Bangladeshs mobile Bücherei

19. September 2014, 14:30
posten

Polan Sarkar geht mit seinen Büchern von Haus zu Haus und weckt bei den Menschen die Freude am Lesen

Das Erste, was die Leute im Dorf sehen, wenn sie frühmorgens aufwachen, ist Polan Sarkar. Da steht er, lächelnd, mit seinem Sack voller Bücher auf seinen Schultern. 94 Jahre alt mag er sein, aber er ist munter wie ein junger Mann.

Viele Meilen ist er zu Fuß unterwegs, von Dorf zu Dorf wandert er mit seinen Büchern. Er kauft sie mit seinem eigenen Geld und borgt sie den Leuten. Nach einigen Wochen kommt er wieder vorbei. Die Dorfbewohner bringen ihm die Bücher zurück und borgen sich welche von der neuen Lieferung aus, die er mitgebracht hat. Seit 30 Jahren macht er das. Ungefähr 20 Dörfer erfasst er in Rajshahi, einem Bezirk von Bangladesh, und er hat auf diese Weise eine innovative Revolution des Lesens in der Region in Gang gesetzt.

Ein großer Teil der Bevölkerung des ländlichen Bangladesh, eines Landes mit rund 150 Millionen Einwohnern, ist arm und kann nicht lesen. Polan Sarka träumt davon, sein Dorf und die Dörfer in der Umgebung von Analphabetismus und Unwissenheit zu befreien.

Polan verlor seinen Vater, als er gerade fünf Monate alt war. Er ging zu Schule, aber nur bis zu sechsten Klasse. Danach machte die Armut jede weitere Ausbildung unmöglich. Er wollte nicht zu lesen aufhören, doch es gab kaum Bücher im Dorf. Also borgte er sich da und dort welche aus.

Nach einer Kindheit in Armut ging es ihm etwas besser, da er Land von seinem Großvater erbte. Er wurde erwachsen, heiratete und nährte weiter seinen Traum.

Als junger Mann schloss er sich einer Volksbühne in seiner Gegend namens Jatra an. Er spielte den Clown, brachte die Leute zum Lachen. Damals gab es nur wenige Jatra-Künstler, die lesen und schreiben konnten. Fotokopierer und Druckmaschinen gab es auch keine. Die Text musste mit der Hand abgeschrieben werden – das besorgte Polan Sarkar. Er saß im Seitenflügel und soufflierte den Schauspielern. So wuchs seine Liebe fürs Lesen weiter.

Polan Sarkar lebte im Haus seines Onkels mütterlicherseits. Er nahm die Steuern der Bauern ein, die auf dem Land des Onkels arbeiteten. Später arbeitete er als Steuereinnehmer für die regionale Regierung. Mit dem verdienten Geld kaufte er Bücher, und er las sie nicht nur, er lieh sie auch anderen.

Eines Tages gründete er ein eine Sekundarschule im Dorf, auf seinem eigenen Land. Die Bücher lieh er seinen Schülern. Die Verdienstvollsten unter ihnen bekamen sie als Geschenk. So säte er die Samen seiner Lese-Revolution.

Als bei ihm Diabetes diagnostiziert wurde, gab man Polan Sarkar den Rat, oft zu Fuß zu gehen. Da kam ihm eine Idee. "Die Leute kommen zu mir, um sich Bücher auszuborgen", dachte er sich. "Stattdessen kann ich ja zu ihnen gehen und sie ihnen bringen."

"Das war der Anfang", sagt Polan Sarkar heute. "Als die Leute sahen, dass ich die Bücher jemandem lieh, kamen sie und wollten auch welche. Nun wurde ich fast besessen davon, Bücher auf dem Fußweg zu verteilen."

Er fing an, von Haus zu Haus mit seinen Büchern zu gehen. Als sich das herumsprach, kamen alle möglichen Leute, auch Studenten und Hausfrauen, zu ihm und wollten welche. Er wurde zu einer mobilen Bücherei. Sein Haus wurde zur Dorfbibliothek.

Mit Vorliebe gibt Polan Sarkar den Menschen die Klassiker der Bangladeshi-Literatur zu lesen, auch Volksmärchen und Bücher anderer populärer Autoren leiht er gerne aus. Wegen Polan Sarkar wurde Abdur Rahim, der heute 55 Jahre alt ist, zum eifrigen Leser. Rahim hat ein Gemüsegeschäft in Digha Bazar. Inzwischen liest er nicht nur regelmäßig, er hält auch jeden Nachmittag einen Lesekreis in seinem Laden ab. "Polan Sarkar hat in mir die Liebe zu Büchern entzündet", sagt er.

Polan Sarkars Buchlese-Bewegung war auf wenige Dörfer in Rajshahi beschränkt. Niemand außerhalb der abgelegenen Gegend wusste von ihr. Erst als die Zeitung Prothom Alo am 27. Februar 2007 eine Geschichte über ihn veröffentlichte, erfuhren die Menschen von ihm. Daraufhin bekam er einen nationalen Preis namens Ekushey Padak.

Immer noch ist Polan Sarkar täglich mit seinen Büchern unterwegs. Er hat Humor und Lust am Leben. Den Menschen in seiner Umgebung ist er seit langem eine Inspiration. Sein Enthusiasmus für Bücher hat sich längst verbreitet. Viele sind seinem Beispiel gefolgt und haben ebenfalls Büchereien gegründet, und sie verteilen Bücher von Dorf zu Dorf. (Abul Kalem Muhammad Azad, Prothom Alo, Bangladesh)

Übersetzung: Michael Freund

  • Polan Sarkar (li.) geht mit seinen Büchern von Haus zu Haus und weckt bei den Menschen die Freude am Lesen.
    foto: shahadat parvez

    Polan Sarkar (li.) geht mit seinen Büchern von Haus zu Haus und weckt bei den Menschen die Freude am Lesen.

Share if you care.