Eine Osmose von Fischen, Fürchten und Gemüse im Südlibanon

19. September 2014, 14:23
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In Maghdouché beginnt ein Informatiker mit Aquaponik, einer Landwirtschaftsmethode, die Fischzucht mit Gemüseanbau verbindet

Im Heim von Raïf Chabab in Maghduché, einem schönen Dorf im Süden des Libanon, erwartet eine freundliche und offene Familie die Besucher. Der Vater, in den Vierzigern, ist Informatiker, seine Frau Lehrerin und die vier Kinder sprühen vor Lebensfreude. Eine ganz normale Familie also. Aber der Vater hat eine ungewöhnliche Leidenschaft für eine ganz moderne Landwirtschaftsmethode, die Aquaponik. Im kleinen Garten hinter dem Haus zeugt eine bewachsene Wand davon. Dem Laien bleiben die Geheimnisse dieser grünen Wand verborgen, bis der Mann, der sich als Landwirt neu erfunden hat, die Details seiner Arbeit erklärt. Nebenbei erzählt er, wie er dazu gekommen ist.

"Meine Frau sagt oft zu mir, dass unzufriedene Menschen die Welt verändern", beginnt Raïf Chabab seine Erzählung. "Wir haben einige Jahre in Kanada gelebt. Dort habe ich von Hydroponik gehört, wo Pflanzen mit nährstoffangereichertem Wasser versorgt werden und von Aquaponik. Da werden Pflanzen durch die Abwässer einer Fischzucht ernährt. Als wir 2008 nach Hause zurückkehrten, habe ich auf einem kleinen Stück Land bei unserem Haus das Abenteuer gewagt. Ich habe ungeheuer viel recherchiert, weil ich ja keinerlei landwirtschaftliche Ausbildung hatte", fügt er hinzu.

Einige Monate lang hat Raïf Chabab jeden Abend nach der Arbeit an der Anlage gearbeitet, die ihm diese Wand voll Gemüse und Früchten liefern soll. Er hat sogar selbst die Behälter adaptiert, die das System am Laufen halten. Die Fische leben in einem großen weißen Behälter. "Ich habe mich für Tilapia, eine Gattung afrikanischer Buntbarsche entschieden, weil sie sich besser als die Forellen an unsere Temperaturen anpassen können. In diesem Becken sind 350 Fische, jeder wiegt um die 250 Gramm", erklärt er.

Ein Balance-Akt

In diesem ersten Bassin trennt ein Filter feste Abfallstoffe von den flüssigen Ausscheidungen der Fische. Das ammoniakreiche Wasser wird in einen zweiten Behälter geleitet. "Da, in diesem Biofilter gehen biologische und chemische Veränderungen vor sich" führt Raïf Chabab aus. "Es wird Sauerstoff zugeführt, damit eines der für die Umwandlung notwendigen Bakterien angelockt wird. Es braucht zwei Bakterien um Ammoniak bzw. Ammonium (NH3 und NH4) in Nitrit (NO2) und dann in Nitrat (NO3) umzuwandeln.

Das so angereicherte Wasser wird dann für die Bewässerungsanlage für die Pflanzen verwendet. Diese wiederum absorbieren durch ihre Wurzeln das mit Düngestoffen angereicherte Wasser und klären es. Das so gereinigte Wasser fließt wieder in den Behälter mit den Fischen. Und damit schließt sich der positive Kreislauf.

Damit wird ein Ökosystem geschafften, erklärt Raïf Chabab. "Wenn es keine oder zu wenige Pflanzen gibt, wird das Wasser nicht ausreichend gereinigt und der Nitratgehalt steigt unkontrolliert. Und damit wird das Wasser giftig für die Fische. Wenn es andererseits zu wenige Fische gibt, wird das Wasser nicht ausreichend angereichert um die Pflanzen ernähren zu können, die ja nicht in der Erde wachsen. Funktioniert das System, sind beide Teile gesund. Es muss dauernd das Gleichgewicht zwischen Fischen und Pflanzen gehalten werden."

Auch was Wasser muss im Gleichgewicht sein. "Das Wasser, das zur Transformation durch die Filter läuft, darf weder zu basisch noch zu sauer sein, sonst gerieten die Fische wie auch die Pflanzen in Gefahr", unterstreicht Herr Chabab.

Bio und um 90 Prozent weniger Wasserverbrauch

Für den (nicht ganz) Amateur-Landwirt bietet die Aquaponik viele Vorteile gegenüber der herkömmlichen Landwirtschaft, vor allem für die Umwelt. "Da es sich um einen geschlossenen Wasserkreislauf handelt und nur das Wasser ersetzt werden muss, das durch die Wurzeln aufgenommen wird oder das verdunstet, spart Aquaponik 90 Prozent Wasser," unterstreicht er. "Weiters schließt diese Technologie natürlich jegliche Verwendung von Dünger oder Pestiziden aus, weil das die Fische gefährden würde."

Rïaf Chabab weist auch auf die Platzersparnis hin. Bei der Aquaponik brauchen die Pflanzen keine Erde wie in der traditionellen Landwirtschaft. Die Pflanzen wurzeln entweder direkt im Wasser (Kopfsalat zum Beispiel) oder in einem pH-neutralen Pflanzsubstrat. Chabab verwendet Tonkügelchen. Diese Pflanzungen können also leicht vertikal angelegt werden wie bei den Chababs, oder auf Dächern – im Gegensatz zu den horizontalen Flächen, die die traditionelle Landwirtschaft benötigt.

Die erzeugten Produkte sind von einer außergewöhnlichen Qualität, bewirkt durch den Fischdünger, der die Pflanzen sehr widerstandsfähig gegen Krankheiten macht. Und nicht zuletzt erzielt man zweierlei Arten von Ausbeute: Fische (die man verkaufen oder selber essen kann) und das Gemüse.

An seiner Pflanzwand kultiviert Raif Chabab 20 Gurkenpflanzen, 280 Bohnenpflanzen, 28 Köpfe Salat und 13 Erdbeerstöcke. "Bis jetzt verkaufe ich nur hier im Dorf. Meine Ernte reicht nicht für mehr. Aber ich darf sagen, dass ich großen Erfolg habe! Ich verkaufe meine gesamte Ernte und das zu einem Preis, der über dem Marktpreis liegt. Und man verlangt nach mehr!

Die Vergangenheit und die Zukunft

Die Aquaponik hat nicht nur Vorteile. "Die Anfangsinvestitionen für die Errichtung der Anlage sind hoch", erklärt Raïf Chabab."Ich habe nur für diese Wand mit 3,5 Metern Länge und 12 Metern Höhe 4000 $ (rund 3000 €, 3700 CHF) ausgeben müssen, nicht eingerechnet die Kosten, die durch Fehler entstanden sind. Und dabei habe ich die Behälter und die Biofilter selbst angepasst! Die Kosten für die Fischnahrung sind auch hoch, der libanesische Staat fördert nur die Forellenzucht."

Die Anlage muss auch rund um die Uhr mit Strom versorgt werden. Nicht nur die höhere Stromrechnung fällt da ins Gewicht, sondern auch die Instabilität des Stromnetzes in einem Land wie dem Libanon. Chabab bedauert auch, dass er bis auf weiteres PVC-Rohre für den Wasserkreislauf verwenden muss. Er möchte sie früher oder später durch HDPE-Rohre ersetzen, ökologisch unbedenklicher und langlebiger, aber auch teurer.

Raïf Chabab kann nicht garantieren, dass er der erste oder der einzige Libanese ist, der Landwirtschaft auf diese Art betreibt. Aber er hofft, dass sich diese Methode, von der er felsenfest überzeugt ist, im Libanon verbreitet. "Ich persönlich möchte meine bebaute Fläche vergrößern", sagt er und zeigt erst auf eine Fläche in seinem kleinen Garten, die auf konventionelle Art bewirtschaftet ist und dann auf seine grüne Wand. "Auf der einen Seite die Vergangenheit, auf der anderen die Zukunft", sagt er. "Ich würde gerne alle Flächen, die mir zur Verfügung stehen, für Aquaponik verwenden. Aber dafür brauche ich einen geeigneten Sponsor, um ein Projekt in der Größenordnung von 50.000 Dollar für rund 500 Quadratmeter verwirklichen zu können. Ich hoffe, dass ich jemanden finde und ich bin überzeugt, dass meine Erfahrung anderen helfen könnte. Die Einführung und Weiterentwicklung der Aquaponik im Libanon kann nur von Vorteil sein." (Suzanne Baaklini, L'Orient le Jour, Libanon)

Übersetzung: Gertraud Schneider

  • Aquaponik ist eine Methode der Landwirtschaft, die Fischzucht mit Gemüseanbau verbindet.
    foto: anne ilcinkas

    Aquaponik ist eine Methode der Landwirtschaft, die Fischzucht mit Gemüseanbau verbindet.

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