Prozess um Hooligan-Attacke: Falsche Fotos, enge Stiege

16. September 2014, 18:59
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Der Sturm auf das Ernst-Kirchweger-Haus: Das Opfer identifiziert seinen Angreifer und muss erklären, warum es zuvor jemand anderen erkannt haben will

Wien – Eines kann man Richter Michael Tolstiuk definitiv nicht vorwerfen: dass er schlampig verhandelt. Im Gegenteil, dank seines Auftrages an die Polizei kann man am zweiten Tag des Prozesses wegen Landfriedensbruchs und Körperverletzung in Zusammenhang mit dem Sturm von Fußballfans auf das Ernst-Kirchweger-Haus (EKH) auch begutachten, wie es am Tatort aussieht.

Es geht um die schmale Stiege, auf der Opfer Rudolf F. laut eigenen Angaben zwei Faustschläge gegen den Kopf und einen Fußtritt in die Rippen bekam, und um den Eingangsbereich, durch den die Angreifer in das linksautonome Zentrum eingedrungen sind.

Auf der Anklagebank sitzen sieben Anhänger des Fußballklubs Austria Wien, die dem von der Austria ausgeschlossenen rechtsextremen Fanclub "Unsterblich Wien" zugerechnet werden, was sie bisher bestreiten.

600 Meter Verfolgung

Aufgrund des Platzmangels müssen zwei weitere Angeklagte daneben auf Sesseln sitzen: Zwei Gewerkschafter, die am Tag der Tat, dem 27. Oktober, im EKH bei einer Veranstaltung waren. Nach dem Angriff sollen die beiden laut Staatsanwalt Hans-Peter Kronawetter ihre Notwehrbefugnisse ein wenig überschritten haben: Sie sollen, gemeinsam mit anderen Gewerkschaftern, die Angreifer gut 600 Meter weit verfolgt haben und einen davon, den Zweitangeklagten P., mit Holzlatten verprügelt haben.

Die Bilder der EKH-Räumlichkeiten sind für den Richter deshalb wichtig, um die Angaben eines dieser beiden Aktivisten überprüfen zu können. Der will nämlich eindeutig P. als Schläger gesehen haben, was aus seiner damaligen Position durchaus möglich war.

Auch Opfer Rudolf F. legt sich bei seiner Zeugenaussage auf P. fest. Der sei ihm im Stiegenhaus entgegengekommen, es sei noch alles ruhig gewesen. Auf einen Kommandoruf habe der andere plötzlich zugeschlagen. "Er hat mir voll aufs linke Aug gedroschen. Bum, zack, in die Goschn", führt der 54-Jährige aus.

Seit Oktober im Krankenstand

Er habe "Nazis, Nazis!" zu schreien begonnen, als er einen zweiten Schlag erhielt. Er stürzte, ein Tritt in die Rippen kam dazu. Seit damals leidet er an einer posttraumatischen Belastungsstörung, wie ein Gutachten bestätigt, und ist im Krankenstand – weshalb der Staatsanwalt die Anklage gegen P. auf schwere Körperverletzung ausdehnt.

Für Fan-Verteidiger Philipp Winkler gibt es aber Ungereimtheiten in den Aussagen F.s: Dieser habe bei der Polizei auf Bildern nämlich ursprünglich den Drittangeklagten "mit hoher Wahrscheinlichkeit" als Täter identifiziert. Es seien schlechte Fotos gewesen, sagt F. nun. Doch: Durch einen Irrtum der Polizei rutschte auch das Bild eines völlig Unbeteiligten in die Fotomappe. Sowohl F., als auch der neuntangeklagte Gewerkschafter, haben aber ausgesagt, dass dieser zur Gruppe der Angreifer gehört habe.

Gutes Zeugengedächtnis

Ein weiterer Zeuge aus dem EKH soll sagen, wer bei dem unmittelbaren Sturm auf das Zentrum dabei war. Er identifiziert alle angeklagten Fußballfans – und will sich sogar an die Kleidung jedes Einzelnen erinnern. Laut Tolstiuk stimmt nur eine Beschreibung davon.

Wobei die Beobachtungsgabe erstaunlich ist: Der Zeuge kam erst dazu, als die Aktivisten die Eingangstür schon zudrückten. Einer der Fans habe versucht, sich dazwischenzuzwängen. Durch den 40 bis 50 Zentimeter breiten Spalt will der Mann alle sieben eindeutig identifiziert haben.

Als die EKH-Gruppe dann auf die Straße ging, seien die Angreifer schon einen Block weit weg gewesen. Dort hätten sie neonazistische und rassistische Parolen gebrüllt, was zu Tumulten mit Jugendlichen aus einem nahen Park geführt habe. Die Fans flüchteten, die EKH-Gruppe hinterher. Dass die Gewerkschafter den Zweitangeklagten P. verprügelt haben, hat der Zeuge aber nicht gesehen.

Am Mittwoch geht es weiter. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 17.9.2014)

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