Serbien - Sorge um Medienfreiheit

16. September 2014, 15:59
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Landesweit bekannteste politische Talkshow könnte beim TV-Sender B-92 durch Realityshow ersetzt werden

Belgrad - Die Medienfreiheit steht in Serbien dieser Tage wieder einmal im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Den Anlass lieferte die Ankündigung, dass der TV-Sender B-92, einst ein Symbol für kritische und unabhängige Berichterstattung, seine populärste Talkshow - den sonntagabends ausgestrahlten "Eindruck der Woche" - nun aus dem Programm nehmen will.

Die landesweit bekannteste Talkshow soll laut Medienberichten durch eine Realityshow ersetzt werden. Olja Beckovic, die Autorin der 1991 als eine Stimme gegen das Regime von Slobodan Milosevic entstandenen Sendung, war zunächst für Kommentare nicht zu haben. Die Produzenten der Sendung, das Produktionsnetzwerk Mreza, hoffen, dass sich die Situation um die Talkshow, die so mancher serbischer Politiker fürchten lernte, in etwa einer Woche klärt.

Nach Berichten will B-92 in Zukunft die Talkshow auf seinem weniger beliebten zweiten Kanal ausstrahlen, der Informationsendungen bzw. der Wiederholung der zuvor im ersten Kanal ausgestrahlten Sendungen gewidmet ist. Im Unterschied zum ersten Kanal von B-92 kann der zweite Kanal nicht landesweit empfangen und nur von etwa 60 Prozent aller TV-Zuschauer gesehen werden.

Wachsende Kontrolle seitens der Behörden

Seit Mitte 2012, als die Serbische Fortschrittspartei (SNS) an die Macht gekommen war, wird unter Medienvertretern immer wieder über wachsende Medienkontrolle seitens der Behörden gemunkelt.

Diese erfolge allerdings nicht mehr durch drastische Geldbußen, wie dies 1999 der Fall war, als der derzeitige Ministerpräsident und SNS-Chef Aleksandar Vucic als Informationsminister Serbiens fungierte. Der Staat habe hingegen durch seine Webebudget starke Kontrollmechanismen in der Hand, meinte Dusan Masic, einer der Gründer des legendären Rundfunksenders B-92 Ende der achtziger Jahre, gegenüber der Tageszeitung "Politika". Der gleichnamige TV-Sender wurde in der Nacht gegründet, als Präsident Slobodan Milosevic im Oktober 2000 gestürzt wurde.

Das Radio und der TV-Sender befinden sich unterdessen mehrheitlich im Besitz der Astanka Holding, die vor Jahren von einem schwedischen Investitionsfonds und der griechischen Lake Bade Holding gebildet worden war. Die Besitzer seien nicht an Sendungen interessiert, die eventuell den Behörden missfallen könnten, heißt es unter Mitarbeitern des Senders schon seit längerer Zeit. Etliche Redakteure haben den TV-Sender und das Radio verlassen.

Kaum dissonante Töne

In der Tat geht es in Serbien nicht nur um eine Sendung und um einen Sender. Auch der Belgrader städtische TV-Sender Studio B nahm dieser Tage seine bekannteste politische Talkshow vom Programm. Sie passe nicht in das Senderkonzept, hieß es. Dabei war die Sendung jahrelang sehr beliebt.

Was Kritiker in elektronischen und Printmedien oft bemängeln, sind Informationen, welche so stark einander ähneln, als ob sie von einer einzigen Quelle stammen würden. Dissonante Töne gebe es kaum. Er würde die TV-Nachrichtensendungen völlig abschaffen, sagte zuletzt Dejan Mijac, einer der bekanntesten Belgrader TV-Regisseure. Diese würden nur der Verdummung der Bürger dienen und als bloßes Sprachrohr der Machthaber gestaltet werden, meinte der für regierungskritische Töne bekannte Regisseur.

Ebensolche Kritik gibt es an jenen Boulevardmedien, die spöttisch als "Amtsblatt der Regierung" bezeichnet werden. Diese veröffentlichen immer wieder pikante Details aus Polizeiermittlungen, vor allem wenn es um Oppositionspolitiker geht. Menschen würden verurteilt, noch bevor Anklage gegen sie erhoben sei, warnen Beobachter. (APA, 16.09.2014)

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