Eine Prise Afghanistan

19. September 2014, 14:04
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Das Projekt "Topfreisen" lässt Asylwerber Gerichte aus ihrer Heimat zubereiten, die mittags an Hungrige aus der Region Mödling geliefert werden sollen

Es riecht bereits am Gang nach passierten Tomaten, scharf angebratenem Faschiertem und Zwiebel. Der Geruch erinnert an die Düfte, die durch Omas Küche waberten, wenn sie Lasagne machte. Hier in Maria-Enzersdorf südlich von Wien mischen sich aber noch weitere Gerüche unter das Altbekannte. Kardamom, Fenchelsamen und Sternanis setzen ihre ätherischen Öle frei. Der Koch Farid fügt seinen Gerichten immer "eine Prise Afghanistan" bei. Und so bekommt auch die heutige Lasagne eine Prise aus seiner alten Heimat. Es riecht ein bisschen nach Urlaub. Und das soll auch so sein.

Mit dem Projekt "Topfreisen" will die 28-jährige Cornelia Mayer ihre künftigen Kunden auf einen gastronomischen Trip durch Länder schicken, die nicht die Top-Urlaubsziele der Österreicher sind. Afghanistan, Somalia, Pakistan: Das österreichische Außenministerium warnt vor Reisen in diese Länder, doch beim Mittagessen im Büro sollen genau diese Weltregionen angesteuert werden. Flüchtlinge, die vor bewaffneten Konflikten und Krieg nach Österreich geflohen sind, werden im Rahmen des Projekts die traditionellen Speisen ihrer Heimatländer zubereiten und im Raum Mödling weiterverkaufen.

Die Pilotphase zu dem Liefer- und Abholservice, das die Welt ein bisschen besser machen soll, startet erst im Oktober – doch bereits jetzt herrscht täglich reges Treiben in der Küche der Caritas-Flüchtlingsunterkunft St. Gabriel, einem altehrwürdigen Ziegelgebäude inmitten eines klösterlichen Ensembles am Rand des Ortes. Seit einem Jahr zeichnet der 45-jährige Farid für die Verköstigung der minderjährigen Flüchtlinge verantwortlich. Zwischen Töpfen und Pfannen gerät der gebürtige Afghane über die Macht von Gewürzen ins Schwärmen und öffnet eine Dose mit orientalischen Gerüchen nach der anderen.

Vor 25 Jahren verließ Farid seine alte Heimat, weil er in den Krieg gegen die Mudschahedin hätte ziehen müssen. In Österreich fühlt er sich zu Hause und teilt seine Erfahrungen in der neuen Heimat mit den Jugendlichen, die ihm jeden Tag beim Kochen helfen. "Es ist wichtig, sich in die Gesellschaft zu integrieren, ohne seine Wurzeln zu vergessen", nennt Farid seinen Leitsatz. Eine kurze Berührung an der Schulter, ein scheues Lächeln im Gespräch oder eine Frage nach einer deutschen Vokabel – die jungen Asylwerber suchen Farids Aufmerksamkeit. Man spürt, dass er das Herz der Küche St. Gabriels ist und wahrscheinlich auch das Herz von "Topfreisen" wird.

Cornelia Mayer ist der Kopf des Projekts, das aus einem eigenen Bedürfnis heraus entstanden ist. "Ich wollte regionale und frische Speisen zu Mittag im Büro haben", erzählt die Sozialarbeiterin. Auf einer Reise durch die Welt habe sie verschiedene Projekte unter dem Leitsatz "Mit gutem Essen Gutes tun" entdeckt und diesen Gedanken mit nach Hause genommen. Mit St. Gabriel und den 140 dort lebenden Asylwerbern habe sie schlussendlich einen "perfekten Partner" gefunden. Von Anfang an sei die Leitung der Flüchtlingsunterkunft hinter ihr gestanden. Die Planung zu "Topfreisen" hat laut Mayer Ende 2013 "mit viel Optimismus begonnen", Rückschläge habe sie noch keine erfahren.

Das Projekt soll in einen gemeinnützigen Verein eingegliedert werden, da Asylwerber in Österreich keiner bezahlten Arbeit nachgehen dürfen. Von den Einnahmen sollen den Bewohnern von St. Gabriel unter anderem Deutschkurse und Ausflüge bezahlt werden. Auch die Genehmigung des Lebensmittelinspektorats habe das Projekt "unter kleinen Auflagen" erhalten. So muss etwa noch ein Handwaschbecken in die Küche eingebaut werden.

Will Mayer mit Farid über den weiteren Fahrplan des Projekts sprechen, muss sie auch schon einmal selbst Hand in der Küche anlegen. "Dabei bin ich keine talentierte Köchin", sagt die junge Frau. Farid lässt das nicht durchgehen und zeigt ihr geduldig, wie sie die Gurken für den Salat mit dem großen Messer schneidet. Währenddessen rührt der 15-jährige Assadullah aus Afghanistan die Béchamelsauce. So gern Farid mit den Jugendlichen kocht, für das Projekt wünscht er sich erwachsene Helfer. "Die sind zuverlässiger, und ich habe nicht so große Angst, dass sie sich verletzen."

Mayer will im Oktober mit zwei Teams zu je zwei Personen starten. Ein Büro in Wien-Liesing habe sich bereits als Pilotkunde angeboten. Wie viel eine Portion der kulinarischen Reise künftig kosten wird, ist noch nicht klar. Mayer sitzt gerade am Finanzplan. Klar ist nur, dass man Sponsoren sucht. "Ob das viele einzelne oder ein großer Unterstützer wird, ist noch offen", sagt Mayer. Gerne würde man als Gegenleistung die Werbefläche auf den Verpackungen anbieten – die natürlich ökologisch abbaubar sein sollen. Am liebsten wäre es Mayer aber, wenn die Kunden ihre Behälter selbst mitbringen.

Mit Telefoninterviews lotete sie bereits im Vorfeld aus, was sich potenzielle Kunden von "Topfreisen" wünschen würden. Neben vielfältigem Angebot und frischen Speisen hatte ein Pensionist aus der Umgebung dabei einen besonderen Wunsch: Er würde gerne gemeinsam mit den Asylwerbern zu Mittag essen. Mayer könnte sich das vorstellen – nur die rechtlichen Fragen müssten in dem Zusammenhang noch geklärt werden. Die junge Sozialarbeiterin ist aber wie zu Beginn der Idee optimistisch, dass ihr Projekt funktionieren wird, und deutet in die Töpfe Farids. "Die Gerichte schmecken nicht fremd, sind aber anders gewürzt und jedes Mal ein Erlebnis." Eine Prise Afghanistan eben. (Bianca Blei, DER STANDARD, Österreich)

  • Farid, Cornelia Mayer und ein junger Helfer.
    foto: bianca blei

    Farid, Cornelia Mayer und ein junger Helfer.

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