Co-labor als „Sprungbrett in die Berufswelt“

19. September 2014, 14:32
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Die Kooperative co-labor hilft seit 31 Jahren jungen Arbeitslosen, die Probleme auf dem Arbeitsmarkt haben, sich beruflich einzugliedern

Es ist kurz nach dem Mittag. Brütende Hitze und knallende Sonne machen Menschen zu schaffen: Müde schleppen sie sich durch die zu dieser Stunde fast leeren Straßen in Luxemburg-Beggen. Doch hier, im Garten von co-labor in der Rue Henri Dunant herrscht reger Betrieb. Konzentriert bücken sich eine Frau und zwei Männer an einem Beet mit Karotten und ziehen sie aus dem Boden heraus. Sie legen sie ein paar Meter weiter auf Gemüsekisten ab. Dann werden die größeren Stücke für den Verkauf aussortiert. "Der Marktstand hier hat eingeschlagen wie eine Bombe. Die Nachfrage nach unseren Bioprodukten ist groß", sagt Marc Kohl (57), Geschäftsführer von co-labor, einer Beschäftigungsinitiative die seit 1998 den Bio-Gemüseanbau betreibt. "Wir beliefern im Schnitt über 550 Kunden mit Gemüse und Obst", sagt Kohl stolz. Gegenüber dem Feld wurde ein Verkauf eingerichtet, außerdem ist co-labor mit seinem Angebot auf den Wochenmärkten in Luxemburg-Stadt und Düdelingen präsent.

Das Unternehmen, das auf die berufliche Wiedereingliederung von Arbeitssuchenden setzt, wurde 1983 gegründet. Das Ziel: jungen Leuten zwischen 18 und 25 Jahren den Weg zum Arbeitsmarkt zu erleichtern. Mittlerweile ist die Zielgruppe des Solidarbetriebs etwas größer geworden: Auch ältere Arbeitssuchende kommen nach der Zuweisung der Arbeitsagentur Adem immer öfter. Das Unternehmen, das zum Teil vom Familien- und Arbeitssministerium unterstützt wird, führt unterschiedliche Projekte aus: Sie reichen von Arbeiten im Garten- und Landschaftsbau, im Forst- und Naturschutzbereich, über den Betrieb einer Bio-Baumschule, den Gemüse- und Obstanbau nach biologischen Standards, die Produktion von Brennholz aus nachhaltiger Forstwirtschaft bis hin zum Verkauf von Gartenbaumaschinen und Werkzeugen. Arbeitssuchende können bei co-labor eine Ausbildung oder ein kurzes Orientierungspraktikum absolvieren. "Im Schnitt bleiben sie bei uns acht bis neun Monate, doch bei vielen dauert die Ausbildungszeit zwischen drei Monate und zwei Jahre", weiß der Geschäftsführer. Als Entschädigung bekommen Auszubildende den gesetzlich geregelten Mindestlohn für unqualifizierte Arbeitskräfte. Das Unternehmen hat sich im Laufe der Jahre zu einer Genossenschaft entwickelt und bietet für Mitglieder die Möglichkeit, an Entscheidungsprozessen innerhalb des Betriebs mitzuwirken.

"Leute finden schnell Kontakt zueinander"

Aber nun kommt Verstärkung auf die Felder in Beggen. Drei weitere Auszubildende übernehmen die Sortier-Arbeit an den Gemüsekisten, während die ersten drei Mitarbeiter wieder zu den Beeten zurückkehren. "Mir gefällt es sehr hier", sagt Phil Scheuer (28). Der gelernte Kaufmann hat seinen früheren Job im Büro an den Nagel gehängt, um eine Ausbildung bei co-labor zu absolvieren. Seit ungefähr einem Jahr arbeitet er beim Gemüseanbau in Beggen mit: Pflanzen pflegen sowie die Hilfe beim Düngen und Unkraut entfernen gehören zu seinen täglichen Aufgaben. "Man lernt hier immer etwas dazu. Die Ausbildung ist breitgefächert. Ich finde es auch sehr positiv, dass die Leute hier schnell den Kontakt zueinander finden", sagt der 28-Jährige. Dass die Arbeit eine erhebliche körperliche Belastung mit sich bringe, schrecke den Lehrling nicht ab: "Der Job geht stark in den Rücken, aber man muss schauen, dass man sich ausreichend bewegt."

Dass die Ausbildung im Betrieb für viele eine entscheidende Rolle bei der späteren Arbeit spielt, weiß Marc Kohl. "Unsere Initiative ist für viele ein Sprungbrett in die Berufswelt", gibt er zu. In der letzten Zeit sei deswegen das Ausbildungskonzept stark ausgebaut worden, erzählt der Geschäftsführer. "Vorher setzten wir mehr auf Learning by Doing, jetzt steht Learning by Thinking im Vordergrund." Zu jedem Berufsfeld werde eine Art Ausbildungslehrbuch ausgearbeitet, das Lehrlinge nutzten. Außerdem kümmert sich laut Kohl eine Person darum, das Ausbildungsprogramm den reellen Anforderungen des Arbeitsmarktes anzupassen. Kohl: "Wir versuchen die Lehrlinge so viel wie möglich zu orientieren, pflegen Kontakte zu Arbeitgebern, damit unsere Auszubildende das Gefühl haben, mit einem Bein im Unternehmen zu stehen."

Identität und gute Qualität der Dienstleistungen

Nicht die Anhäufung von Gewinn, sondern die soziale Verantwortung und die Stärkung der Identität des Unternehmens stehen im Vordergrund der Kooperative: "Für uns ist es wichtig, die finanzielle Autonomie zu behalten. Wir wollen nicht zum sozialen Hilfswerk werden, sondern unser Ziel ist, dass die Leute unsere Initiative mit guter Qualität in Verbindung bringen", stellt der Geschäftsführer klar. Und die geleistete Arbeit lässt sich sehen: Bei der Ausbildung eignen sich die Lehrlinge soziale Kompetenzen an; sie lernen, die Verantwortung zu übernehmen und die Hierarchien auf dem Arbeitsplatz zu respektieren. 168 Mitarbeiter werden zurzeit bei co-labor beschäftigt; vor 31 Jahren waren es nur zehn. 103 Menschen befanden sich im vergangenen Jahr in einer Wiedereingliederungsmaßnahme bei co-labor.

Szenenwechsel, hin zur Zentrale an der Route d'Arlon. Zwei junge Männer in Schweißermasken versuchen in einer Werkstatt, zwei Bauteile miteinander zu verbinden. Die Lehrlinge lernen unter der Anleitung des Vorarbeiters den Beruf eines Schweißers und unterschiedliche Schweißverfahren kennen. Francisco Semedo Borges (38) ist begeistert: "Der Beruf gefällt mir ganz gut. Ich habe vieles gelernt und ich mag den Chef", sagt der gebürtige Kapverdier. Antonio Cecinati (35) schätzt dagegen den späteren Nutzen der Ausbildung: "Mit Schweißerfahrung habe ich mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt", sagt er. Außerdem verstehe er sich mit seinem Kollegen gut: "Er lernt portugiesisch, ich kapverdisch." (Irina Figut, Luxemburger Wort, Luxemburg)

  • Reger Betrieb auf den Feldern von co-labor in Beggen: Auszubildende Bryan Bück, Josée de Jesus und Maria Neonaki (v.li.) ernten Karotten und sortieren sie für den Verkauf aus.
    foto: co-labor

    Reger Betrieb auf den Feldern von co-labor in Beggen: Auszubildende Bryan Bück, Josée de Jesus und Maria Neonaki (v.li.) ernten Karotten und sortieren sie für den Verkauf aus.

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