Wenn Plastik grüner ist als Bäume

19. September 2014, 14:55
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Als Lorna Rutto ihre gut bezahlte Arbeit bei einer Bank aufgab, um sich ihrem Hobby aus Teenagerzeiten zu widmen – Plastik zu Ornamenten zu formen und an Freunde zu verkaufen –, glaubte viele Leute, sie spinne. Mit ihrem Ersparten und mit 500.000 Shillings (5.813 Dollar) vom Enablis Business Award, den sie bei einem Schreib-Wettbewerb gewonnen hatte, gründete Rutto eine kleine Fabrik, die Produkte für Landschaftsgestaltung aus Plastik herstellt.

Im März 2010 gehörte sie zu dem Mitbegründern von EcoPost Ltd., einem Unternehmen, das aus Plastikmüll Pfosten für Verkehrszeichen und kleine Strukturen wie Hundehütten oder Hühnerställe macht.

Für die in Nakuru geborene Rutto war es ein Sprung ins kalte Wasser. Nach vielmaligem Versuch und Irrtum – vor allem Irrtum – gelang es ihr endlich, das Rezept zu finden, das in der Fabrik in der Kariobangi-Light-Industry in Kenias Hauptstadt Nairobi aus Müll etwas Profitables machte – "trash into cash".

"Nicht viele würdigen es, wenn man einen gut bezahlten Angestelltenjob aufgibt", sagt Rutto in einem Interview für SparkNews, "vor allem mein Papa nicht."

Schon in der Schule erhitzte sie Plastik und stellt fest, dass das wieder erkaltete Material in einem Behälter die Form dieses Behälters annahm. "Das ergab schöne Muster. Ich machte das immer oft und begann, die Ergebnisse meinen Freunden zu verkaufen."

Lorna Rutto, die an der Africa Nazarene Universität einen Abschluss in Buchhaltung hat, konnte sich damals nicht vorstellen, dass ihr Recycling-Projekt zu einem neuen Grundsatz heranwachsen würde: Plastik ist grüner als Bäume. Man konnte sich nicht vorstellen, dass Plastikmüll, diese Umweltgefahr, der Schlüssel zum Schutz von Kenias Wäldern werden könnte. "Ihn zu recyceln, statt Bäume zu fällen, um Bauholz zu gewinnen, ist die grünere Alternative", sagt die 30-Jährige.

Es ist ein doppelter Vorteil: Zum einen hilft das Recycling, das Müllproblem zu lösen, das man in vielen Orten Kenias deutlich sieht. Zum anderen werden damit Bäume gerettet, in einem Land, dessen Waldfläche unter den von den Vereinten Nationen empfohlenen zehn Prozent der Landesfläche liegt.

EcoPost recycelt fast 770 Kilo Plastikmüll jeden Tag, 20 Tonnen im Monat, und stößt 100 Pfosten täglich aus – das Äquivalent von zehn (geretteten) Bäumen. Diese Pfosten sind nicht mehr nur, wie ursprünglich von Rutto geplant, für den Hausgebrauch da, sie werden mittlerweile auch in Nationalparks und Touristen-Resorts geliefert. Ferner dienen sie als Stützpfeiler in Häusern, Kuhställen und Garagen. Kleinere Modelle finden Anwendung in Kleintierställen. Sie werden zu Zaunpfählen, Teilen von Dachstühlen, zu Pritschen, Stegstützen und zu Gartenmöbeln und Picknickbänken.

Zu den Vorzeigeprojekten der EcoPost "Plastic Lumber"-Produkte zählen die Umzäunung des Aberdare-Nationalparks und des Giraffenzentrums in Karen; sie wurden auch für die Beschilderung des Thika Super Highway verwendet. Dort haben sie den Vorteil, dass Vandalen, die oft Stahlstrukturen beschädigen, sie nicht ruinieren.

Zur Zeit ist laut Statistiken des Kenia Forstdientes KFS nur 2,5 Prozent der Fläche des Landes geschlossener Wald; das ist weit unter der Auflage in der Verfassung, die bis 2030 zehn Prozent Wald vorschreibt.

Dank der Erzeugung von 24.000 Plastikpfosten im vergangenen Jahr hat EcoPost nach Berechnungen der Canadian Forestry Association bis jetzt das Äquivalent von 350 Hektar Wald gerettet. Das heißt, dass das Unternehmen auch 875 Tonnen Treibhausgas eingespart hat; Studien der CFA in Ottawa haben gezeigt, dass ein Hektar neuer Wald zweieinhalb Tonnen reduzieren kann.

Die überraschenden Statistiken machen aus Plastik einen unerwarteten Mitkämpfer in der Kampagne zur Rettung von Wäldern. "EcoPost reduziert das Abholzen von Hart- und Nadelholzwäldern, indem es einen praktikablen Ersatz für viele Verarbeitungen von Holz aufzeigt", sagt Rutto. "Wir bieten eines der umweltfreundlichsten Produkte an, die derzeit auf dem Markt erhältlich sind."

Seit Beginn seiner Tätigkeit hat EcoPlast eineinhalb Millionen Tonnen Plastikmüll aus Kenias Straßen, Haushalten und Müllplätzen abgezogen. Untersuchungen haben ergeben, dass Nairobi rund 1.900 Tonnen Müll täglich produziert; 93 Prozent können entweder recycelt werden, oder sie sind organischer Natur und können als Dünger verwendet werden. Ein geschätztes Viertel des Gesamtmülls besteht aus Plastik, das Meiste davon schafft es nicht zu Nairobis offizieller Müllablagerung in Dandora.

Rutto trotzte den Herausforderungen der Kapitalbeschaffung, der mangelhaften Energieversorgung und des von Männern dominierten Handels und baute ein Recycling-Unternehmen auf, das 2012 einen Umsatz von 165.000 Dollar (14,3 Millionen Shilling) machte. "Das Unternehmen ist profitabel und nachhaltig, und unsere Mission ist es, Jobs für die am Rand der Gesellschaft Stehenden zu schaffen", sagt die Plastik-Produzentin. "Das hat die Lebensbedingungen von Hunderten von Jugendlichen und Frauen verbessert." Das Unternehmen beschäftigt zurzeit 40 Angestellte im Werk an der Baba Dogo Road in Nairobis Bezirk Ruaraka. 500 Menschen verdienen außerdem mit dem Einsammeln, Sortieren und Verkaufen von Plastik ihren Lebensunterhalt.

Die Firma kauft alle Arten von Plastikmüll, auch Flaschen und andere Behälter, um 20 bis 45 Shilling pro Kilo je nach Qualität des Mülls. Die 20 abgelieferten Tonnen pro Monat bedeuten also bis zu 900.000 Shilling Einkommen. Nach der Ablieferung wird der Müll nochmals sortiert, fremde Elemente werden entfernt. Was übrigbleibt, kommt in den Shredder. Dann wird das Material erhitzt und kommt in einen Extruder mit einer Form, die den Maßen der gewünschten Endprodukte angepasst ist. Danach wird das Plastik fünf bis zehn Minuten in Wasser gekühlt und aus der Form entfernt.

Der übliche Preis, so Rutto, für einen Zaunpfosten von 7,5cm Durchmesser und 2,10 Meter Länge liegt bei 550 Shilling. Stärkere Pfosten kosten mehr. Plastikpfosten bedeuten ihr zufolge Kostenersparnisse, weil sie wenig bis gar keine Wartung brauchen, nicht verrotten und nicht von Termiten angegriffen werden, also eine längere Lebensdauer haben. Sie benötigen auch keine chemischen Behandlungen, um länger funktionsfähig zu bleiben, tragen also zur Verminderung von Umweltschäden durch Chemie bei. "EcoPost-Pfosten können auch nicht gestohlen und als Brennholz verwendet werden", sagt Lorna Rutto, "wie das in vielen Gegenden in Kenia geschieht." (David Herbling, The Nation, Kenya)

Zusatzinformationen:
Lorna Rutto und ihr Unternehmen haben viele Preise weltweit gewonnen, und ihr Scharfsinn bei der Verwandlung von Müll in eine wertvolle und umweltschonende Ressource hat ihr finanzielle Beihilfen eingebracht. Als Cartier-Laureatin für Sub-Sahara-Afrika bekam sie 2011 20.000 Dollar, der SEED-Preis für Unternehmer in nachhaltiger Entwicklung brachte ihr 5.000 Dollar, der World Wildlife Fund for Nature Award 5.000 Euro, und 2012 wurde sie Mitglied des amerikanischen Unreasonable Institute.

Im letzten Jahr stand Rutto auf der Forbes-Liste der wichtigsten 30 Unternehmer unter dreißig, und der Guardian nominierte sie als eine der erfolgreichsten Frauen Afrikas.

Übersetzung: Michael Freund

  • Plastikmüll ist der Schlüssel zum Schutz von Kenias Wäldern geworden.
    foto: diana ngila

    Plastikmüll ist der Schlüssel zum Schutz von Kenias Wäldern geworden.

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