Ein wirklich außergewöhnliches Heizungssystem

19. September 2014, 14:29
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Ein IT-Entwickler in Paris hat einen Radiator erfunden, der Computer Prozesssteuerung als Quelle für Wärme nutzt

Im Herzen von Paris, auf der Pierre- und Marie-Curie-Universität, forschte der junge Brice Hoffmann nach einer Heilmethode für Mukoviszidose, bei der er eine 3D-molekulare Docking-Software anwendet. Dieser Prozess verbraucht eine enorme Menge an Computer-Energie, was sich die Universität normalerweise nicht leisten kann. Hoffmann hat jedoch Zugang zu dieser kostenintensiven Leistung zu einem geringen finanziellen Aufwand dank des französischen Unternehmens Qarnot Computing. "Quarnot ermöglicht es uns, aufgrund ihrer innovativen Erfindung unsere Forschung zu erweitern und noch schneller zu erzielen", erzählt Hoffmann.

Durch den Einsatz der speziellen Quarnot-Technologie von Hoffmann und vielen anderen können über hundert Haushalte südliche des Eiffelturms mit kostenloser Wärme versorgt werden.

Quarnot’s Gründer, Paul Benoît, entwickelte das Konzept 2013, während er für die französische Bank Société Générale als Software-Entwickler und Risk-Manager tätig war. Privat hat er ebenfalls die Computertechnologie zu seinem Hobby gemacht. "Ich hatte etliche Computer in meiner Wohnung und alle machten extrem viel Lärm. Ich musste sie jedes Mal vor dem Schlafen gehen ausschalten. Doch dann wurde mir bewusst, wenn man einfach die Lüftung entfernt und sie trotzdem in Betrieb lässt, dass man dann ein wirklich gutes Heizungssystem hat", berichtet Benoît begeistert. 2010 entschloss er sich, aus seiner Idee ein Geschäftsmodell zu machen und hat die Firma Quarnot gegründet - der Name sollte eine Referenz an den französischen Physiker und Ingenieur Sadi Carnot darstellen.

Computer generieren Hitze, wenn Strom durch die elektrischen Verbindungen fließt und energiegeladene Reibungen erzielt. In kleineren Prozessoren wie Laptops kühlt eine integrierte Lüftung die ganzen Leiterplatten. Im Falle von hohen Datenprozessoren, welche z. B. Web-Unternehmen oder Universitäten verwenden, werden diese oftmals durch ein Cloud Service (das Speichern von Daten in einem entfernten Rechenzentrum) ersetzt. Solche Servicezentren generieren deutlich mehr Hitze und benötigen daher eine höhere Leistung an Lüftungssystemen. Was wiederum über 80 Prozent der operativen Instandsetzungskosten solcher Zentren in Frankreich ausmacht.

Statt ein aufwendiges Kühlungssystem für große Prozessoren zu finden, stellt Qarnot diese an einen Ort, wo es keiner Kühlung bedarf – eben als Heizungsobjekt in privaten Haushalten oder Büros. Benoît installierte 2013 spezielle Radiatoren, sogenannte Q.rad, in Wohnblocks. Diese Radiatoren belieferten Haushalte, die über ein geringes Einkommen verfügen, mit Wärme zum Nulltarif. Zurzeit sind über 350 Radiatoren bzw. Heizungen in Schulen, Wohnungen und Firmen in ganz Paris installiert.

Die Radiatoren haben eigene zentrale Prozessoren und können einfach ans Internet angeschlossen werden. Sobald sich jemand über einen Webzugang mit seinem Prozessor über das Qarnot-Netzwerk einloggt, produziert er zeitgleich Wärmeenergie. Theoretisch könnte somit jemand in Paris auf seinem Prozessor einen Film produzieren und zeitgleich von jemand andern die Wohnung in Lyon heizen. Man benötigt hierfür nur einen Internetzugang.

Sollte jemand große Datenmengen abwickeln müssen, kann er sich bei Qarnot die notwendige Datenverarbeitungskapazität erwerben. Qarnot versichert, dass es diesen Service um ein Viertel günstiger im Vergleich zu den üblichen Tarifen in Frankreich anbieten kann.

Zudem behauptet Qarnot, dass dieses System durch die Eliminierung von unnötigen Kühlungsanlagen und dem Austausch von herkömmlichen Heizungssystemen zur Verringerung des Treibhauseffekts beiträgt. Den Konsumenten wird dieser Beitrag zum Umweltschutz durch die Angabe eingesparter Ruß-Abgasen kommuniziert.

Im Falle einer niedrigen Datenverarbeitungsmenge bietet Qarnot kostenfreie Prozesszyklen an, um das Heizen der Radiatoren zu gewährleisten. Ähnliches passiert in der Sommerzeit, wenn Privathaushalte ihre Q.rads auf eine geringere Leistungsstärke einstellen - ähnlich wie der Wechsel von einem PC auf einen Laptop.

Diese Idee ist nicht unbedingt neu: bereits in 2010 hat sich ein Gewächshaus in Paris autark mit Wärme durch die Nutzung der eigenen Prozessoren versorgt. Ähnliches war der Fall in 2008, wo ein IBM-Prozessor einen Swimmingpool in der Schweiz eigenständig erwärmt hat. Doch das Konzept von Quarnots Heizungssystem ist noch radikaler. Es gliedert gleich mehrerer Prozessorquellen aneinander, umso mehr Heizungsenergie ausliefern zu können. Fürs erste ist diese Leistung nur innerhalb Paris möglich. Doch Quarnot möchte selbstverständlich diesen Service in der ganzen Welt anbieten.

Benoît beobachtet die rasante Nachfrage für diese Energiequelle mit Verständnis, solche Datenprozesszentren sind nicht für eine langfristige Strategie geschaffen. Er meint, dass die Demokratisierung der leistungsstarken Prozessoren am besten für kleine Unternehmen wie z. B. Biotech-Unternehmen geeignet sind, welche sich teure Heizungssysteme nicht leisten können.

Potentielle Kunden müssen noch davon überzeugt werden, dass Quarnots Modell sicher und leistbar ist. "Es ist natürlich für viele neu. Schon alleine der Gedanke, seine Daten über eine Cloud abzuwickeln, ist für viele Unternehmen ein Hindernis. Und dann auch noch uns zu vertrauen, das ist ein weiteres Entscheidungshindernis", erzählt er.

Datensicherheit bleibt immer wieder als Kritikpunkt im Raum stehen. Doch Datenverschlüsselungsprogramme in den Heizsystemen bzw. in den Prozessoren eliminieren das Risiko. Zudem werden die Daten über verschiedene Geräte verarbeitet, verteilt und machen sie so für möglichen Missbrauch unbrauchbar. Da die Q.rads keine Speicherkapazität haben, werden Daten nicht auf den Geräten in den Haushalten gespeichert.

In der Zentrale von Qarnot in Montrouge südlich von Paris füllen sich die Schreibtische und Gänge mit Einzelteilen, Kabeln und PC-Gestellen. Viele Praktikanten tippen wie wild. Inmitten dieser Landschaft und auf den Bildschirmen ist ersichtlich, wie viele Q.rads in ganz Paris im Einsatz sind. Doch auch diese Praktikanten wissen, wie die Q.rads funktionieren. Denn die ganze Zentrale wird von der einzigartigen Energiequelle beheizt. (Bryan Pirolli, Sparknews, Frankreich)

Übersetzung: Barbara Kociper

  • Der Radiator nutzt die Computer Prozesssteuerung als Quelle für Wärme.
    foto: sparknews

    Der Radiator nutzt die Computer Prozesssteuerung als Quelle für Wärme.

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