Afghanistan, ein steiniger Weg

19. September 2014, 14:06
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Das nationale Frauenteam des afghanischen Radsportverbands

An jedem Werktag fährt Massouma Alizada um acht Uhr abends auf ihrem Fahrrad zu einem Platz im Norden von Kabul, wo sich das nationale Frauenteam des afghanischen Radsportverbands regelmäßig trifft.

Es ist Ramadan, der muslimische Fastenmonat. Alle Leute sind zu Hause und versammeln sich zum Fastenbrechen. Bald werden sie hinausgehen zu einem kleinen Verdauungsspaziergang, doch jetzt sind alle Straßen außergewöhnlich leer.

Die 17-jährige Massouma kam im letzten Jahr zum Team der afghanischen Radsportlerinnen. Seitdem trainiert sie fast täglich zur Vorbereitung auf die diesjährigen Asienspiele, die im September in Südkorea stattfinden. Zum ersten Mal werden afghanische Sportlerinnen bei einem internationalen Wettbewerb in Erscheinung treten. Alle sind total aufgeregt, auch deswegen, weil Korea für sie ein erster Schritt zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio ist.

An diesem Abend trainieren vier Frauen – Massouma, ihre Schwester Zahra und zwei andere. Mit Rücksicht auf die Gesellschaft, die von Frauen züchtige Kleidung erwartet, tragen sie alle langärmelige Hemden und lange Trainingshosen Sie stopfen die Kopftücher unter die Radhelme, beugen sich über die gespendeten Räder und fahren hinaus in die Dunkelheit.

Während des zwei-, dreistündigen Trainings bleiben immer wieder Menschengruppen stehen und verfolgen das Spektakel fahrradfahrender Frauen. Eisverkäufer lehnen an ihren Karren und gaffen. Kinder pfeifen. Ein Junge kann sich vor Lachen nicht mehr halten.

Gleichberechtigung als Fremdwort

Dreizehn Jahre nach dem Sturz der Taliban ist Gleichberechtigung noch immer ein Fremdwort in Afghanistan. Eine fahrradfahrende Frau verstößt gegen ihre kulturellen Wertvorstellungen. Aber Wandel ist oft das Ergebnis millionenfacher kleiner Schritte. Massouma und ihre Kolleginnen wissen das. Sie hoffen, zu konkreten Veränderungen beitragen zu können, Schritt für Schritt, ganz allmählich.

Die vier Frauen passieren Shahrak-e Aria, ein Viertel, in dem die wohlhabende Schicht wohnt. Sie fahren vorbei an Werbeplakaten für Mobiltelefone und an Bankettsälen, deren strahlende Lichter und blinkende Glitzerfassaden wie in einer einzigen Phantasmagorie verschwimmen.

Begleitet werden sie von ihrem Trainer Abdul Sediqi, der in einem zerbeulten Kombi neben ihnen herfährt. Seine Aufgabe ist es, die Frauen vor Angriffen zu schützen, denen sie immer wieder ausgesetzt sind. Der heutige Abend ist keine Ausnahme. Steine fliegen, Beschimpfungen sind zu hören. Manchmal kommen Autos so gefährlich nahe, dass die Mädchen wirklich Angst haben müssen, im Straßengraben zu landen.

"Dass Steine geworfen werden, erleben wir jeden Tag", sagt Mariam Sediqi, die gemeinsam mit ihrem Onkel den afghanischen Radsportverband führt.

Sie selbst hat diese Übergriffe am eigenen Leib zu spüren bekommen. Vor ein paar Jahren wurde sie beim Training von einem Motorradfahrer angefahren und verletzte sich dabei die Schulter. Heute steigt sie nicht mehr in den Sattel, die Schmerzen sind zu groß, aber sie ermuntert die jüngeren Frauen.

Fahrrad fahren als Neidfaktor

Später, im Haus der Sediqis, erzählt Massouma, wie sie und ihre Schwester im liberaleren Teheran Fahrrad fahren lernten. Nachdem die Familie wieder nach Kabul gezogen war, beneidete sie ihre männlichen Verwandten, die so unbeschwert Fahrrad fahren konnten. Erst in der Oberschule brachte sie den Mut auf, die Eltern mit ihrer Leidenschaft zu konfrontieren. Ihr Vater sagte nur: "Du bist ein Mädchen. Du kannst hier nicht Fahrrad fahren." Aber sie sprach das Thema immer wieder an und ging ihrem Vater derart auf die Nerven, dass er schließlich einlenkte.

Die Alizadas sind eine liberale Familie der Mittelschicht, die ihren beiden Töchtern das Fahrradfahren erlaubt. Aber sie verheimlichen es vor den Verwandten, speziell vor einem Onkel, der ein vehementer Gegner von Frauenrechten in jedweder Form ist, auch im Bildungsbereich.

Hier in diesem zweigeschoßigen Haus, das leuchtend gelb und rot getüncht ist, kommen Trainer Sediqi und sein Team nach dem Training zusammen, um etwas zu essen und den nächsten Termin vorzubereiten. Die Wände sind bedeckt mit Fotos des Teams, mit Zeitungsausschnitten und Medaillen. Die Mädchen – einige von ihnen sind wirklich noch sehr jung – plaudern, spielen mit Sediqis Enkel und wirken locker und entspannt.

"Wenn ich Fahrrad fahre, fühle ich mich richtig gut", sagt Zahra Alizada, ein einfaches, aber starkes Statement in einem Land, in dem die Befindlichkeit einer Frau nicht viel zählt.

Jemand kommt auf die Steinwerfer zu sprechen. Sadaf Mazari, eine willensstarke 19-Jährige, die ihren Frisiersalon verkaufte, um sich dem Team anzuschließen, tut das mit einer Handbewegung ab. "Das passiert jeden Tag, aber es kümmert uns nicht. Wir ziehen den Kopf ein und treten in die Pedale."

Das zehnköpfige Team muss mit einem sehr geringen Budget auskommen. Die afghanische Regierung stellt monatlich 17 Dollar für jede Radsportlerin bereit. Unterstützung bekommen sie auch von der Amerikanerin Shannon Galpin, die in Colorado eine Initiative namens "Mountain2Mountain" ins Leben gerufen hat. Über sie hat das Team in den letzten Jahren sechzig Rennräder und zweihundert Kilo Ausrüstung erhalten. "Diese Mädchen machen Geschichte. Sie sind revolutionäre Frauen", sagt sie. "Das heißt aber auch, dass sie gefährdet sind."

Gegen dreiundzwanzig Uhr ist das Training zu Ende. Die Mädchen steigen von ihren Rädern, ihre verschwitzten Gesichter reflektieren das Licht eines nahegelegenen Bankettsaals. Eine Mondsichel hängt am Himmel. Auf der Straße hat sich eine Schar neugieriger Fans versammelt. Der 23-jährige Polizist Dour Mohammed gehört dazu, Abend für Abend beobachtet er die Sportlerinnen bei ihrem Training.

Als er sie vor mehreren Wochen das erste Mal sah, war er schockiert und empört. Inzwischen hat sich aber so etwas wie eine freundschaftliche Atmosphäre zwischen entwickelt. "Es beweist doch, dass sich in unserem Land etwas tut", sagt er. "Wenn ich sie sehe, hebt sich sofort mein Herz." (May Jeong, Sparknews, Frankreich)

Übersetzung: Matthias Fienbork

  • Das nationale Frauenteam des afghanischen Radsportverbands trainiert für die Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb.
    foto: deni bechard

    Das nationale Frauenteam des afghanischen Radsportverbands trainiert für die Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb.

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