Medienprozess: Hitler, Bin Laden und ein Imam

16. September 2014, 19:04
28 Postings

Ein Wiener Prediger wehrt sich vor Gericht gegen den Vorwurf, er habe zwei Minderjährige zur Reise in den heiligen Krieg angestiftet

Wien – Mirsad O. will eines sicher nicht sein: ein Hassprediger, der zwei minderjährige Mädchen in den Bürgerkrieg nach Syrien schickt, damit diese dort im Heiligen Krieg sterben. Das hatte "Österreich" im April geschrieben, daher klagte er, vertreten von Lennart Binder, die Zeitung medienrechtlich. Am dritten Verhandlungstag kommt er unter den kritischen Fragen von Richter Gerald Wagner aber etwas ins Straucheln.

Zur Vorgeschichte: Der 32-Jährige predigt seit 2008 in einer Moschee in Wien-Leopoldstadt. Und von ihm sollen die beiden Mädchen, 15 und 16 Jahre alt, dazu gebracht worden sein, über die Türkei nach Syrien zu fliegen.

Um herauszufinden, wie die Zeitung zu der Behauptung kommt, hat Richter Wagner Donata K. geladen. Ein ihr gegenüber ranghöherer Redaktionskollege hatte am zweiten Prozesstag behauptet, sie habe die Verbindung zwischen O. und den Teenagern recherchiert.

Überraschte Journalistin

Das jedoch überrascht die 23-Jährige, die eigentlich Studentin ist, ein wenig. Denn sie hat weder den echten Namen des Klägers jemals gehört noch jenen, unter dem er auftritt. Sie war nur im Internet auf eine Spur zu einer Moschee in Wien-Favoriten gestoßen, die sie schließlich zu jener im zweiten Bezirk führte. Wer oder was dort gepredigt wurde, kann sie aber nicht sagen und wirkt ehrlich verblüfft, plötzlich in die Sache verwickelt zu sein.

Vielleicht kann also Kläger O. mit seiner Aussage weiterhelfen. Der bestreitet rundweg, die beiden Mädchen überhaupt je gesehen zu haben. "Es gibt in der Moschee überhaupt keinen Platz für Frauen – nicht weil wir sie nicht mögen, aber die Räumlichkeiten sind so, dass Männer und Frauen nicht getrennt sitzen können", erklärt er.

Richter Wagner und "Österreich"-Anwalt Peter Zöchbauer interessieren sich für Videoclips im Internet, die Ausschnitte von Vorträgen des Mannes aus der Moschee zeigen. Unter anderem zu hören: Osama Bin Laden habe sein ganzes Leben für die Muslime geopfert. Und: Kein Moslem könne Bin Laden daher hassen.

Keine Verherrlichung

Das sei aus dem Zusammenhang gerissen und keineswegs als Verherrlichung gemeint, sagt der Zeuge, der in Saudi-Arabien Islamische Rechtswissenschaft studiert hat. Es gehe auch darum, dass Bin Laden kostenlos Straßen im Sudan gebaut habe. "Autobahnen hat der Hitler auch gebaut und trotzdem viele Menschen umgebracht", kontert der Richter staubtrocken.

Es erscheint überhaupt seltsam, dass sich O. bei manchen Passagen gar nicht erinnern kann, sie je gesagt zu haben, andere will er nur zitiert haben. Generell seien die Clips nur von Zuhörern geschnittene Versionen seiner stundenlangen Vorträge. Dass er von einem Verteidigungskrieg gesprochen habe, in dem Jugendliche auch ohne Zustimmung der Eltern kämpfen sollen, will er historisch gemeint haben.

"Sie haben meinen Ruf total ruiniert, ich habe niemals zwei Mädchen nach Syrien geschickt", hält O. am Ende nochmals energisch fest, ehe Wagner zur Ladung weiterer Zeugen wieder vertagt. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 17.9.2014)

Share if you care.