Milliardenverkäufe: Airbus siebt aus

16. September 2014, 15:51
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Gespräche mit ThyssenKrupp über Atlas Elektronik - Konzentration auf Militärflugzeuge, Drohnen und Lenkflugkörper

Toulouse - Airbus räumt in seiner Rüstungssparte auf. Große Teile des Geschäfts mit Sicherheitstechnik und Elektronik sollen verkauft werden, wie der Luft- und Raumfahrtkonzern am Dienstag ankündigte. Dazu gehören unter anderem die Beteiligungen an den deutschen Firmen Atlas Elektronik und ESG, der digitale Behördenfunk und die zivile Satellitenkommunikation.

Mit den Verkäufen könnte Airbus eine Fusionswelle in der deutschen Rüstungsbranche anstoßen. Es gehe um ein Geschäftsvolumen von rund zwei Mrd. Euro, sagte der Chef der Sparte, Bernhard Gerwert, der Nachrichtenagentur Reuters. Die Raumfahrt, der Bau von Militärflugzeugen und Lenkflugkörpern, bei denen Airbus mehr Chancen sieht, sollen dagegen ausgebaut werden.

Weiter Produktion für Militär

Airbus Defence & Space setzte im vergangenen Jahr 14 Mrd. Euro um - ein Zehntel der Gesamterlöse. Die im Vergleich zum Passagierjet-Geschäft lahmende Sparte hat unter anderem mit den Folgen schrumpfender Militärbudgets zu kämpfen. Gerwert ließ offen, wieviele Stellen von den Verkaufsplänen betroffen sein werden. Es gehe nicht um weiteren Personalabbau oder Standortschließungen. Airbus hat im Zuge seiner Neuausrichtung bereits den Wegfall von 5.200 der rund 40.000 Jobs in der Sparte angekündigt.

Der Airbus-Manager betonte, der Schritt sei keine Reaktion auf die restriktivere Rüstungsexportpolitik der deutschen Regierung. "Natürlich sehen wir das weiter als Gefahr für unsere Geschäfte hier in Deutschland, aber das hat nicht direkt etwas mit dem aktuellen Thema der Portfolio-Strategie zu tun." Ein kompletter Ausstieg von Airbus aus der militärischen Produktion, wie ihn Konzernchef Tom Enders in der Vergangenheit angedroht hatte, stehe nicht zur Debatte. Die Branche - besonders auch Enders - hat wiederholt den restriktiveren Kurs der Regierung in Berlin bei Rüstungsexporten kritisiert. Dieser gefährde in Deutschland Arbeitsplätze.

Neues Kerngeschäft

Die deutsche Regierung lässt der Teilrückzug von Airbus aus dem Militärgeschäft nicht kalt. Ihre Luftfahrtkoordinatorin Brigitte Zypries sagte in Augsburg, der Wettbewerb für Airbus verschärfe sich. "Die Veränderungen bei Airbus sind nicht dazu angetan, dass man dort mit Leichtigkeit und Euphorie durch die Gegend geht." Sie habe für den 11. Dezember zu einem Runden Tisch eingeladen. "Wir können in Deutschland gemeinsam durch Dialog eine Lösung finden", sagte die SPD-Politikerin.

"Wir haben ein Ziel: Wir wollen in den Geschäften, in denen wir aktiv sind, eine globale Führungsposition haben", erklärte Gerwert die Ankündigung. Das sei im Raumfahrtgeschäft, bei den Militärflugzeugen und Drohnen und bei den Lenkflugkörpern erreichbar. "Diese Bereiche werden in Zukunft unser Kerngeschäft sein - und natürlich die damit verbundenen Service-Geschäfte", kündigte der Manager an. Dort seien auch Zukäufe denkbar. "Das hängt von den Gelegenheiten ab, die sich bieten", sagte Gerwert.

Verkauf von Atlas Elektronik

Der Airbus-Manager rückt mit den Verkaufsplänen von der Strategie seines Vorgängers Stefan Zoller ab. Dieser hatte den Bereich breiter aufgestellt und wollte sich mit mehr nicht-militärischen Kunden dagegen wappnen, dass der Rüstungsmarkt in den westlichen Ländern schrumpft. Doch der neue Chef scheut die Kosten für den nötigen Ausbau von Sparten, wie der zivilen Satellitenkommunikation oder dem Behördenfunk, den auch deutsche Sicherheitskräfte nutzen. "Um dieses Geschäft langfristig abzusichern, müssten wir erhebliche Investitionen tätigen", sagte er.

Besonders spannend ist der Verkauf der Minderheitsbeteiligung von 49 Prozent an der im maritimen Bereich tätigen Atlas Elektronik. Erster Ansprechpartner für Airbus ist hier der Mehrheitseigner ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS), der 51 Prozent hält und ein Vorkaufsrecht hat. ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger sagte am Dienstag in Essen, er wolle mit Airbus über eine Lösung sprechen. An TKMS wiederum hat laut Zeitungsberichten der Rivale Rheinmetall Interesse angemeldet.

Eurofighter und A400M

In Branchenkreisen wird erwartet, dass ThyssenKrupp bei einem attraktiven Angebot zu einem Verkauf von Marine Systems bereit wäre. Kontakte gebe es bereits, sagte ein Insider. Der U-Boot-Bauer ThyssenKrupp setzt im Marine-Geschäft 1,3 Mrd. Euro im Jahr um. Rheinmetall wiederum könnte sich dann auf ein vergrößertes Rüstungsgeschäft konzentrieren und seine Autozuliefertochter an ThyssenKrupp abgeben. Hiesinger betonte, der Konzern wolle in dem Bereich wachsen, Übernahmen seien für die Zukunft nicht ausgeschlossen.

Airbus Defence & Space baut nicht nur die europäische Trägerrakete Ariane, sondern fertigt und betreibt auch Satelliten. Im militärischen Flugzeugbau stellt der Konzern den Kampfjet Eurofighter und den Transporter A400M her und engagiert sich in der Entwicklung von Drohnen. Zudem ist er an MBDA beteiligt, die unter anderem die Panzerabwehr-Rakete Milan baut.

Die zunächst bei Airbus verbleibenden Sicherheits- und Elektronik-Geschäfte, zu denen auch die erst vor zwei Jahren von Carl Zeiss gekaufte Sparte Optronics gehört, stehen ebenfalls vor einer ungewissen Zukunft. "Wir werden unser Security- und Verteidigungselektronik-Geschäft nochmals stärker unter dem Aspekt anschauen, wie wir es weiterentwickeln können - aber klar unter der Maßgabe, dass sie nicht mehr Kerngeschäft sind", sagte er. "Das heißt, wir werden in diese Geschäfte nicht weiter investieren." (APA, 16.9.2014)

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