Tunfische auf Sommertrip in der Arktis

21. September 2014, 11:55
19 Postings

Blauflossen-Tunfische dringen immer öfter in arktische Gewässer vor - vermutlich da im Norden die Temperaturen steigen und das Nahrungsangebot wächst

Wien/Charlottenlund - In der Dänemarkstraße, einer Meerenge östlich von Grönland, wird auf einem Trawler gerade das Netz eingeholt. Schiff und Besatzung sind an diesem Tag, dem 22. August 2012, im Auftrag der Forschung unterwegs. Man sucht Makrelenschwärme. Die blauschimmernden Fische dringen seit einigen Jahren immer weiter in arktische Gewässer vor, vermutlich infolge des Klimawandels.

Nun soll ermittelt werden, wie groß die Anzahl dieser Sommergäste tatsächlich sein mag. Dieser Tag jedoch hält eine besondere Überraschung bereit. Neben sechs Tonnen Makrelen landen beim Öffnen des Netzes auch drei ausgewachsene, rund 100 Kilo schwere Blauflossen-Tunfische an Deck. Die Fischer sind völlig erstaunt. Was hat diese beeindruckend großen Meeresbewohner so weit gen Norden verschlagen?

Der Fang sollte kein Einzelfall bleiben. "Im diesjährigen Sommer wurden aus der Region bereits 21 Tunfische gemeldet", berichtet Brian MacKenzie begeistert im Gespräch mit dem Standard. Der am dänischen Nationalinstitut für Aquatische Ressourcen in Charlottenlund tätige Biologe hat die möglichen Hintergründe der sonderbaren Fischwanderung zusammen mit einigen Kollegen analysiert und die Details in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Global Change Ecology" veröffentlicht.

Die Wissenschafter richteten ihre Ermittlungen vor allem auf die Wassertemperaturen im besagten Seegebiet aus. Sie kombinierten Satellitendaten mit Messungen von Schiffen und Bojen, und konnten so eine recht präzise Temperaturkarte der Dänemarkstraße und der angrenzenden Irmingersee erstellen. Das Ergebnis: Am 22. August 2012 dürfte das Oberflächenwasser am Fangort neun bis elf Grad warm gewesen sein. Ein Rekordwert.

Die Makrelen und Tunfische bewegten sich offenbar direkt an einer Temperaturfront entlang. Weiter nordwestlich war das Wasser bedeutend kälter. Dieser scharfe Temperaturkontrast ist typisch für die Dänemarkstraße, erklärt MacKenzie. Relativ warmes Wasser vom Golfstrom trifft hier auf eine aus entgegengesetzter Richtung kommende Polarströmung. Die erstaunlich hohen Messwerte seien dagegen neu. Seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1870 wurden vergleichbare Temperaturen bisher nur im Sommer 2010 registriert.

Der Blauflossen-Tunfisch, zoologisch Thunnus thynnus genannt, gilt unter Experten als besonders wanderfreudige Spezies. Im Atlantik unterscheidet man zwei verschiedene Subpopulationen. Eine davon laicht im Golf von Mexiko, die andere im Mittelmeer. Außerhalb der Fortpflanzungszeit zieht es die Großfische oft in weitentlegene Gefilde - auf Futtersuche. Viele dringen dabei in nördliche Gewässer vor.

Dort ist die Biomasseproduktion meist viel höher als in subtropischen Meeresregionen. Den Tunfischen kommt auf solchen Reisen eine besondere Fähigkeit zugute: Die Tiere regulieren ihre Körpertemperatur, es sind partielle Warmblüter. "Sie können ziemlich effizient Wärme generieren", sagt MacKenzie. "Aber dafür müssen sie auch eine Menge essen."

Makrelen und Heringe locken

Der hohe Futterbedarf spielt für die Fernwanderer eine entscheidende Rolle. Lange Touren in den Norden und der Aufenthalt in kalten Seegebieten kostet die Tunfische viel Energie. Es muss sich also lohnen, dorthin zu schwimmen. Dementsprechend hätte das wärmere Wasser allein wohl kaum gereicht, um Thunnus thynnus in die Dänemarkstraße zu locken, meint MacKenzie. Die Makrelenschwärme dürften den Ausschlag gegeben haben. Diese fettreichen Meeresbewohner gehören zu den Lieblingsspeisen der Blauflossen-Tunfische ebenso wie Heringe. Auch Letztere tauchen seit einigen Jahren vermehrt östlich von Grönland auf. Das ganze Ökosystem ist offenbar in Umbruch.

Grundlage für den Wandel ist vermutlich eine Kombination aus steigenden Temperaturen und dem Zusammentreffen der beiden bereits erwähnten Strömungen. Im Grenzbereich dieser Wassermassen finden Kleinkrebse optimale Lebensbedingungen. Sie fressen die sich rasant vermehrenden einzelligen Algen und dienen selbst den Makrelen und Heringen als Futter. Der Blauflossen-Tunfisch kann sich nun an die Spitze dieser üppigen Nahrungspyramide stellen - dank seines optimierten Körperwärmehaushalts.

Das Auftauchen von Thunnus thynnus in den Gewässern vor Grönland könnte auch auf Veränderungen in der Populationsdynamik des Blauflossen-Tunfisches hinweisen. Seit einigen Jahren vermerkt die Internationale Kommission zum Schutz der Atlantischen Tunfische (ICCAT) eine Zunahme der Bestände - nachdem diese kurz vor dem Zusammenbruch standen. Bei Beobachtungen aus der Luft vor der Küste Südfrankreichs zum Beispiel zählten Experten viermal so viele Jungtiere wie zu Beginn des Jahrtausends.

Vom Hunger getrieben

Diese Entwicklungen sind vermutlich das Ergebnis von verschärften Fischereibestimmungen, erklärt MacKenzie. Fangquoten werden strenger kontrolliert, das Mindestmaß für einzelne Fische sei auf 30 Kilogramm heraufgesetzt worden. "Das macht einen großen Unterschied", betont der Biologe. Vorher wurden zu viele noch nicht geschlechtsreife Exemplare gefangen.

Bestimmte Futtertiere der Blauflossen-Tunfische wie Sardinen und Sardellen sind in vielen südlichen Meeresgebieten noch immer stark überfischt. Im Norden dagegen hat sich die Lage bei mehreren Arten entspannt. "Es gibt momentan ziemlich viel Makrelen", berichtet MacKenzie. Vor allem im Nordostatlantik. Von Hunger getriebene Tunfisch-Trupps könnten sich auf die Suche machen und dabei immer öfter in nördlichen Gefilden fündig werden. Womöglich der Beginn einer jährlichen Wanderung, wie es sie bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein unter anderem im Öresund zwischen Schweden und Dänemark gegeben hat. Dort fraßen sich die Tunfische an Heringsschwärmen satt.

Steigende Temperaturen könnten Beute und Räubern schon bald weitere Lebensräume in der Arktis erschließen. Das bisherige Fischereimanagement orientiert sich zu stark an herkömmlichen ökologischen Rahmenbedingungen, sagt MacKenzie. Man müsse dringend die Folgen des Klimawandels miteinbeziehen.

Der Blauflossen-Tunfisch, hier in einem Netzgehege im Mittelmeer, nimmt immer weitere Wanderungen in Kauf - und landet dann schon einmal in den Netzen von Fischern im hohen Norden. Forscher ergründen nun dieses neue Phänomen. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 17.9.2014)

  • Der Blauflossen-Tunfisch, hier in einem Netzgehege im Mittelmeer, nimmt immer weitere Wanderungen in Kauf - und landet dann schon einmal in den Netzen von Fischern im hohen Norden. Forscher ergründen nun dieses neue Phänomen.
    foto: thierry lannoy / oceana / dapd

    Der Blauflossen-Tunfisch, hier in einem Netzgehege im Mittelmeer, nimmt immer weitere Wanderungen in Kauf - und landet dann schon einmal in den Netzen von Fischern im hohen Norden. Forscher ergründen nun dieses neue Phänomen.

Share if you care.