Raumbeleuchtung mithilfe eines Sandsacks

19. September 2014, 14:28
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Zwei Londoner Industriedesigner fanden eine saubere, billige Lösung, wie Menschen in Entwicklungsländern zu jeder Tages- und Nachtzeit ihre Behausungen beleuchten können

Am Anfang war das Scheitern, das dazu führte, die Kreativität anzukurbeln und eine andere Lösung zu finden. Martin Riddiford und Jim Reeves, zwei Produktdesigner mit Sitz in London, wurden von der Wohltätigkeitsorganisation SolarAid beauftragt, eine Lampe mit einem Solar-Panel und einer Batterie zu entwickeln, die weniger als 5 Euro kostet. Ziel war es, Menschen in Entwicklungsländern eine Alternative zu Kerosin anzubieten, das teuer, giftig, schmutzig und gefährlich ist.

Nach viel Kopfzerbrechen mussten die Industriedesigner eingestehen, dass sie den Auftrag nicht erfüllen konnten. Die Verwendung von Solarenergie nach Einbruch der Dunkelheit setzt eine Speichereinheit in Form einer Batterie voraus. Und die macht jedes Produkt teuer und ineffizient. Benötigt wurde Energie, die mühelos erzeugt und sofort verwendbar ist.

Und da kam den beiden Männer die Erleuchtung. "Die Erkenntnis, dass aus der Schwerkraft gewonnene Energie teure Speichereinheiten ersetzen kann, war mit Sicherheit ein bedeutender Moment", sagt Reeves. "Die Idee, dass ein so einfaches Ding wie ein Sack voll Sand oder Schmutz das Mittel sein kann, um genug kinetische Energie zu erzeugen, war der andere."

Das GravityLight übertrifft andere von menschlicher Kraft betriebene Produkte wie das Kurbelradio oder Pedal-Lampen, weil es so rasch Energie erzeugt. Drei Sekunden dauert es, den Sack hochzuheben, bis zu 28 Minuten leuchtet damit eine schwache Lampe. "Martin bewies das erstmals mit einer Konstruktion aus Fahrrad-Rädern, Ketten und einer Handkurbel-Taschenlampe", erzählt Reeves.

GravitiyLight wiegt knapp ein Kilo und besteht aus wenigen Basis-Teilen: dem Haupt-Gehäuse, das ausschaut wie ein Mix aus Eieruhr und Angelrolle, dem Gurt, an dem die Gewichte hängen und der durch den Generator läuft, und zwei Säcken mit Haken, die an den Gurt gehängt werden. Mit Sand oder Steinen gefüllt wiegt der größere Sack zehn Kilogramm (bei Überladung leuchtet ein rotes Warnlicht auf). Sobald er gefüllt ist, wird der kleinere Sack an das andere Ende des Gurts gehängt und fungiert als Gegengewicht. Der Gurt läuft durch eine Reihe kleiner Zahnräder, die die kinetische Energie in Strom für das LED-Licht verwandeln. "Es macht beim Betrieb zwar ein schwaches Geräusch", sagt Reeves, "Aber das ist fast unhörbar." Während das GravityLight 0,1 Watt erzeugt, kann es gleichzeitig andere Geräte wie Taschenlampen oder Radios betreiben oder aufladen.

2012 schaute die Zukunft für die Erfinder des GravitiyLight nicht sehr rosig aus. Sie brauchten Geldmittel, um mehr als 1000 Lichtanlagen zu produzieren und für Testläufe in Afrika und Indien zu verteilen. Sie wollten wissen, ob die Anlagen die rauen Bedingungen aushalten, unter denen sie funktionieren müssten. Und sie fragten sich, ob die Menschen bereit wären, alle 20 Minuten eine Sack hochzuheben.

Reeves und Riddiford wandten sich über die Crowdfunding-Plattform Indiegogo an die Öffentlichkeit. Die Ergebnisse waren verblüffend: sie erreichten ihr Ziel-50.000 US$ (38.200 €)- innerhalb von vier Tagen. Und der Erfolg ging lawinenartig weiter. "Die Menschen haben’s sofort verstanden. Sie waren überzeugt davon, dass GravityLight funktioniert", sagt Reeves. Sowohl NGOs als auch Privatpersonen erkannten die Vorteile. "Jeder, der einmal einen Hurrikan oder einen Tsunami miterlebt hat, weiß, was es heißt, ohne Strom zu sein." Zur Halbzeit der Kampagne twitterte Bill Gates zu seinen 9,2 Millionen Followern über das Licht und nannte es eine "ziemlich coole Innovation". Innerhalb von 40 Tagen kamen fast 400.000 US$ (über 305.000€) zusammen.

Die Feldversuche fanden in 27 Ländern statt, von Peru bis zu den Philippinen, unterstützt von vielen Wohltätigkeits- und Hilfsorganisationen und von NGOs. Riddiford reiste für Vor-Ort-Tests nach Sri Lanka und fand heraus, dass noch ein Problem zu lösen war: Das Licht geht ganz plötzlich aus und taucht damit den Raum in absolute Dunkelheit. Eine Änderung der Form des Sacks führte dazu, dass er nun rund 60 Sekunden braucht, bis er völlig am Boden aufliegt, dabei verlöscht das Licht langsam. Dadurch gewinnt man genug Zeit, um den Sack wieder hochzuheben.

Die Designer erkannten auch die Notwendigkeit einer punktuellen Beleuchtung und entwickelten SatLights, die an das GravitiyLight angedockt werden können. Damit ist es möglich, einzelne Teile eines Raums gezielt zu beleuchten, einen Tisch oder den Herd zum Beispiel. "Die Lichtstärke geht zwar ein bisschen zurück, je mehr Leuchtmittel man anhängt. Aber wenn man nur ein SatLight am GravityLight andockt, hat man den Eindruck, dass man bei jedem LED mehr als 50 Prozent der Ausgangslichtstärke erzielt. Das hat teilweise mit der Art, wie wir Lichtstärke wahrnehmen, zu tun, teilweise ist das eine Eigenschaft der LEDs", sagt Reeves.

Das GravityLight soll 2015 auf den Markt kommen mit einem Einstiegspreis von rund 10 US$ (rund 7,7 €) für Entwicklungsländer. Reeves und Riddiford hoffen, einen niedrigeren Preis erreichen zu können durch Gewinne, die sie am westlichen Markt erzielen. Sie sind derzeit mit Camping-Geschäften und Supermärkten als Handelspartner im Gespräch.

So hat das Unvermögen, eine günstige Solarlaterne zu entwickeln, zu einer weltweiten Aufgabe geführt. Ohne Bedauern sagt Reeves: "GravityLight ist ohne Zweifel das erfüllendste Designprojekt, an dem ich mitgearbeitet habe." (Sandra Norrman, Sparknews, Frankreich)

Übersetzung: Gertraud Schneider

  • Licht, auch ohne Zugang zu Elektrizität.
    foto: sparknews

    Licht, auch ohne Zugang zu Elektrizität.

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