Korruption ans Licht bringen

19. September 2014, 14:05
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Geschichten der Opfer alltäglicher Korruption füllen die Seiten der indischen Webseite ipaidabribe.com

"Gestern habe ich einem Polizisten für die Beglaubigung eines Dokuments hundert Rupien zahlen müssen."

"Ich habe Geld gezahlt, um eine Sterbeurkunde zu bekommen. Nicht einmal bei Todesfällen ist man vor Korruption sicher."

"Die Schikanen endeten erst, als der Geldbetrag bezahlt wurde."

Geschichten der Opfer alltäglicher Korruption füllen die Seiten der indischen Webseite ipaidabribe.com. Nach Angaben von Transparency International haben im Jahr 2010, in dem Jahr, in dem die Webseite eingerichtet wurde, 54 Prozent der Inder Schmiergelder bezahlt. "I Paid a Bribe" bezieht sich auf das Phänomen der alltäglichen kleinen Korruption, also die Situation, dass der Verwaltungsapparat nur funktioniert, wenn Staatsdiener geschmiert werden.

Die Initiative "I Paid a Bribe" wurde von Swati und Ramesh Ramanathan gegründet, die auf ihre Karriere in den USA verzichteten und nach Indien zurückkehrten, um in Bangalore, dem indischen Silicon Valley, die gemeinnützige Organisation Janaagraha zu gründen. "I Paid a Bribe" ist eine Plattform, an die Betroffene sich wenden können. Ziel ist es, das allgemeine Bewusstsein für das Thema Korruption zu schärfen und zu einer Verbesserung der Situation beizutragen, denn diese Berichte werden an Medien und Behörden weitergeleitet. Die Aussagen werden anonym veröffentlicht, um die Betroffenen vor Schadenersatzklagen oder anderen Repressalien zu schützen.

"Die alltägliche Korruption untergräbt das Wertesystem der gesamten Gesellschaft", sagt Swati Ramanathan. "Jeder kann in der Öffentlichkeit gegen einen korrupten Beamten oder eine korrupte Behörde demonstrieren, und wenn er dann nach Hause kommt, muss er sich nicht wundern, wenn ein Polizist oder ein anderer Beamter Geld verlangt."

Die Webseite "I Paid a Bribe" wurde seit der Gründung nach eigenen Angaben 4,5 Millionen mal aufgerufen, und mehr als 27.000 Geschichten von Leuten in ganz Indien wurden veröffentlicht, die zur Zahlung von Schmiergeldern genötigt wurden. Insgesamt sollen rund 35 Millionen Dollar an korrupte Beamte geflossen sein.

Auf der Webseite kann man sich darüber informieren, wie man sich dem Druck, für Dienstleistungen Schmiergeld zu zahlen, widersetzen kann. Betroffene, die sich erfolgreich gewehrt haben, berichten von ihren Erfahrungen. Es wird auch dazu aufgerufen, von korrekten Beamten zu berichten, um solche Leute zu unterstützen. "Das Wissen, dass es diese Informationen gibt und dass man diese oder jene Schritte unternehmen muss, wenn man beispielsweise ein Grundstück registrieren lassen will, stärkt den Bürger und ermutigt ihn, keine Schmiergelder zu zahlen", sagt Swati Ramanathan.

Ipaidabribe.com wird auch von Behörden beobachtet, die diese Fälle verfolgen und manchmal sogar gegen korrupte Beamte vorgehen. Der Bericht des Ingenieurs Manik Taneja aus Bangalore über einen Zollbeamten, der ihn zur Zahlung von Schmiergeld nötigte, führte zur Entlassung des Mannes. 2012 hatte Taneja während einer USA-Reise ein Faltboot gekauft und ausgerechnet, dass er höchstens 150 Dollar Einfuhrzoll würde bezahlen müssen. Doch der Beamte am Flughafen forderte fast den dreifachen Betrag und drohte, das Boot zu beschlagnahmen, falls Taneja nicht zahlte. Taneja, der nach dem langen Flug müde und erschöpft war, lenkte ein und zahlte.

Am nächsten Tag vergewisserte er sich, dass er den offiziellen Einfuhrzoll korrekt kalkuliert hatte. Auf ipaidabribe.com machte er seinem Ärger Luft. Wenig später erhielt er einen Anruf von der Zollverwaltung, er solle eine Beschwerde einreichen. Der betreffende Beamte wurde vom Dienst suspendiert.

Joylita Saldanha, die für die Webseite arbeitet, berichtete, dass es dem Verkehrsminister von Karnataka (der Bundesstaat, dessen Hauptstadt Bangalore ist) sehr unangenehm gewesen sei, dass die meisten Korruptionsfälle in Bangalore auf sein Ministerium entfielen. Er habe daraufhin beschlossen, mit "I Paid a Bribe" zusammenzuarbeiten. Es wurde festgestellt, dass Führerscheinprüfungen hochproblematisch waren, da die Entscheidung, ob jemand gut genug fahren könne oder nicht, eine subjektive sei, und dass Fahrschüler die Prüfer oft schmieren mussten. Die zuständige Behörde führte daraufhin automatisierte Prüfstrecken ein, die mit Monitoren überwacht werden.

"I Paid a Bribe" ist weltweit auf großes Interesse gestoßen. Mehrere Länder und NGOs haben sich an Janaagraha mit der Bitte gewendet, den Quellcode der Webseite übernehmen zu dürfen. In einem Dutzend Länder gibt es diese Webseite jetzt, unter anderem in Pakistan, Griechenland, Ungarn und Kenia.

"Wie es so schön heißt, die Sonne ist das beste Reinigungsmittel", sagte Swati Ramanathan. "Je mehr Leute sich über ihre Erfahrungen mit korrupten Beamten auf einer öffentlichen Plattform austauschen, desto größer ist die Chance, dass die alltägliche Korruption zurückgeht. Das Risiko, erwischt zu werden, ist einfach zu groß. Ich denke, in zwanzig Jahren könnte die alltägliche Korruption ausgerottet sein. Wir jedenfalls werden alles dafür tun." (Abhilash Krishna, Shradha Iyer, Sparknews, Frankreich)

Übersetzung: Matthias Fienbork

  • Die indische Webseite ipaidabribe.com zeigt die kleinen, täglichen Korruptionen auf.
    screenshot: ipaidabribe.com

    Die indische Webseite ipaidabribe.com zeigt die kleinen, täglichen Korruptionen auf.

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