Am Telefon Englisch lernen

19. September 2014, 14:34
posten

Bevor der 22-jährige brasilianische Ingenieurstudent Marcelo Akimitsu Oya an dem Projekt "Speaking Exchange" seiner Sprachschule teilnahm, hatte er schon mehrere Male mit Menschen gesprochen, deren Muttersprache Englisch ist. Diese Kontakte bei zwei Aufenthalten in den Vereinigten Staaten beschränkten sich aber meist auf Ja und Nein. Nie gab es die Chance, eine richtige Unterhaltung zu führen, geschweige denn, sich mit einem erfahrenen Ingenieur über technische Fragen auszutauschen.

"Speaking Exchange", entwickelt von einer der weltweit größten Werbeagenturen und durchgeführt von einer Sprachschule mit 600 Filialen in ganz Brasilien, ist ein Pilotprogramm mit dem Ziel, zwei Gruppen zusammenzubringen, die weit voneinander entfernt sind: Englischstudenten in São Paulo, die ihre neu erworbenen Kenntnisse unbedingt ausprobieren wollen, und Senioren in Illinois, für die die Aussicht, durch Gespräche mit jungen Leuten ihren monotonen Alltag zu bereichern, durchaus interessant ist.

Beide Gruppen treten über eine eigene Skype-ähnliche Software in Kontakt, so dass sie einander während der Unterhaltung sehen können, und wenn das Gespräch ins Stocken kommt, werden ihnen auch mögliche Themen vorgeschlagen. Studenten und Senioren erklären aber übereinstimmend, dass praktisch niemand auf diese Vorschläge eingeht.

"Wir reden über unser Leben, unsere Familien, unseren Alltag, unsere Hoffnungen und Wunschvorstellungen", sagte Marcelo, der seit anderthalb Jahren zweimal die Woche Englisch-Unterricht nimmt, um bei Bewerbungen für ein Praktikum bessere Chancen zu haben. "Es ist wirklich super gut."

Obwohl Brasilien während der Fußballweltmeisterschaft im internationalen Scheinwerferlicht stand, ist das riesengroße Land doch weitgehend abgeschnitten vom Rest der Welt, ein portugiesischsprachiger Gigant, umgeben von spanischsprachigen Ländern und noch immer ein relativ exotisches Ziel, das nur die unerschrockensten Reisenden anlockt.

In vielen Teilen dieses unermesslich großen Lands wird ein Ausländer auf der Straße neugierig angestarrt und ist sofort umringt von lachenden Kindern. Brasilianer mit Fremdsprachenkenntnissen sind rar, und wenn sie überhaupt Englisch sprechen, was selten genug vorkommt, dann sind ihre Kenntnisse miserabel, selbst bei den Mitarbeitern der besseren Hotels.

Für die meisten Sprachschüler von CNA, der Schule, die das Programm "Speaking Exchange" eingeführt hat, ist die Chance, mit leibhaftigen Amerikanern zu sprechen, eine hervorragende Gelegenheit, sagte Luciana Fortuna, die Marketingdirektorin des Unternehmens.

"Die meisten unserer Studenten kommen aus der wachsenden Mittelschicht, waren noch nie im Ausland und haben wahrscheinlich noch nie mit einem Ausländer gesprochen", so Fortuna. "Auf den ersten Blick mag es vielleicht nicht so aussehen, aber dank Speaking Exchange bekommen unsere Studenten Zugang zu Kultur, zu Bildung, zu Reisen."

Auch für die Bewohner der Seniorenresidenz von Windsor Park in Chicago ist das Programm ein Fenster zur Welt, erzählte die 87-jährige Bernice King, ehemalige Filialleiterin einer Genossenschaftsbank. "Ich war noch nie in Brasilien, aber ich wollte schon immer einmal dorthin reisen", sagte sie, die ihr ganzes Leben in einem Umkreis von achtzig Kilometern um ihren Geburtsort Melrose Park (Illinois) verbracht hat. "Und nun ist mein Wunsch umso stärker geworden. Die Studenten haben mir so viele interessante Dinge erzählt."

Mit den vielen Kindern und Enkelkindern, die sie häufig besuchen, ist die Dame keineswegs eine typische Bewohnerin eines Seniorenheims. Aber mit den CNA-Vertretern ist sie der Ansicht, dass "Speaking Exchange" eine dringend benötigte Gelegenheit für manche Senioren sei, die kaum soziale Kontakte haben.

"Die Studenten waren wunderbar, sie haben einfach gefragt, was ihnen gerade einfiel", sagte sie und lachte. "Ihr Englisch fand ich recht gut. Ich habe sie gut verstanden, auch wenn sie manchmal ein bisschen nervös waren."

Marcelo, der Ingenieurstudent aus São Paulo, der sein Englisch als "ganz brauchbar" einstuft, erzählt, dass er bei den Gesprächen mit drei Senioren ziemlich aufgeregt gewesen sei. "Nach ein paar Minuten wird man lockerer, die Wörter gehen einem flüssiger über die Lippen, und wenn einem das gesuchte Wort mal nicht einfällt, hilft einem der Gesprächspartner weiter. Das ist wunderbar."

Zu seiner Überraschung war die größte Verständigungsschwierigkeit nicht sein nasaler Portugiesisch-Akzent, sondern ein technisches Problem – vor einem Gespräch mit einem pensionierten Elektroingenieur war die Internetverbindung wegen eines Unwetters nicht sehr stabil.

Für die CNA-Studenten sind diese Gespräche optional, eine außercurriculare Aktivität, die nicht in die Benotung einfließt. Aber jedes Gespräch wird aufgezeichnet, und die Lehrer gehen sie mit den Studenten noch einmal durch, machen Vorschläge und verbessern hier und da.

Das Interesse an "Speaking Exchange" ist bei Studenten und Senioren sehr groß, sagte die Managerin Luciana Fortuna.

Das von der Werbeagentur FCB entwickelte Projekt begann im März 2014 in drei Sprachschulen der Region São Paulo. Bis Ende des Jahres sollen über hundert Filialen der Sprachschule CNA in ganz Brasilien an dem Programm teilnehmen. Am Ende könnten sämtliche Schulen dieses Programm anbieten.

Das Potential von "Speaking Exchange" ist enorm. "Für unsere Studenten ist Englisch ein Instrument, ihr eigenes Leben und das ihrer Umgebung zu verändern", sagte Fortuna. "Und die Senioren haben jemand, mit dem sie reden können." (Astrid Christoferson, Sparknews, Frankreich)

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Video: https://www.youtube.com/watch?v=nAsHjPchfDw

  • Die 87-jährige Bernice King im Gespräch mir einer Studentin.
    foto: sparknews

    Die 87-jährige Bernice King im Gespräch mir einer Studentin.

Share if you care.