Medientage: Das Internet ist eine fiese Katze

17. September 2014, 12:19
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Netzdenker Sascha Lobo zeichnet das apokalyptische Bild eines vernetzten "Plattformkapitalismus", der auf Überwachung, Kontrolle und Beeinflussung der User setzt

Wien - Die Online-Gesellschaft braucht eine neue "Ethik der Vernetzung". Dies forderte der Netz-Denker Sascha Lobo am Mittwoch bei den Medientagen in Wien. Das Internet ist "kaputt", so seine Diagnose. Schuld sind Überwachung und Kontrolle im neuen "Plattformkapitalismus".

Die User werden belauert, meint der Deutsche mit der markanten Irokesenfrisur, wie die Maus von der Katze. Und so wie die Katze die Fluchtbewegungen der Maus erfolgreich antizipiere, arbeite das Netz daran, jeden Schritt des Users vorauszusehen und zu kontrollieren. Dies sei der eigentliche Mehrwert in der Netzökonomie.

Grundlage dafür ist exzessive Datensammlung. "Patterns of Life", also "Lebensmuster", bilden die Grundlage, gemeinsam mit Konsumdaten: "Ich fürchte, Werbung hat sich in eine Überwachungsdisziplin verwandelt", so der Ex-Werber. Und beides gäben die User bereitwillig selber Preis: Nicht umsonst ermöglichten Shopping-Giganten wie Amazon das "Sharen" von jüngst getätigten Einkäufen.

"Sharen" als Grundpfeiler des "Plattformkapitalismus"

Überhaupt, das "Sharen", also "Teilen": Es ist nach Ansicht Lobos ein Grundpfeiler eines neuen "Plattformkapitalismus". Das Angebot könne von jedem kommen - etwa via Plattformen wie AirBnB oder Uber. Die Nachfrage werde "versteigert". Dies entwerte letztendlich den Faktor Arbeit: "Überall dort, wo Arbeit geleistet wird, taugt der Plattformkapitalismus gut, um mit dem Angebot der Amateure die Preise der Profis zu drücken."

Überwachung und Kontrolle seien aber nicht das Ende der Fahnenstange, glaubt Lobo, der seine apokalyptischen Thesen mit einem Hauch heiterer Gelassenheit präsentierte. Die Beeinflussung des Userverhaltens als nächster Schritt sei bereits Realität. Als Beispiel diente ihm der Fahrstil-Monitor des Mietwagen-Unternehmens Car2Go ebenso wie eine elektrische Zahnbürste, die permanent mit einer App verbunden wird.

Nur eine Frage der Zeit, bis da die Krankenkassen auf die Idee kommen, ihren Tarif nach der - überwachten - Häufigkeit des Zähneputzens zu staffeln, so die unheilvolle Vision. Und ein Pilotversuch in München teste gerade ein Überwachungssystem, mit dem Verbrechen vorhergesagt werden sollen. Wer da an den Sci-Fi-Thriller "Minority Report" denke, habe Recht, so Lobo.

"In welcher Gesellschaft wollen wir leben?"

"Es gibt keine natürliche Grenze" dafür, sieht Lobo mit der Apple Watch schon die nächste Stufe erreicht. Deren Sensoren würden auf lange Sicht ungeahnte Möglichkeiten der Überwachung, Kontrolle und Beeinflussung bieten.

"Das ist der Eingang von Gesundheitsdaten in die digitale Vernetzung" - eine Perspektive, die die heimische Debatte über ELGA als hoffnungslos altmodisch erscheinen lässt. "Ich werde mir die Apple Watch natürlich auch kaufen, denn sie ist total toll und teuer", sorgte Lobo für Gelächter im Saal. "Aber ich möchte eine solche Uhr benutzen können, weil ich sie für einen tolle Erfindung halte, ohne Angst zu haben, dass meine Krankenkasse drei Tage später sagt: 'Oh, Sie sind aber ganz schön träge. Wir erhöhen den Tarif mal.'"

Angesichts dieser Entwicklungen sei die zentrale Frage: "In welcher Gesellschaft wollen wir leben?", so Lobos abschließender Appell. Die von ihm geforderte "Ethik der Vernetzung" müsse am Anfang netzpolitischer Überlegungen stehen. Denn einfach nur rasch Gesetze zu beschließen, greife zu kurz: Dies wäre bloß "hektischer Aktionismus und Populismus". (APA, 17.9.2014)

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