. Das ist ausgemachter Blödsinn. Das Gegenteil ist der Fall. Bei den Mursi ist der möglichst große Lippenteller ein Schönheitsideal - und mittlerweile eine wichtige Einnahmequelle.

"Picture, picture! Me, me!"

In der Trockenzeit spucken fast täglich Geländewagen weiße Touristen in den von oftmals windigen äthiopischen Reiseveranstaltern als "authentische Mursi-Dörfer" auserkorenen Hüttensiedlungen aus. Dabei sind gerade diese Dörfer oft nicht mehr besonders authentisch, sondern nur am einfachsten zu erreichen. Sofort umringen mit weißem Kalk bemalte Männer und barbusige Frauen und Mädchen, die sich noch schnell den Lippenteller einsetzen, die mit Kameras behängten Besucher.

"Picture, picture! Me, me!" schallt es den Touristen dann im Chor entgegen. Für jede Aufnahme werden fünf bis zehn Birr fällig, umgerechnet zwanzig bis vierzig Cent. Jeder Klick ein Schein. Bevor es dunkel wird, sind die Touristen mit vollen Kamera-Speicherkarten wieder weg. Denn abends haben die meisten Mursi keine Lust mehr zu posieren. Ein Teil des Geldes, das die Tellerlippenfotos eingebracht haben, wird dann ohne Tonteller im Mund versoffen. Doch den größten Teil dessen, was die Touristen für die Fotosafari zahlen, streichen Reiseveranstalter in Addis ein.

Prachtwaggons erinnern Kaiser Haile Selassie

Auch wenn sich als Fotomotiv schneller Geld verdienen lässt, arbeiten die meisten Mursi immer noch als Bauern. Nachdem der in der Regenzeit angeschwollene Omo die Ufer mit fruchtbarem Schlick überschwemmt hat, bauen sie dort Sorghum und Mais an. Regnet es nicht, bleibt die Ernte aus, doch die Mursi haben noch ihre Rinder, die ihnen Milch, Blut und Fleisch liefern. Das Leben am Fluss war stets hart, aber lange ausschließlich von den Gesetzen der Natur und den Mursi selbst bestimmt. Doch jetzt führen bessere Straßen und Pisten zu den Menschen mit den Tellerlippen.

Im Café Ras Mekonnen in Addis macht Fekade Selassie Bezabeh derweil Notizen über eine Moderne, die schon längst Geschichte ist. Ganz unten, am Ende der breiten Churchill Avenue, liegt der erst 90 Jahre alte Bahnhof. Von hier ist noch nie ein Zug ins Omo-Tal gefahren, zwischen den Gleisen grasen Schafe. Nur die Prachtwaggons, mit denen Kaiser Haile Selassie sein Reich bereiste, erinnern an Zeiten, über die Bezabeh so gerne spricht. (Philipp Hedemann, Rondo, DER STANDARD, 19.09.2014)

Der Autor lebt und arbeitet derzeit als freier Journalist in Berlin. Davor verbrachte er dreieinhalb Jahre in Äthiopien, von wo aus er als Afrikakorrespondent aus mehr als 20 Staaten berichtete. Zuletzt ist von ihm erschienen: "Philipp Hedemann: Der Mann, der den Tod auslacht. Begegnungen auf meinen Reisen durch Äthiopien". DuMont, € 14,99

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Info

Reiseland Äthiopien

Äthiopien steht als Reiseland vor einem Boom. Seit Juni 2014 gibt es einen Direktflug von Wien nach Addis Abeba mit Ethiopian Airlines, und immer mehr heimische Veranstalter bieten nun Reisen in das Land an. Auch auf der Publikumsmesse "Reise-Salon 2014" von 17. 10. bis 19. 10. wird Äthiopien einen der Schwerpunkte darstellen.

Der Fotograf Ken Hermann

Die Fotos zu diesem Text stammen aus dem Bildband "Im Tal des Omo. Die Wiege der Menschheit", Edition Panorama, der Ende Oktober 2014 erscheint. Hier geht's zur Kurzrezension.

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